Portrait einer Hundertjährigen – Margarete Erben

Das Goldstück der Familie

Margarete Erben wurde am 24. April 1915 geboren. Sie sagt: „Ich wollte doch die Welt erobern!“

Margarete Erben lebt in einem Seniorenheim in Heidelberg. Vor drei Jahren ist zusammen mit ihrer Schwester Edith eingezogen. Die Schwester starb vor einem Jahr im Alter von 95 Jahren. „Zuvor waren beide noch selbstständig in ihrer eigenen Wohnung“, berichtet Großneffe Bernhard Ripperger, der zu seiner „Tante Gretel“ ein inniges Verhältnis hat und sie besucht, wann immer er kann.  Seine Großtante müsse beschäftigt werden, betont er: „Hier ist sie nicht ausgelastet.“ Noch mit 85 Jahren, erinnert sich Bernhard Ripperger, sei Gretel Fahrrad gefahren, ins Fitness-Studio und in die Sauna gegangen.

Margarete Erben ist nahezu blind – was sie kein einziges Mal erwähnt. Ebensowenig, dass sie ein Leben lang für ihre Schwester Edith da war. Mit Edith sei im Krieg „irgendetwas passiert“, sagt der Großneffe. Keiner wisse, was. „Als Edith aus dem Krieg heimkam, war sie ein anderer Mensch – sie lebte in ihrer eigenen Welt.“ Gretel habe der Mutter versprochen, die Schwester nicht im Stich zu lassen. Dieses Versprechen hat Margarete Erben eingelöst. Vielleicht sei das auch ein Grund dafür, dass seine Großtante nie heiratete und eigene Kinder hatte, meint Bernhard Ripperger. Gretel habe immer für ihre Eltern, für ihre Geschwister und für deren Kinder gesorgt. Sie war „die Macherin“, charakterisiert er seine Großtante. „Das Goldstück der ganzen Familie.“

Schon vor dem Treffen mit Margarete Erben hat Bernhard Ripperger auf „das ganz besondere Lachen“ seiner Großtante aufmerksam gemacht. Tatsächlich kann Margarete Erben mit ihrem Lachen alle Gefühlsregungen ausdrücken und jeder ihrer Aussagen einen ganz eigenen Wert geben. Ihr Lachen ist einzigartig. Gerne war Margarete Erben bereit, sich mit uns zu unterhalten. Nur fotografieren lassen, wollte sie sich – zunächst – nicht: „Da hättet ihr 20 Jahre früher kommen müssen!“ Im Gespräch mit einer Frau, die sich vom Leben nicht unterkriegen ließ.


Frau Erben, Sie sehen gut aus!
Margarete Erben: Oh, wenn das eine Frau zu einer Frau sagt – da muss man aufpassen!

Darf ich Ihnen trotzdem ein paar Fragen stellen?
Fragen können Sie! Aber ich muss nicht antworten!

Wie alt sind Sie, Frau Erben?
Wie alt? Das weiß ich gar nicht. Ich zähle meine Jahre schon lange nicht mehr. Ich bin 1915, ja, ich glaube 1915 geboren – am 24. April 1915.

Und wo sind Sie geboren?
Im Riesengebirge, im herrlichen Riesengebirge. Mein Dorf hieß Hermannseifen, es liegt am südlichen Fuß des Riesengebirges.

Wie war es dort, in Hermannseifen?
Dort bin ich in die Grundschule gegangen, vier Jahre lang. Und danach in die Bürgerschule, in die Stadt, nach Arnau, noch einmal vier Jahre. Meine Mama und mein Papa haben beide darauf geachtet, dass ich in eine weiterführende Schule kam. Die anderen gingen in die Volksschule. Mein Vater war ja Beamter – und wir bloß in die Volksschule, nein, das ging nicht. Mein Bruder war auf dem Gymnasium. Aber darauf darf man nichts geben: Ich hatte eine Freundin, die Otti, die war in der Volksschule. Ein tolles Mädchen, sie war immer bei uns, weil die Eltern beide arbeiten gehen mussten. Also es gab halt welche, die hatten das Geld für die Schule – und die anderen, die hätten ihre Kinder auch gerne geschickt, die hatten das Geld aber nicht. Die weiterführende Schule musste man ja bezahlen.

Hatten Sie Geschwister?
Wir waren drei Kinder, mein Bruder Hans und meine Schwester Edith, die mittlere bin ich.

An was erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre Kindheit denken?
An die Jagdgesellschaften, da habe ich immer so gern Fasanen gegessen. Und wie die Mama da immer gekocht hat. Sie war eine sehr gute Köchin!

