Portrait einer Hundertjährigen – Luzia Ottilia Heckner

Die harte Schule des Lebens

Luzia Ottilia Heckner wurde am 13. Mai 1911 geboren. Sie sagt: „Ich habe mich nie bedienen lassen!“

Das Sprechen fällt ihr schwer. Man muss sich anstrengen, um zu verstehen, was Luzia Heckner sagt. Aber sie kann noch sehr gut lesen und schreiben. Wenn sie etwas nicht sagen kann oder wenn es ihr Gegenüber nicht versteht, schreibt sie es in ihr kleines Buch. Es liegt stets griffbereit auf ihrem Tisch. Luzia Heckner weiß sich zu helfen – so war es immer in ihrem Leben.

Ihre Kindheit hat sie Anfang des letzten Jahrhunderts in der Oberpfalz verbracht, ein hartes Leben war das, in einem armen Landstrich. Ihr Ehemann ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs gefallen, da waren ihre beiden Kinder noch klein, und sie musste sehen, wie es ohne den Vater weitergeht. Luzia Heckner hat es alleine geschafft, weil sie „immer fleißig“ war, wie sie betont; ihr Leben lang, sagt sie selbstbewusst, habe sie „tüchtig gearbeitet“. Ihren Kindern wollte sie eine gute Ausbildung und ein besseres Leben zuteil werden lassen. Das war ihr wichtig. Sie hat ihren Sohn Josef und ihre Tochter Veronika deshalb nach Amberg und Tirschenreuth ins Internat geschickt. „Meine Mutter war der Meinung, dass man dort die beste Erziehung erhält“, sagt der Sohn. Nur in den Internatsferien kamen beide nach Hause. „Als wir später berufstätig waren und selbstständig lebten“, erzählt Josef Heckner, „konnten wir jederzeit in unseren Urlauben ins Pfarrhaus kommen, wo unsere Mutter mittlerweile als Pfarrhaushälterin arbeitete“.

Bis vor einem Jahr hat Luzia Heckner im Haus ihres Sohnes Josef in einer eigenen Wohnung gelebt und wurde von ihrer Schwiegertochter Hildegard gepflegt. Als der Sohn am Herz operiert wurde und die Enkelin Kathrin schwer erkrankte und verstarb, wurde die Belastung für die Schwiegertochter zu groß. Seither lebt Luzia Heckner im Nachbarort in einem Seniorenzentrum. Sie hat ein schönes großes Zimmer mit bis zum Boden reichenden Fenstern, durch sie auf den blühenden Garten blicken kann. Im Erker stehen ein Sessel und ein kleiner Tisch, auf dem ihre Bücher liegen. „Fokus Erde“ lautet einer der Titel. Sie liest gerne, besonders die Bücher, die ihr von den Enkelkindern Christiane und Christoph gebracht werden. Die „studiert sie von vorne bis hinten“.

An den Wänden hängen Fotografien von allen Mitgliedern der Familie, ein Bild zeigt den „Gasthof Lehner“, in dem sie ihren Ehemann kennenlernte, ein Bild zeigt auf einem Hügel die einsame Kirche, in die sie als Kind jeden Sonntag ging, und ein Bild zeigt die Mutter Gottes. Es gefalle ihr sehr gut hier im Seniorenheim, sagt Luzia Heckner. Aber lieber sei sie Zuhause.


Frau Heckner, verstehen Sie mich?
Luzia Ottilia Heckner: Nein. Sie müssen lauter und langsamer reden.

Frau Heckner, wie sind Sie aufgewachsen?
Ich hatte gute Eltern, insgesamt waren wir neun Kinder. Ein Kind starb noch als Säugling. Ein zweites Kind – es ist schon zur Schule gegangen – musste ebenfalls sterben. Weil kein Arzt da war. Es war ein weiter Weg. Wir mussten von Zuhause aus eine Stunde gehen, um zu einem Arzt zu kommen. Auch die Mutter konnte der Schwester nicht helfen. Sie hat alle Heilpflanzen gekannt. Aber meiner kleinen Schwester konnte sie nicht helfen. Sie hatte etwas mit dem Kehlkopf oder Krupp. Sie musste sterben.

Was war Ihr Vater von Beruf?
Er war Maurermeister und Baumeister. Er hat alles gekonnt, mauern und drechseln und Dächer decken. Auch die Pläne für die Häuser hat er selbst gezeichnet. Zusammen mit seinem Bruder, der war Zimmerer, hat er die Häuser gebaut. Sie haben sehr sauber gearbeitet. Der Vater hatte viel zu tun und war viel unterwegs. Er ist 96 Jahre alt geworden. Er hat gerne gezeichnet. Noch mit über 80 Jahren hat er gezeichnet. Seinen besten Kunden hat er seine Zeichnungen geschenkt.

