Portrait einer Hundertjährigen – Irmgard Daser

Vom Gebet umhüllt wie von einem warmen Mantel

Diakonissin Irmgard Daser wurde am 20. Januar 1916 geboren. Sie sagt: „Wenn Gott mich heim ruft – ich bin bereit.“

Das Mittagessen beginnt mit einer Andacht. Diakon Stefan Loos hält den kurze Gottesdienst für die „Olgaschwestern“ im Mutterhaus der Diakonissen in Stuttgart. Sechs von ehemals 360 Frauen, die ihr Leben der Diakonie verschrieben haben, sind es noch. Schwester Erika, Schwester Mina, Schwester Anne und Schwester Susanne freuen sich sehr über den Besuch, aufmerksam und freundlich interessieren sie sich für die Menschen, die da gekommen sind, und ihr Tun. Schwester Irmgard Daser ist die älteste am Mittagstisch, treu umsorgt von ihrer Mitschwester, der Diakonissin Erika Finkbeiner, die so jung wirkt, so offen, fröhlich und zugewandt ist – niemand nimmt ihr ihre 77 Jahre ab. Ein „junges Häsle“, nennt Irmgard Daser ihre Freundin. Sie selbst hat vor wenigen Tagen ihren 100. Geburtstag gefeiert. Auch ihr sind die Jahre nicht anzusehen.

Gleich nach dem Mittagessen zieht es Irmgard Daser in ihr Büro. Sie setzt sich an den Schreibtisch, auf dem ihr Computer bereit steht. Wie sie mit ihm umgehen muss, hat sie sich vor Jahren selbst beigebracht. Es gilt, die Geburtstagskorrespondenz zu erledigen. In bunten Arbeitsablagen vorsortiert, stapeln sich die Glückwunschschreiben. Jeden einzelnen Brief will sie noch einmal in Ruhe lesen und sich bei jedem Gratulanten persönlich bedanken. Ob sie je gedacht hat, einmal 100 Jahre alt zu werden? „Das wird man auch ohne zu denken“, sagt Irmgard Daser. Das Porträt einer Frau, die ein Leben lang im Dienste der Menschen und der Vermittlung des Glaubens stand.


„Gott sendet seine Güte und Treue“ ist in das silberne Kreuz graviert, das Irmgard Daser am Kragen ihrer schlichten Schwesterntracht trägt. Dem Leitspruch der Olgaschwestern ist sie ein Leben lang gefolgt: als Säuglingspflegerin und Krankenschwester, als Gemeindehelferin und Lehrerin. Viele Jahrzehnte lang stand sie im Dienste der Menschen und verband ihre Arbeit mit einer tiefen christlicher Glaubensüberzeugung, die sie auch anderen zu übermitteln versuchte. Die enge Verbindung der Arbeit für die Menschen mit dem Glauben an Gott, betont Irmgard Daser, sei ihr immer besonders wichtig gewesen.

Den Weg zum Glauben, erzählt sie, habe ihr die Mutter vermittelt. Von ihr habe sie erfahren, wie viel Halt und Orientierung der Glaube an Gott im Leben geben kann. Der Vater studierte evangelische Theologie und brachte es bis zum Vikar, erfüllte sich dann aber seinen eigentlichen Berufswunsch und wurde Bauingenieur. Als Irmgard am 20. Januar 1916 geboren wurde, war der Vater als Hauptmann im ersten Weltkrieg. Erst im Mai, zur Taufe, bekam er Heimaturlaub und konnte sein drittes Kind sehen. Später arbeitete Vater Daser als Oberbaurat in Stuttgart, und die Familie lebte mit vier Kindern, zwei Mädchen und zwei Jungen, in Rohr, heute ein südlicher Stadtteil Stuttgarts. Eine schöne, eine unbeschwerte Jugend sei es gewesen, erinnert sich Irmgard Daser. Sie wohnten im alten Pfarrhaus von Rohr mit seinem großen Garten, den hohen Obstbäumen, Beerensträuchern und „45 Träublestöcken“, die Irmgard im Herbst so gerne aberntete. Im Sommer übten die Kinder auf der großen Wiese Theaterstücke ein und  führten sie an den Sonntagnachmittagen ihren Eltern und den Besuchern vor. Der Vormittag gehörte dem Kindergottesdienst. „Aber wir waren nicht traurig, wenn die Kinderkirch‘ einmal ausfiel“, gesteht Irmgard Daser.

