Portrait einer Hundertjährigen – Käthe Hauser

Berlinerin mit Leib und Seele

Käthe Hauser wurde am 19. Januar 1912 geboren. Sie sagt: „Man hat immer nur eine Heimat!“

Frisch frisiert sitzt Käthe Hauser in ihrem Lehnstuhl im ersten Stock ihrer gemütlichen Wohnung in Darmstadt, warm scheint die Herbstsonne durch das Fenster. Wenn Käthe Hauser hinunter in den Garten blickt, schaut sie auf den Bungalow ihrer Tochter Helga, die dort gemeinsam mir ihrem Mann lebt. Helga Lehr umsorgt ihre Mutter zusammen mit einer rund um die Uhr anwesenden Pflegekraft.

Noch immer hört man das Berlinerische heraus, wenn Käthe Hauser spricht  – obwohl sie ihre Heimatstadt vor über 60 Jahren verlassen hat. Sie lacht, als sie gefragt wird, wie alt sie ist: „104 Jahre“, sagt sie. Käthe Hauser geht es gesundheitlich gut, nur die Beine wollen nicht mehr so recht, sie hört schlecht, und neuerdings wird sie rasch müde. Helga Lehr, ihre 67-jährige Tochter, „übersetzt“ die Fragen für Frau Hauser laut und deutlich, hin und wieder ergänzt sie eine Antwort  – ein Gespräch zu dritt.


Frau Hauser, wann sind Sie geboren?
Käthe Hauser: In Berlin, ich bin am 19. Januar 1912 in Berlin geboren.

Und wie kamen Sie von Berlin nach Darmstadt, wo Sie heute leben?
Käthe Hauser: Erst gar nicht; von Berlin ging es zuerst nach Erbach in den Odenwald. Das kam durch meinen Mann. Er ist beruflich versetzt worden.

Was war Ihr Mann von Beruf?
Mein Mann war Tiefdrucker.

Sie haben Ihren Mann in Berlin kennengelernt?
Ja, in Berlin.
Helga Lehr, die Tochter: Mutti, erzähl doch mal, wie das so war in Berlin. Wie ihr Euch kennengelernt habt, beim Schwimmen.
Käthe Hauser: Ja, beim Sport haben wir uns kennengelernt. Wir sind beide im Schwimmverein gewesen.
Tochter: Vati hat zunächst bei Ullstein in Berlin gearbeitet. Dann ist er zu einer anderem Verlagshaus gewechselt, und die sind von Berlin nach Erbach in den Odenwald. So kam das zustande. Und von Erbach ging es mit der Firma nach Darmstadt.
Käthe Hauser zeigt auf eine große gerahmte Fotografie an der Wand: Das ist unser Haus in Erbach!
Tochter: Erzähl doch noch ein bisschen aus deiner Jugendzeit in Berlin!
Käthe Hauser: Naja, aus der Jugendzeit, was gibt es da schon zu erzählen!
Tochter: Du bist doch gerne tanzen gegangen.
Käthe Hauser: Ja, ich bin gerne tanzen gegangen. Und mit meinem Mann war ich im Schwimmverein.

Dann war Ihr Mann auch ein echter Berliner?
Ja, also er war Neuköllner. Aber das ist dasselbe.

Frau Hauser, wer waren Ihre Eltern?
Meine Eltern? Mein Vater lebte nicht mehr. Also, er war im Krieg geblieben. Und … ja meine Mutter … sie hat nicht mehr geheiratet, sie ist ledig geblieben.
Tochter: Mein Großvater ist im Jahr 1917 im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen. Meine Großmutter war dann alleine und hat ihre Kinder mühsam groß gezogen. Mutti, ihr habt eine Ein-Zimmer-Wohnung in Berlin gehabt. Und die Omi hat doch immer, um Geld zu verdienen, Portemonnaies genäht.
Käthe Hauser: Ach ja, meine Mutter hat diese Portemonnaies in Hufeisenform genäht. In der kleinen Wohnung. Und damit es die Leute drumrum nicht stört, wenn sie etwas arbeitet, hat sie immer dicke Decken unter die Nähmaschine gelegt.
Tochter: Und du hast die Portemonnaies dann immer weg bringen müssen.
Käthe Hauser: Ja, einmal musste ich 144 Stück wegbringen. Ich bin mit der Straßenbahn gefahren und habe die Portemonnaies – diese Schüttel-Portemonnaies, so nannten wir sie – abgeliefert. Ich musste die zu dem Händler bringen, der hat sie weiterverkauft.

Wie viele Geschwister hatten Sie, Frau Hauser?
Wir waren drei Schwestern, und wir hatten einen Bruder. Der Bruder ging nach nach Amerika.
Tochter: Der Bruder ist kürzlich mit 102 Jahren in den USA gestorben. Er war sehr rüstig und unternehmungslustig, bis zum Schluss.
Käthe Hauser: Ja, Erich ist 102 Jahre alt geworden. Dann hatte ich eine Schwester. Wie alt ist Hertha geworden? Ich weiß das gar nicht.
Tochter: Hertha ist im Kindbett gestorben. Sie ist bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben. Und dann hattest du noch eine andere Schwester.
Käthe Hauser: Meine jüngere Schwester, Irmchen. Sie ist vor zwei Jahren gestorben. Sie ist 1915 geboren, sie war drei Jahre jünger als ich.