Wo sind Sie aufgewachsen, Frau Heckner?
In der Oberpfalz, in der Gemeinde Pressath in der Nähe von Herzogspitz. Eine Einöde mitten im Wald mit fünf Bauernhäusern, einer Gastwirtschaft und einem Forsthaus. Wir hatten ein Haus an einem Bach. Am Haus war eine große Wiese. Die wurde immer abgemäht, und das Heu kam in den Stall hinein. Da durfte wir zuvor nicht drauf, damit wir das Gras nicht zusammenrennen. Wir hatten ein so gutes Gras mit gelben Blumen – das haben die Kühe gefressen und davon ist die Butter gelb geworden. Die Leute haben immer gefragt, wo kommt denn die gute Butter her. Es gab auch einen Brunnen – mit dem besten Wasser, das kam ganz unten raus, ein wirklich gutes Wasser. Das haben wir immer getrunken, und manchmal gab es Milch. Das war eine Einöde dort. Aber in der Einöde ist es viel schöner als in der Stadt. Man wusste es ja auch nicht anders – man kannte ja nur die Einöde, die sogenannte. Die Arbeit stand dort immer an der ersten Stelle.
Josef Heckner, der Sohn: Die „Einöde“ war für meine Mutter und für uns Kinder das ParadiesWir konnten auf der Wiese herumtollen und auf die Bäume klettern, Fische fangen, im Wald Pilze sammeln und uns im Heu verstecken. Ein verlorenes Paradies!

Wie war Ihre Mutter,Frau Heckner?
Sie hat immer sehr auf uns geachtet. Dass wir immer gewaschen waren und sauber zur Schule gingen. Die Haare hat sie uns gewaschen, in einem Zuber, und schön gekämmt. Alle Mädchen hatten lange Haare. Und dann hat sie uns Zöpfe geflochten. Wir haben ein gutes Benehmen zu Hause gelernt. Sie war streng, das musste sie sein. Meine Mutter konnte alles. Sie kannte auch alle Krankheiten und die Pflanzen, die bei Krankheiten helfen können. Einmal, da hat sich ein Waldarbeiter seine Hacke tief in das Bein gehauen. Da ist er zur Mutter gegangen, sie war dafür bekannt. Und sie hat gewusst, wie man die Wunde heilt. Sie hat eine Salbe gemacht, aus Harz, Schweinefett und Heilkräutern. Und damit die Wunde eingestrichen und danach verbunden. Das hat geholfen. Sie war besser als ein Arzt. Und sie war sehr vernünftig, in allem. Wenn wir sonntags zur Kommunion gegangen sind, durften wir vorher nichts essen. Wir sollten nüchtern zur Kommunion kommen. Aber meine Mutter hat uns trotzdem etwas zu essen gegeben. Wir musste über eine halbe Stunde laufen, um nach Friedersreuth in die Kirche zum Gottesdienst zu kommen. Und dann wieder zurück.

Wo sind Sie zur Schule gegangen?
In die Volksschule bin ich gegangen. Es gab auch noch am Sonntag Schule, die Sonntagsschule, so hat das geheißen. Es hat uns Freude gemacht. Nach der Schulzeit mussten wir alle etwas lernen. Es ist aus uns allen etwas geworden.

Was haben Sie nach der Schule gelernt, Frau Heckner?
Nach der Schule war ich zuerst beim Bauer. Meine Mutter hat immer gesagt, wir sollen fleißig sein. Schon bei der Mutter mussten wir fleißig sein. Wir haben der Mutter immer geholfen. Dann bin ich in ein Bahnhofsrestaurant in Kirchenlaibach gekommen und später in den Gasthof Lehner in Krummennaab. Dort habe ich in der Küche gearbeitet und die Gäste bedient. Von der Mutter habe ich das Kochen gelernt. Die Mutter hat ja auch so gut gekocht. Bei ihr habe ich das Kochen gelernt, also was heißt gelernt, wir haben eben mitgemacht. Als ich in den Gasthof kam, war ich 18 Jahre alt. Dort habe ich meinen Mann kennengelernt. Er stammte aus Niederbayern, aus Lichtenau bei Neuburg an der Donau. Er hat im Gasthof Lehner übernachtet und kam abends zum Essen. Er hat immer nur ein Bier getrunken. Er war 13 Jahre älter. Aber das hat mir nichts ausgemacht, weil ich gesehen habe, dass er anständig ist. Ich habe gesehen, dass er sich nicht von den andern hat mitziehen lassen. Deshalb habe ich ihn geheiratet. Die andern habe ich alle weg gescheucht. „Was wollt’sten?“, hab ich zu denen gesagt. „Ich bin zum Arbeiten da!“

Wie hieß Ihr Mann?
Mein Mann hieß Matthias Heckner, ich bin eine geborene Hösl. Mein Vater war der Hösl-Vater. So haben sie ihn immer genannt. Als ich dann sagte, dass ich heirate, ist die Bäuerin gekommen, wo ich zuerst war, und hat gesagt, die Luzie, die war immer so fleißig bei uns! Da hat sie mir zur Hochzeit ein leinenes Tischtuch und zwei Handtücher gebracht! Weil ich so fleißig war! Das habe ich lange gehabt, vielleicht sogar heute noch.