In Rohr besuchte sie die Volksschule, später die Realschule in Vaihingen, „ein Weg zweieinhalb Kilometer meist zu Fuß, später mit dem Fahrrad“. Früh entdeckte sie ihre Liebe zur Musik, vor allem aber gefällt es ihr zu singen. „Ich sang überall begeistert, wo immer es etwas zu singen gab.“ Zeitweise sei sie in drei Chören gleichzeitig gewesen. Die Liebe zur Musik und zum Singen hat sie bis ins hohe Alter erhalten: Noch in ihrem neunten Lebensjahrzehnt leitete sie im Mutterhaus der Diakonissen den „Olgachor“.

Missionsschule in Schottland
Anfang der 1930er Jahre schloss sich Irmgard Daser den „Weggenossen“ an, einem deutschlandweiten Zusammenschluss der weiblichen evangelischen Jugend. Leiter der Zentralstelle in Berlin war der Theologe Otto Riethmüller. Als Vorsitzender der Jugendkammer der „Bekennenden Kirche“ richtete er sich gegen die Vereinnahmung der christlichen Jugend durch den Nationalsozialismus. Von Riethmüller, der sich auch als Dichter von Kirchenliedern einen Namen machte, stammt das Lied „Herr, wir stehen Hand in Hand“. Es ist einer ihrer Lieblingslieder  – es wurde auch an ihrem 100. Geburtstag gesungen. Das Grab von Otto Riethmüller auf dem Friedhof von Bad Cannstatt mit dem großen Kreuz, das fest auf einer steinernen Weltkugel steht, hat Irmgard Daser immer wieder besucht.

Ende Januar 1933 ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Im Sommer 1933 – Irmgard Daser  ist 17 Jahre alt – geht sie an das „Women’s Missionary College“ nach Edinburgh. Es sei seinerzeit eine Gunst gewesen, die Erlaubnis für einen Aufenthalt in der Missionsschule der Kirche von Schottland zu erhalten. „Es hat mich vor der Eingliederung in den nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädchen bewahrt“, sagt Irmgard Daser. In Schottland bleibt sie ein Jahr, dann kehrt sie zurück und absolviert in ihrer Heimatstadt Stuttgart eine Ausbildung zur Säuglingspflegerin. Mit 20 Jahren ist sie endlich alt genug, um sich ihren Wunsch zu verwirklichen, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen: Sie lässt sich in der Stuttgarter Diakonieschule zur Gemeindehelferin ausbilden. Regelmäßig besucht Irmgard Daser die Stiftskirche in Stuttgart und hört dort die Predigten der führenden Theologen aus der Bekennenden Kirche. Einmal muss sie miterleben, wie ein Redner direkt nach seinem Vortrag von der Gestapo abgeholt wird.

Von Stuttgart geht es zu einem ersten Praktikum als Gemeindehelferin nach Berlin-Ost. Dort wirkt Irmgard Daser in der Stadtmission, besucht Familien „in den Hinterhöfen der Gemeinde“ und betreut den „großen Jugendkreis“. An den Sonntagen macht sie mit den Jugendlichen Ausflüge. „Wir sangen in aller Öffentlichkeit christliche Lieder“, erinnert sie sich, „und einmal haben wir währenddessen von Ferne die Stimme von Joseph Goebbels gehört, der 1937 m Olympiastadion zur Hitlerjugend sprach.“