Wie war das früher, wenn Ihre Mutter gekocht hat?
Wenn die Jagden waren, dann kochten die Frauen der Männer, die etwas geschossen hatten. Da gab es immer ein ganz großes Essen in der Gaststätte. Und wir durften in der Küche mithelfen. Das war etwas! Sonst durften wir ja nicht in die Küche rein. Und die Mama hat am Herd gestanden. Sie hat die Feinheiten gemacht, das Abschmecken und so. Die anderen Arbeiten haben die anderen Frauen erledigt. Die Leute haben immer gesagt: „Die Frau Erben, die kann am besten kochen!“ Und die Mama hat immer gesagt: Aber das stimmt doch gar nicht, die anderen können das doch auch. Aber der Pfiff dran – der kam von der Mama. Der Papa wollte immer wissen: „Sag mal, was hasten noch neingegeben?“ Dann hat die Mama gelacht und gesagt: „Das verrate ich doch nicht! Was meinste, dann würden es mir die andern doch nachmachen!“ Der Papa, ach, der Papa. Der war so stolz auf die Mama! Wenn er dann so stolz gegangen ist … Meine Schwester Edith, die war damals fünf Jahre alt, die hat immer gesagt: „Gugge mal, wie der Papa geht – wie der Hahn auf dem Misthaufen!“ Ja mei, der war halt stolz. Ach war das schön! Der Papa, der hatte aber auch so schon einen aufrechten Gang. „Ich bin halt Turner“, hat er immer gesagt. „Da habe ich Haltung gelernt.“

Haben Sie auch geturnt?
Ja, das war das erste. Da war ich sechs Jahre alt. Da hat mich die Mama zusammengepackt und zum Turnverein gebracht. Vor allem das Geräteturnen habe ich gerne gemocht. Nur die Ringe, nun ja, ich habe ja immer so dünne Arme gehabt, die habe ich dann bei den Ringen immer nur halb ausstrecken können.

Würden Sie sagen, dass Sie eine schöne Kindheit hatten?
Meine Kindheit! Die ist mit Gold nicht zu bezahlen. Wenn ich so darüber nachdenke, wie das damals war  … und was ich heute so beobachte … die Kinder heutzutage, die sind nicht zu beneiden. 15 schöne Jahre – das war meine Kindheit.

Wie ging es bei Ihnen weiter?
Erst bin ich nach Prag, zu einer Familie mit Kindern. Das war ja mein Beruf. Und danach in die Slowakei, wieder zu Kindern, da hat es mir gefallen. Dann fing der Krieg an. Und da hat die Mama gesagt: „Gell, jetzt kommste heim, jetzt reichts!“ Da musste ich ja kommen. Und dann ging es zur Wehrmacht, ich war bei den Fernschreiberinnen. Ich kam nach Norwegen, nach Oslo, auf den Berg rauf, den Holmenkollen.

Wie kamen Sie nach Norwegen?
Das ist so eine Geschichte. Da habe ich soviel drüber nachgedacht. Ich war am Bahnhof gestanden und habe mich mit meiner Freundin unterhalten. Und auf einmal ruft jemand: „Der Zug fährt weg, der Zug fährt weg!“ Da bin ich losgelaufen und im Zug aufgesetzt. Bloß – das war gar nicht mein Zug. Vom fahrenden Zug kam ich nicht mehr runter, und ich dachte mir, ich bleib jetzt mal sitzen, ist eh egal. So bin ich nach Norwegen gekommen. Da habe ich Glück gehabt. Das war wie Ferien, wie ein Erholungsgebiet. Wir haben als Fernschreiberinnen so Geheimsachen losgeschickt und oben auf dem Berg im Hotel gewohnt. Ich habe dort keinen einzigen Angriff erlebt – die ganzen zwei Jahre nicht.

Und die anderen Mädchen?
Die fuhren in den Osten, mitten ins Kriegsgebiet – die haben so viel erleben müssen. Die in Polen waren, die sind alle nicht heimgekommen. Ich frage mich heute noch: Wer hat mich da gerufen? Was glauben Sie, wie viele Nächte ich wachgelegen und darüber nachgegrübelt habe! Sogar in die Kirche bin ich gerannt, um eine Antwort darauf zu finden. Wer hat mich gerufen? In der Eile bin ich halt auf den Zug gestiegen. Und die Mädchen waren alle im anderen Zug. Ich hätte doch genauso gut in Polen landen können – ich wäre ganz sicher dort eingestiegen, in den Zug nach Polen. Und sitzen bin ich geblieben, weil ich dachte, alle Zügen fahren ins Kriegsgebiet. Aber ich fuhr nicht ins Kriegsgebiet – ich fuhr nach Norwegen. Da war diese Stimme! Wer hat mich gerufen? Im Zug habe ich alle gefragt: Haben Sie mich gerufen? Niemand! Das beschäftigt mich noch heute. Es war eine bekannte Stimme … sonst wäre ich ja nicht gelaufen. Manchmal denke ich, die Mama hat mich gerufen … aber das kann ja gar nicht stimmen.