Wann haben Sie geheiratet, Frau Heckner?
Ich habe im Jahr 1932 geheiratet, da war ich knapp 22 Jahre alt. Als wir verheiratet waren, sind wir zur Mutter meines Mannes nach Lichtenau gefahren. Er hatte viele Geschwister, und in der Großfamilie lebten zwölf Personen. Da war viel Leben. Aber beim Essen, an einem großen Tisch, da mussten alle immer still sitzen. Und alle Kinder mussten zur gleichen Zeit ins Bett. Das hat mir gefallen. Mit meinem Mann habe ich dann in Krummennaab eine Wohnung bezogen. Mein Mann war Postbeamter. Dort kam im Jahr 1939 mein Sohn Josef zur Welt.

Wie viele Kinder haben Sie?
Einen Sohn und eine jüngere Tochter, Vroni. Mein Mann ist im Krieg gefallen, in Pommern bei Stettin. Dort ist er auf einem Soldatenfriedhof begraben. Die Vroni hat den Vater nicht mehr gekannt. Dem Josef habe ich es lange nicht sagen können, dass der Vater tot ist. Da war der Josef erst sechs Jahre alt. Der konnte doch nicht wissen, was ein Krieg ist. Die das gemacht haben! Diese bösen bösen Männer!

Dann waren Sie allein mit den Kindern.
Ja, einen anderen Mann wollte ich nicht haben. Ich wollte nicht noch einmal heiraten, auf keinen Fall. Ich habe nie mehr ans Heiraten gedenkt. Mein Enkel wollte einmal wissen, wie ich so lange alleine habe leben können – und da habe ich ihm geantwortet, dass er mit seinen 40 Jahren ja auch noch nicht verheiratet ist. Ich habe immer Arbeit bekommen, weil ich fleißig war, und weil ich anständig war. Ich konnte uns versorgen. Und ich habe mich nie bedienen lassen. Die Mutter in Herzogspitz wurde sehr krank, und ich ging zu ihr, bis zu ihrem Tod. Dann holte mich der Pfarrer als Haushälterin in das Pfarrhaus nach Bärnau. Meine Kinder waren bereits groß, im Beruf und selbstständig. Das Pfarrhaus war groß, und wir konnten alle darin wohnen, das war vom Pfarramt erlaubt.

Wie lange waren Sie im Pfarrhaushalt?
Der Pfarrer hat mich ja schon gekannt, ich war immer in der Kirche im Gottesdienst. Und alle haben gewusst, wie fleißig und tüchtig ich bin. Dort war ich als Pfarrhaushälterin über zwanzig Jahre, ungefähr, ich weiß es schon gar nicht mehr genau … bis der Pfarrer in Rente ging.
Hildegard Heckner, die Schwiegertochter: Sie hat dort wirklich alles gemacht, am Anfang sogar das Büro. Sie hat das Gemeindeblatt verteilt, sie hat für die Ministranten Osterlämmer gebacken, sie hat Ostereier gefärbt. Das muss man sagen! Und sie konnte gut stricken und alle Arten von Handarbeiten machen. Sie war eine sehr tüchtige selbstbewusste Frau. Und sie war sehr streng.

Wie geht es Ihnen heute, Frau Heckner?
Mir geht es gut. Ich bin zufrieden. Ich möchte nur heim! Ich habe meine Wohnung daheim, nicht hier. Ich will daheim sterben.
Sie hat Ihren Wunsch aufgeschrieben, in das Buch, mit dessen Hilfe sie kommuniziert. Dort steht: „Ich möchte heim, in meine Wohnung. Von Josef bekomme ich Geld zum Leben. Ich kann selber kochen und mich waschen. Hab einen Ausgang auf die Terrasse. Mehr brauche ich nicht. Zum Einkaufen sorge ich für eine Begleitung. Will sehen, wie alles wird. Gott ist mein Helfer, ich vertraue auf Ihn.“

Was ist zu Hause besser, Frau Heckner?
Wir haben hier alles. Wir haben auch ein gutes Essen hier. Aber daheim ist daheim! Daheim ist doch daheim!

Was denken Sie, Frau Heckner, warum sind Sie so alt geworden?
Das kommt vom vernünftigen Leben!


Nachtrag
Luzia Heckner ist am 9. Mai 2016, wenige Tage vor ihrem 105. Geburtstag, im Seniorenheim verstorben. Ihren Sohn Josef bekümmert es sehr, dass er seiner Mutter den sehnlichsten Wunsch, zuhause zu sterben, nicht erfüllten konnte. „Wir sind selbst alt“, bedauert er, „wir konnten die notwendige Pflege nicht gewährleisten.“ Es tröstet ihn, dass die Mutter das Heim in letzter Zeit doch noch als „ihr Zuhause“ akzeptiert hat. Schwiegertochter Hildegard hat zufällig beim Blättern im uralten Gesangbuch von Luzia Heckner, das vom vielen Aufschlagen ganz zerfleddert ist, Sätze gefunden, die zum Leben und zur Persönlichkeit von Luzia Heckner sehr gut passen. Sie hat sie für die Todesanzeige ihrer Schwiegermutter ausgewählt:

„Was heißt sterben? Es heißt nicht untergehen. Es heißt den Himmel erleben. Es heißt auferstehen.“

(Quelle: 100! Was die Wissenschaft vom Altern weiß, Hirzel Verlag)

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