Im Frühjahr des Jahres 1938 lernt sie in der Berliner Stadtmission Eberhard Ratz kennen, einen „von vielen Damen umschwärmten“ Vikar. Auch sie mag den jungen Theologen, zeigt ihm ihre Gefühle aber nicht. Im Herbst beginnt sie das zweite in der Ausbildung vorgesehene Praktikum. Diesmal geht es nach Florenz. Dort arbeitet Irmgard Daser im deutsch-evangelischen Pfarramt. Hin und wieder gehen Briefe von Eberhard Ratz in Berlin nach Florenz zu Irmgard Daser – und umgekehrt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ereignet sich in Deutschland die „Reichskristallnacht“. In Folge des Pogroms wandern viele Juden über Genua in die Vereinigten Staaten oder nach Israel aus. Viele Auswanderer, erinnert sich Irmgard Daser, suchten Zuflucht im Deutschen Hospiz in Florenz, das zur evangelischen Gemeinde gehörte. Auch das Pfarrhaus in Florenz nimmt Familien auf. „Wir litten und weinten mit den Menschen“, schreibt Irmgard Daser in ihren Erinnerungen.

Im Dienst der Menschen
Im Frühjahr 1939 tritt Irmgard Daser ihre erste Stelle als Gemeindehelferin in der Gedächtniskirche in Stuttgart-West an. Zu ihren Aufgaben zählt es, evangelische Religion in den Schulen zu unterrichten. Der Religionsunterricht aber ist von den Behörden zwischenzeitlich gestrichen worden. So verlegt sie ihn kurzerhand in das Wohnzimmer des Pfarrhauses. Auch christliche Jugendfreizeiten sind im „Dritten Reich“ verboten – Irmgard Daser lädt ihre Mädchen stattdessen zur Bibelarbeit in die Ferienmansarde ihrer verstorbenen Großmutter nach Freudenstadt ein oder organisiert Pfarrhauseinladungen unter dem Tarnwort „Paula“. Sie erinnert sich, wie sie in einem Sommer mit zwölf Mädchen zu einem befreundeten Pfarrehepaar ins Hohenlohische gefahren ist. Den halben Tag leisteten sie Erntehilfe bei den Bauern, die andere Hälfte gehörte der Bibel, dem Singen und Musizieren in der Krypta der Kirche. Eines Abends sei ein Stein durch das Fenster auf die Betten der Mädchen geflogen – „da wurde uns bewusst, dass uns nicht alle Menschen im Dorf wohlgesonnen waren“. Im Jahr 1943 muss Irmgard Daser ihre Jugendarbeit in Stuttgart einstellen. Die Schulen waren evakuiert, viele Familien verließen die Stadt.

Eine Ausnahme bleiben die „Pfingstmontag-Jugendtreffen“, die Irmgard Daser veranstaltet. Trotz des immer stärker werdenden äußeren Drucks finden die Zusammenkünfte in allen Kriegsjahren von 1939 bis 1944 bei der Pfarrfamilie Stöffler in der Gemeinde Köngen in der Nähe von Esslingen statt. Immer mehr Mädchen seien von verschiedenen Orten aus angereist, berichtet Irmgard Daser: Erst waren es 300, an Pfingsten des Jahres 1944 mehr als 950 Mädchen, die in das Könger Pfarrhaus kamen. Unterstützt wird Irmgard Daser in all ihrem Tun von ihrem Vorgesetzten, Stadtpfarrer Erwin Ißler. Ihm habe sie es zu verdanken, „dass manche jugendliche Unvorsichtigkeit keine negativen Auswirkungen für mich und die mir Anbefohlenen hatte“. Vor allem aber, betont Irmgard Daser, sehe sie über dieser Zeit „Gottes bewahrende Hand, durch die junge Menschen den Parolen des Dritten Reiches widerstehen lernten“.

Zwei Sträuße Chrysanthemen
Am 5. November 1940, daran erinnert sich Irmgard Daser noch sehr genau, öffnet sich in ihrer kleinen möblierten Wohnung in der Stuttgarter Silberburgstraße die Tür. „Meine Hauswirtin schob jemanden hinein. Ich sah zwei Sträuße Chrysanthemen, einer lila und einer orange.“ Dahinter verbirgt sich Eberhard Ratz, der junge Vikar aus Berlin, der zwischenzeitlich als Soldat in den Krieg hatte ziehen müssen und den Heimaturlaub nutzte, um Irmgard Daser in Stuttgart zu besuchen. „Soweit es meine Gemeindearbeit erlaubte“, schreibt Irmgard Daser in ihren Erinnerungen, „machten wir in jenen schönen Herbsttagen Spaziergänge und hatten uns viel zu erzählen.“ Auch den Eltern in Rohr wird der junge Mann vorgestellt. Am 12. November muss  Eberhard Ratz zurück zu seiner Truppe. Irmgard begleitet ihn zum Stuttgarter Hauptbahnhof, und Eberhard macht ihr kurz vor seiner Abreise einen Heiratsantrag. „Jetzt war ich verlobt“, sagt Irmgard Daser. „Ich war so verwirrt, dass ich auf dem Heimweg mit der Straßenbahn weit über das Ziel hinausgefahren bin.“