Und zum Ende des Krieges?
Da wollten alle heim. Aber ich konnte nicht heim. Ich konnte nicht mehr nach Hause! Die waren nämlich alle weg, sie sind von selbst weggelaufen oder sie sind vertrieben worden. Ich musste meine Leute erst suchen.

Wie haben Sie das gemacht?
Wissen Sie, da waren überall Zettel, an den Baumstämmen, an den Hauswänden. Und da waren Namen drauf gekritzelt. Oder es war darauf zu lesen, dass Leute aus der Heimat im Norden oder im Süden gesehen worden sind. Oder es kam einer und hat gesagt, du, da vorne, da habe ich etwas gelesen, das ist doch deine Gegend, oder? Und dann hatte man ein paar Namen oder einen Ort. Und dann dachte man, da gehe ich hin. Die kennen dann vielleicht von meinen Leuten welche. Ich bin überall herumgefahren – das war das Einzige, was sie damals für die Leute gemacht haben, dass man mit dem Zug fahren konnte ohne Fahrkarte. Und dann hieß es wieder, in der und der Gegend, da sind Leute von daheim. Und da bin ich auch noch hin. Und da habe ich die Edith gefunden, meine Schwester.

Wo war Edith?
In irgend so einem Kuhdorf im Südosten. Und sie hat gesagt, die Mama ist im Krankenhaus. Ich habe einen Schreck gekriegt: Im Krankenhaus? Aber die Edith hat gesagt, es ist nicht so schlimm – wenn einer sich nicht mehr zu helfen wisse, dann behalten sie ihn im Krankenhaus, auch wenn er nicht krank ist. Da war sie wenigstens untergebracht, die Mama, sie hat dort dann gearbeitet, was sie so tun konnte. Was hätte sie denn machen sollen? Und die Frau von meinem Bruder war auch dort in der Gegend, in so einem Lager, mitsamt den vier Kindern. Das kleinste Kind war noch im Wagen. Die hatte ich auch überall gesucht. Sie haben sich so gefreut, als wir uns wiedergefunden hatten. Die Mama, die hat geweint wie ein Schlosshund. Sie konnte es gar nicht fassen. „Alle warten nur auf Dich!“, hat sie gesagt. Wenn nur erst die Gretel wieder da ist, hätten sie immer gesagt, dann wird es schon wieder! Aber die Gretel, die hatte auch nichts außer leeren Taschen.

Wie war die erste Zeit nach dem Krieg?
Tja, da war der Krieg aus – und dann fing der Krieg erst an. Das war ein Krieg! Da war der Krieg draußen nicht das gewesen, was er nachher drinnen war. Ach, die Kinder von meinem Bruder – die haben doch gar nichts verstanden. Die haben immer gefragt: Wann gehen wir denn wieder heim? Wir sind hier doch nicht daheim! Heim! Och Gott! Wo sollten sie denn bleiben! Keiner wollte sie. Alle haben sie hinaus geschmissen. Und Hunger hatten die Kinder! Mein Neffe Günther – der war ja schon etwas größer, so zwölf, dreizehn Jahre alt – ist immer zu den Bauern und hat dann etwas zum Essen beigebracht. Ach Gott, ja, das war ein guter Junge. Der hat oft selbst nichts gegessen und es den Kleinen gegeben. Ich bin dann auch mit raus, in die Dörfer, von einem Bauern zum anderen. Wir haben nicht gebettelt, wir haben gefragt, ob wir die Kühe hüten dürfen oder im Stall Mist machen. Die Kinder waren ja darauf angewiesen, dass wir abends etwas mitbrachten. Wenn wir dann ins Lager kamen mit einem Stück Brot oder einer Handvoll Kartoffeln und manchmal einem  Stück Butter  – meine Güte, wie sich die Kleinen gefreut haben! Das war so ein Elend, aber die Kinder – immer ganz ruhig. Wir waren ja alle so fertig, wir haben uns doch nicht getraut, auch nur irgendwas zu sagen. Nur einmal!