Sind alle in Ihrer Familie so alt geworden?
Nicht alle. Aber meine Mutter, die ist auch alt geworden.
Tochter: Omi war 94, als sie starb. Mutti, erzähl doch mal, wie Du immer mit Vati im Paddelboot unterwegs warst und Hockey gespielt hast
Käthe Hauser: Ja, ich war also im Schwimmverein. Und ich hatte ein Paddelboot. Von dem gibt es sogar noch ein Bild. Ich habe auch Hockey gespielt. Und wir sind Ski gefahren, mal im Erzgebirge, mal im Fichtelgebirge.

Waren Sie eine gute Skifahrerin?
Naja, durchwachsen. Eine sehr gute Skifahrerin war ich nicht – aber ich habe mich immer auf den Beinen halten können.

Sie waren sehr sportlich als junge Frau.
Ja, ich war sportlich, und das hat mir alles sehr viel Spaß gemacht. Andere Hobbys hatte ich nicht. Mein Sport ging mir über alles. Im Schwimmverein war ich jeden Tag. Da habe ich auch meinen Mann kennengelernt.

Wie war das?
Also, er hat mich dann mal zum Tanzen eingeladen. Aber ich bin mit dem da beim Tanzen nicht einig geworden. Da habe ich zu ihm gesagt: „Alles kann’ste – aber tanzen kann’ste nich!“ Da war er beleidigt. Und ich habe ihn dann ewig nicht gesehen. In dieser Zeit hat er tanzen gelernt – und dann kam er wieder. Da konnte er tanzen! Das war eine so schöne Zeit damals in Berlin. Viel getanzt haben wir. Vor allem ins Casaleon sind wir gerne gegangen. Das war unser Stammlokal.

Wie war es da?
Da haben immer andere Kapellen gespielt. Dem Casaleon sind wir treu geblieben, bis zuletzt.

Was haben Sie denn dort getanzt?
Na, das Übliche eben! Also Walzer haben wir nicht getanzt, Charleston haben wir getanzt.
Tochter: In Berlin hast Du auch deine Ausbildung gemacht, Mutti.
Käthe Hauser: Als junge Frau wollte ich Kindergärtnerin werden. Aber das ging nicht. Ach, jetzt habe ich gerade einen Aussetzer … ach so, ja, … das ging nicht, weil man für die Ausbildung Geld bezahlen musste. Meine Mutter konnte das nicht bezahlen. Naja, dann habe ich eben Verkäuferin gelernt. Zuerst war ich in einem großen Geschäft, dem größten Porzellangeschäft von Neukölln. Es war ein sehr schönes Geschäft. Aber wir wurden dort auch ausgenutzt. Wir mussten zum Beispiel das Porzellan, das wir verkauft hatten, den Leuten nach Hause bringen. Fahrgeld haben wir dafür nicht bekommen, wir mussten alles laufen. Das war manchmal schwierig. Deshalb habe ich gewechselt, weil wir da so ausgenutzt worden sind. Dann bin ich zum Konsum, das war ja ein Begriff damals. Und der ist dann pleite gegangen. Und danach habe ich in einem Geschäft Kurzwaren verkauft. Da mussten wir den ganzen Tag stehen und sind ständig kontrolliert worden. Im Jahr 1938, mit 26 Jahren, habe ich in Berlin geheiratet. Ach, war das aufregend. Und dann haben wir sehr schön gefeiert – den Verhältnissen nach. Wir waren 28 Personen.

Das wissen Sie heute noch?
Ja. Und wir sind mit einer Pferdekutsche gefahren.
Tochter: Ihr habt geheiratet – und gleich darauf begann der Krieg.
Käthe Hauser: Der Krieg brach aus, und mein Mann ist sofort eingezogen worden. Er kam nach Polen. Dann musste er nach Frankreich. Er ist überall hin verschickt worden, wie es gerade gebraucht wurde. Von Frankreich kam er nach Russland. Er war drei Mal schwer verwundet. Aber er wurde immer wieder aufs Neue raus geschickt. Im Jahr 1945, als der Krieg zu Ende war, war er für kurze Zeit zu Hause, in Neuenhagen bei Berlin. Dort hatten wir seit der Hochzeit eine kleine Wohnung. Und dann ist der Russe gekommen und hat alles beschlagnahmt da. Und meinen Mann haben sie weggeholt und mit nach Russland genommen. Das haben sie mit allen arbeitsfähigen Männern so gemacht – zur Zwangsarbeit. Er wollte das partout nicht: Nicht noch einmal nach Russland.
Tochter: Er hatte eine Pistole, die hat er zuvor Mutti gegeben. Mutti, erzähl mal, wie das war!
Käthe Hauser: Er hat mir, als er einmal nach einer Verwundung zu Hause war, die Pistole da gelassen. Die habe ich versteckt. Wir hatten Stube und Küche. Und da war auch ein Flur. Und hinter dem Schrank im Flur habe ich die Pistole versteckt. Ich habe ihm nicht gesagt, wo sie ist, als er sie verlangt hat. Sonst hätte er sich erschossen. Er wollte nicht wieder nach Russland.
Tochter: Wir haben da noch ein Briefchen. Das hat mein Vater einer Frau auf dem Bahnhof gerade noch so zuwerfen können. Und sie hat es dann meiner Mutter nach Hause gebracht. Darin hat der Vati für die Mutti aufgeschrieben, dass jetzt alle Männer wieder auf dem Weg nach Russland seien. Mein Vater kam erst 1947 wieder nach Hause zurück.