Die Verlobungsfeier findet in der Weihnachtswoche in Berlin-Karlshorst statt. Irmgard Daser erzählt, wie ihr künftiger Mann den Gottesdienst zu Neujahr 1941 in seiner Gemeinde hielt. Es ist sein letzter Gottesdienst. Und auch die letzte Begegnung der beiden: Eberhard Ratz fällt am 23. August 1941 in Russland. Im gleichen Monat verliert Irmgard Daser ihren Bruder im Krieg.

Die letzten Kriegstage
In der Nacht vom 12. auf den 13. September 1944 sind die Einwohner von Stuttgart dem bis dahin schlimmsten Fliegerangriff ausgesetzt. Über 90 Prozent der Häuser in der Innenstadt und im westlichen Stadtteil werden zerstört, fast tausend Menschen sterben, 1600 werden verwundet, viele vermisst. „Es war wie in der Hölle“, schildert Irmgard Daser.

Als das Inferno vorbei ist, geht Irmgard Daser mit ihrem Chef, Pfarrer Erwin Ißler, über die Trümmerfelder. Auf ihrem Weg kommen sie an einem öffentlichen Luftschutzkeller vorbei, in dem 130 Menschen Zuflucht gesucht und darin erstickt waren. Auch viele Gemeindemitglieder sind unter den Toten. Die Polizisten fragen Irmgard Daser und Erwin Ißler, ob die beiden dabei helfen können, die Toten zu identifizieren. Zwei Tage brauchen sie dazu. Sie habe es kaum ausgehalten, „in die verquälten Gesichter der Erstickten zu sehen“. An einen toten Körper erinnert sie sich, der untere Teil war zu Asche verfallen, der Kopf kohlschwarz, das Gesicht nicht mehr zu erkennen. Der Haarknoten aber war erhalten, und in ihm steckte ein Bleistift – so hatte es die Frau des Metzgers aus der Falkertstraße immer getan. Am Schluss, sagt Irmgard Daser, habe man die toten Menschen wie „Holz gestapelt auf Leiterwagen“ zum Friedhof gefahren.

Am Montag, dem 1. Mai 1945, sieben Tage vor Kriegsende, notiert Irmgard Daser in ihr Tagebuch: „Heute hat Elisabeth, meine Schwägerin, ihren 30. Geburtstag. So traurig wird noch keiner gewesen sein. Der Krieg verloren, die Heimat zerstört, die Männer in Kriegsgefangenschaft oder gefallen.“

Eine Entscheidung
Die Eltern von Irmgard Daser sind alt geworden, der Vater krank und bettlägerig. Das schöne Pfarrhaus in Rohr gibt es nicht mehr, es ist bis auf den Grund mit allem Besitz verbrannt. Irmgard Daser lebt mit ihren Eltern und weiteren „zwei Partien“ in einer kleinen Wohnung in Stuttgart, die Küche müssen sich alle teilen. Sie gründet einen neuen Jugendkreis und besucht im Karl-Olga-Krankenhaus im Osten Stuttgarts regelmäßig ein Mädchen, das ihrem Jugendkreis angehört und bei einem schweren Straßenbahnunfall ein Bein verloren hat. Ihre zahlreichen Krankenbesuche bleiben nicht unbemerkt: Sie werden Sophie Schweikhardt, der Oberin der Olgaschwestern, berichtet. Im August 1946 erreicht Irmgard Daser ein Brief der Oberin. In ihm fragt Sophie Schweikhardt an, ob Irmgard Daser es sich vorstellen könne, Diakonisse zu werden. Sie konnte es sich nicht vorstellen, erzählt Irmgard Daser, sie habe keine Ahnung von der Diakonie gehabt und sah ihre erste Aufgabe seinerzeit darin, sich um ihre Eltern zu kümmern. Sie sagt der Oberin ab. Ein Jahr darauf verstirbt überraschend der Vater. Die Oberin meldet sich erneut: Ob der Weg nun frei sei für die Diakonie?