Was war da?
Da bin ich zum Bürgermeister. Ich habe ihn gefragt, ober er sich denn nicht schämt, Bürgermeister von so einer Gemeinde zu sein – es war eine reiche Gemeinde – und so eine Armut zu dulden? Schämen Sie sich denn gar nicht? Gucken Sie sich die Leute doch einmal an! Ich will nicht von den Erwachsenen reden – aber schauen sie sich die Kinder an. „Hören Sie einmal“, hat sich der Bürgermeister beschwert. Aber dann hat er zwei Zimmer freigestellt, für die Schwägerin und die Kinder. Und ich habe ihn nach Arbeit gefragt, für den Großen, den Günther, der konnte ja schon ein bisschen arbeiten. Der Bürgermeister hat ihn dann zu einem Bauern vermittelt. Zuvor habe ich dem Günther gesagt, dass er ein bisschen mithelfen dürfe – und dass er nichts sagen und sich nicht beschweren soll. „Mund halten!“, hab‘ ich gesagt. „Du weiß ja wie die Leute sind – und die können ja auch nichts dafür, dass das jetzt so ist. Das hat die Regierung gemacht.“ So habe ich ihm das erklärt. Die Regierung fängt das alles mit den Leuten an!

Und was war mit Ihrem Vater?
Ich habe alle meine Leute wieder zusammengebracht, auch den Papa habe ich wiedergefunden. Da hatte ich gehört, im Zug soundso, da waren welche aus dem Riesengebirge drin. Naja, das ist ja ein großes Gebiet, das Riesengebirge … aber wir sind ja schon gelaufen, wenn irgendwo auch nur ein ähnlicher Name gefallen ist. Und dann habe ich gehört, da oben im Norden, da sind welche aus dem Riesengebirge. Da bin ich hin. Und da habe ich den Papa gefunden. Ach Gott! Das Wiedersehen  – das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich habe gesagt: „Papa, wie kommst Du denn hierher? So weit weg?“ Und er hat gesagt, die haben mich daheim eingesperrt, und dann haben sie mich ein halbes Jahr arbeiten lassen. Und dann haben sie ihn in diesen Zug Richtung Norden gesteckt. Der Papa ist halt so lange gefahren, bis der Zug nicht mehr weiterfuhr. Wo hätte er aussteigen sollen? Und warum? Und ganz dort oben, am Ende von Deutschland, haben sie ihm gesagt, dass der Zug jetzt nicht mehr weiterfährt. Da ist der Papa ausgestiegen … und dann ist er halt zu einem Bauer gegangen und hatte Glück, dass er dort arbeiten durfte. Wenn die Bauern nicht gewesen wären – so manch einer wäre verhungert.

Und Ihr Bruder?
Mein Bruder Hans kam erst später aus englischer Kriegsgefangenschaft wieder zu uns, da waren wir schon in Heidelberg. Darauf hatten wir immer so sehr darauf gehofft, dass er kommt. Es hieß ja immer mal wieder, es kommen Gefangene frei. Dann sind wir alle zum Bahnhof. Und wenn er das eine Mal nicht dabei gewesen ist, dann sind wir das nächste Mal wieder hin. Und als dann der Transport diesmal ankam … und tatsächlich … da stand der Hans. Und lacht! Ach Gott, ach Gott. Das war ein Hallo. Jetzt war er da! Und dann haben wir eine Wohnung bekommen, eine richtige. Also da waren wir ja schon wer! Vorher hatten wir ja oft nur eine Bleibe für eine Nacht. Und oft genug in einem Stall mit Stroh. Schlimm war es für die, die nix hatten. Die am Abend herumzogen und Quartier suchten. Für die war das schlimm, ach Gott. Jetzt hatte ich die Familie beisammen. Und dann habe ich Arbeit bekommen. Und so langsam ging es voran. Es hat jeder seinen Teil beigetragen.

Haben Sie geheiratet?
Ich? Da hatte ich gar keine Zeit dazu! Und dann … ich habe zu viel gesehen, Verliebte, Verlobte, Verheiratete. Ich habe nicht eine von denen beneidet. Die meisten haben ja damals geheiratet und gesehen, dass sie unter die Haube kamen. Mein Bruder hat immer gesagt: „Du hättest es doch viel einfacher haben können mit einem Mann“. Dann habe ich geantwortet: „Ja und? Dann hättest Du aber nichts verwunden bekommen.“ Dann war er ruhig. Viel hat es auch ausgemacht, dass ich allein sein konnte! Sehen Sie, die meisten können ja nicht alleine sein. Ich kann das. Und das ist das Gute. Und ängstlich bin ich auch nicht. Das Einzige, was ich wirklich brauchte: Ich musste immer wissen, wo ich übernachten kann. Ich wollte irgendeinen sicheren Platz haben. Das war das Einzige, vor dem ich Angst hatte.

Sie haben Ihr Leben lang Ihre Schwester Edith gepflegt.
Da war nicht viel zu pflegen. Die brauchte etwas zum Essen und zum Anziehen, so das Tägliche eben. Nun ja, erst war ja die Mama bei ihr … und dann ich.

Wären Sie gerne Ihre Heimat zurückgekehrt?
Also am Anfang, da wäre ich weiß Gott wie schnell dahin gelaufen. Aber später … zu denen gehen, die uns hinausgeworfen haben und aufbauen helfen? Das hätte ich nicht fertiggebracht. Also ehrlich gesagt: Ich kann mich nicht beklagen. Wenn ich da so Andere höre, wie die so reden, so abfällig. Ich habe immer meine ehrliche Arbeit gehabt. Und Leute, mit denen man reden konnte. Und ins Theater bin ich immer gegangen – also in Heidelberg war alles, was ich gerne mochte. Ja.

Was machen Sie heute so, wie sieht Ihr Tag aus?
Ich sitze manchmal so da, und dann denke ich, ach, ich könnte doch mal was machen. Wo könnte man denn mal hingehen? Dann überlege ich: Angezogen bin ich? Ja! Wissen Sie, manchmal, das ist mir auch schon passiert, da gehe ich so halb fertig raus. Ja, ja. Also – ich könnte dann jetzt also losgehen … Das hat die Mama früher schon immer gesagt. „Was hast Du denn jetzt schon wieder vor?“ Da war mir dann ganz plötzlich etwas eingefallen.

Was wünschen Sie sich, gibt es so etwas wie einen größten Wunsch?
Ach Gott, Wünsche? Größter Wunsch? Da habe ich eigentlich gar keinen. Ich habe ja alles. Gefrühstückt habe ich. Und das Mittagessen rieche ich auch schon – also kann es mir nicht so schlecht gehen heute. Ja! Und? Nachher? Was machen wir nachher? Wir könnten doch einen Spaziergang machen! Ich habe schon gemerkt, dass wir hier viel zu viel herum sitzen.

Sind Sie zufrieden – oder fehlt etwas in Ihrem Leben?
Ich wollte doch immer reisen. Reisen! Die Welt sehen. Ich habe viel gesehen. Und doch zu wenig. Ich kann die Leute nicht verstehen, die Zeit haben und auch noch das Geld dazu – und rühren sie nicht vom Fleck.

Wohin wären Sie gerne gereist?
Wohin? Überall hin? Nach Norden, nach Süden, nach Osten, nach Westen. Rund um die Welt. Sehen Sie, eine Weltreise wollte ich machen, früher. Aber das ging nicht, weil der Krieg gekommen ist. Deshalb! Alles deshalb! Eine Radtour hatte ich ja noch gemacht – kreuz und quer durch Deutschland. Alles mit dem Fahrrad, wir waren am Bodensee, in München, sind den Rhein entlang nach Hamburg, von Hamburg an die Ostsee und nach Berlin. Wir haben uns alles angesehen und von überall her eine Karte geschrieben. Und dann kommen wir heim – und dann war Krieg. Was wir alles vorhatten! Und nix war. Bloß, weil die Bengel – es sind doch immer die Bengel – Krieg spielen müssen! Und wir müssen es ausbaden. Ist doch wahr! Das war doch mehr als Dummheit, was da passiert ist. So etwas! So etwas anzuzetteln wie diesen Krieg. Nun ja, ich will mich nicht beklagen – ich wäre nur gerne noch weiter herumgekommen. Schade, das ich das nicht gemacht habe, als ich es noch konnte. Dass ich nicht mehr dahinter her war – das ist das, was ich mir nicht verzeihen kann. Mei, ich wollte doch die Welt erobern!

Großneffe: Tante Gretel, Du warst immer für uns da! Du hättest Dich nie darauf eingelassen, irgendwo ohne uns hinzugehen. Weil Du immer die Verantwortung übernommen, für uns gesorgt und Dich um alles gekümmert hast.
Margarete Erben: Ach was. Ich war halt schon immer so! Ich muss da mal die Mama fragen … früher als Kind, hat sie erzählt, hätte ich immer gesagt: „Sorgen? Einfach durchstreichen – dann sind sie weg!“ Aber das hat nicht immer so richtig geklappt, das mit dem Durchstreichen. Ich war gerne für Euch da. Anders wäre ich allein gewesen – aber ich habe ja euch gehabt. Und so war ich nicht allein.

(Quelle: 100! Was die Wissenschaft vom Altern weiß, Hirzel Verlag)

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