Mutter Daser spricht ihrer Tochter zu: Wenn es Gottes Wille sei, dann müsse Irmgard in die Diakonie gehen. Doch Irmgard zögert. Rückblickend schildert sie, wie es schließlich doch zu ihrer Zusage kam. Neun Nächte lang sei sie jeden Morgen um Punkt vier Uhr aufgewacht. Und jeden Morgen von vier bis sechs Uhr habe sie Gott alle Argumente aufgezählt, die gegen den Eintritt in die Diakonie sprachen. „Es war zermürbend!“, gesteht sie. In der zehnten Nacht wachte sie wieder um vier Uhr morgens auf. Da habe sie Gott eine Bedingung gestellt: „Wenn du mich ab heute wieder bis sechs Uhr schlafen lässt, dann sage ich ja.“ Tatsächlich schlief sie fest ein. „Um sechs Uhr beim Aufstehen wusste ich klar: Ich habe mich für die Diakonie entschieden.“ Seither hat sie ihren Entschluss nie mehr in Frage gestellt – auch wenn der Weg durch Tiefen ging, wie sie gesteht. So manches Mal in ihrem Leben als Diakonisse sei sie „nicht begeistert, um nicht zu sagen sauer über die Verfügungsgewalt des Mutterhauses“ gewesen.

Anfang Mai 1948 tritt Irmgard Daser als Jungschwester in das Mutterhaus der Olgaschwestern in Stuttgart ein. Es ist ihr Wunsch, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren – wieder erschließt sie sich ein neues  Feld. Im Jahr 1949 legte sie das staatliche Examen ab, anschließend wird ihr die Aufgabe übertragen, die Pflegeschülerinnen und die pflegerischen Tätigkeiten im Karl-Olga-Krankenhaus zu betreuen. Im Juni 1950 wird sie zur Diakonisse eingesegnet. Damals hat ihr Oberin Sophie Schweikhardt ein Wort zugesprochen, das sich tief in ihr Herz gesenkt hat und bis heute gilt: „À ta disposition!“ – Dir zur Verfügung.

Zwischen Mut und Demut
Die Arbeit mit jungen Menschen bleibt weiterhin ein Schwerpunkt der Diakonisse Irmgard Daser.  Tagtäglich fährt sie mit ihrem Lambretta-Motorroller zu Jugendkreisen und anderen Veranstaltungen in ihrem Kirchenbezirk. Im Jahr 1957 steigt sie auf einen VW-Käfer um, später fährt sie einen VW-Golf. Sie ist eine begeisterte Autofahrerin. Erst im Jahr 2005, mit 89 Jahren, nimmt sie freiwillig, aber „schweren Herzens“ von ihrem Wagen Abschied.

Neben der Gemeindejugendarbeit engagiert sich Irmgard Daser in den 1950er und 1960er Jahren in der Krankenpflege – und  wieder beginnt sie etwas Neues. Sie lässt sich zur Unterrichtsschwester weiterbilden und unterrichtet Krankenpflegerinnen, zunächst in der vom Diakonissenmutterhaus neu gegründeten Krankenpflegeschule in Neuenbürg im Nordschwarzwald, dann bis in die 1980er Jahre hinein in Stuttgart. Das sei keine leichte Aufgabe für sie gewesen. So manchen Inhalt, den sie ihren Schülerinnen vermitteln soll, muss sie sich erst selbst in mühsamer Arbeit aneignen. Ihre Unterrichtsfächer reichen von Biologie über Ernährungslehre bis hin zu Psychologie und Sozialkunde. Schon früh entdeckt sie die Medien als modernes didaktisches Instrument im Fachunterricht. Schallplatten, Tonbänder oder Hörspiele nutzt sie auch, um die christliche Jugendarbeit lebendiger zu gestalten. Sie will „die biblischen Geschichten in das Leben der jungen Leute hineinholen“.

Irmgard Daser wohnt währenddessen mitten unter ihren Schülerinnen im Mutterhaus in Stuttgart, was ihr sehr gefällt, liegen ihr doch die jungen Menschen nach wie vor besonders am Herzen. In den 1960er Jahren erlebt sie „einen anderen Typ Jugend als ich ihn bisher kannte“. Ihre Schülerinnen sind „freier, frecher und aufmüpfiger“. Manchen Kampf, erinnert sich Irmgard Daser, hätten sie miteinander ausgefochten, aber doch immer „ein ganz passables Gemeinschaftsleben“ hinbekommen.

In dieser Zeit gehört Irmgard Daser zu den Pionierinnen der häuslichen Krankenpflege. Über viele Jahre hinweg gibt sie Kurse für Laien und Gemeindeschwestern. Auch für ihre Kirche engagiert sie sich in besonderer Weise und arbeitet in der Württembergischen Evangelischen Landessynode mit. „Das weitete meinen Blick für manche kirchlichen und gesellschaftlichen Probleme und Veränderungen“, erinnert sie sich. Eine Veränderung erlebt sie sehr nah und sehr schmerzlich: Immer weniger junge Frauen interessieren sich für den Beruf der Diakonisse. „Es war mir immer ein großer Schmerz, wenn man mich fragte: Habt ihr noch Nachwuchs?“ Denn die Eintritte hörten auf. Es ist nur die Form, die stirbt, tröstet sich Irmgard Daser, „der diakonische Auftrag aber bleibt“.

Im April 1983 geht Schwester Irmgard Daser in den „Feierabend“. Ihre bisherige pädagogische Aufgabe gibt sie auf – ihr Engagement auf den vielen anderen Feldern, die sie sich erschlossen hat, verändert sich nicht. Weiterhin erarbeitet sie Beiträge und Andachten für den Evangeliums-Rundfunk Wetzlar, sie ist Mitglied der Redaktion für das Mitteilungsblatt der Olgaschwestern, verfasst als über 90-Jährige ihre Erinnerungen und veröffentlicht sie als Buch. Sie fotografiert und erstellt Tonbildserien, leitet den Chor und die Seniorengymnastik und beteiligt sich an der Seelsorge für kranke Mitschwestern. Eine besonderes, lange nachwirkendes Erlebnis ist ihre Teilnahme am „Versöhnungsweg“, der sie Anfang der 1990er Jahre nach Breslau, Auschwitz, Birkenau und Warschau führt. „So sind 100 Jahre einfach vorbei gegangen“, sagt Irmgard Daser. „Vom Gebet umhüllt, wie von einem warmen Mantel“ – das sei das Geheimnis ihres Lebens. Immer sei ihr dabei das Bild ihrer frommen Mutter vor Augen, die jeden Morgen im kalten Schlafzimmer in eine Decke gehüllt eine halbe Stunde mit Gott im Gebet gesprochen habe. Manchmal habe sie sich angebunden gefühlt, blickt sie zurück. „Aber es war eine lange Leine. Sie hat mich vor mancher falschen Entscheidung bewahrt und vor manchem Fehltritt zurück gerissen.“

Je älter sie werde, desto mehr schätze sie die Geborgenheit in der Gemeinschaft und den Austausch mit den wenigen noch verbliebenen Olgaschwestern. Ganz besonders den mit ihrer Mitschwester Erika Finkbeiner, mit der sie nun schon so lange Tür an Tür wohnt. Über 20 Lebensjahre trennen die beiden voneinander – es könnten Mutter und Tochter sein, ein freundliches, fröhliches, einander fürsorglich zugewandtes Paar. „Wenn Du einmal gehst“, sagt Schwester Erika nachdenklich, „wirst Du reicher – wir aber werden ärmer.“ Irmgard Daser nimmt es gelassen: „Wenn Gott mich heim ruft – ich bin bereit!“

(Quelle: 100! Was die Wissenschaft vom Altern weiß, Hirzel Verlag)

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