Frau Hauser, wie war die Zeit für Sie, als Ihr Mann im Krieg und in Gefangenschaft war?
Ich hatte immer Sorgen. Immer nur Sorgen. Sie haben ihn verschickt, wie sie ihn gerade gebraucht haben. Er konnte sich ja nicht wehren. Und ich wusste dann nicht, was war und wie es ihm geht. Auch für meinen Mann war das sehr schwer. Es war eine schwere Zeit. Wir hatten nichts zu essen. Wir sind überall hin für ein paar Kartoffeln. Da hatten wir zu tun. Wir sind dreißig Kilometer marschiert, um Kartoffeln zu bekommen. Meine Weihnachtsgeschenke habe ich mitgenommen, damit ich sie für die Kartoffeln eintauschen kann. Das war eine schlimme Zeit. Wirklich schlimm.

Hatten Sie da schon Ihre Kinder?
Meine Kinder?
Tochter: Mutti, Du musst doch wissen, wie viele Kinder du hast.
Käthe Hauser: Habe ich drei Kinder?
Tochter: Mutti, wie viele Kinder hast Du? Mach‘ mir mal jetzt keinen Kummer. Du hast die Karin. Sie ist 1940 geboren. Und Du hast mich, die Helga. Ich bin 1948 in Berlin geboren und sitze hier vor dir.
Käthe Hauser: Mit dir habe ich im Krankenhaus gelegen, sehr lange, ich glaube über acht Monate. Ich habe nur gelegen, sonst hätte ich Dich verloren. Mir ging es sehr schlecht in der Schwangerschaft. Ich habe mich immer nur übergeben müssen und musste künstlich ernährt werden. Dann durfte ich endlich nach Hause und bin zu meiner Schwester. Die hatte gerade Matjes-Heringe gekauft. Und auf die habe ich mich gestürzt, mit Heißhunger. Ausgerechnet die Matjes habe ich gegessen – und vertragen.

Wie ging es nach dem Krieg weiter?
Mein Mann musste beruflich wieder Fuß fassen. Das war nicht leicht. Wir sind von Neuenhagen erst einmal wieder in die Stadt, nach Neukölln zur Oma, gezogen, der Lebensmittelkarten wegen. Dann hat mein Mann endlich Arbeit gefunden, erst bei Ullstein, dann bei Habra-Druck. Mit denen ging er 1950 nach Erbach in den Odenwald, erst alleine. Und wir kamen 1952 nach.
Tochter: Zwei Jahre später zogen wir von Erbach nach Darmstadt um. Und wo haben wir in Darmstadt gewohnt, Mutti?
Käthe Hauser: In der Berliner Allee! Na, das passte!
Tochter: Sie ist Berlinerin – mit Leib und Seele.

Wie haben Sie sich denn als Berlinerin in Erbach und Darmstadt gefühlt, Frau Hauser?
Ich bin sehr ungern von Berlin weg. Das war für mich sehr schwer. Ich hänge immer noch an Berlin. Ich würde auch jetzt noch nach Berlin gehen.
Tochter: Wie sind immer wieder nach Berlin gefahren. Auch, als das noch so schwierig war. Sie wollte immer nur nach Berlin. Wir hatten ja auch unsere ganze Verwandtschaft dort.
Käthe Hauser: Auch mein Mann ist schwer von Berlin weggegangen.Wir waren beide Berliner Kinder. Aber es gab da keine Arbeit für ihn. Es war ja alles verbombt.

Was ist das Besondere an Berlin, Frau Hauser?
Das ist eben meine Heimatstadt. Man hat nur eine Heimat. Da hängen viele Erinnerungen dran.
Tochter: Nachdem mein Vater aus der Firma ausgeschieden war, da war es 62 Jahre alt, haben meine Eltern noch einmal gebaut und sind von Darmstadt wieder nach Erbach in den Odenwald gezogen. Weil es ihnen dort so gut gefallen hat. In Erbach hatten beide noch einmal zwanzig schöne Jahre. Mein Vater ist am 4. November 1993 gestorben. Damals habe ich meine Mutter zu mir hier nach Darmstadt geholt. Da war sie schon über 80. Das Mietshaus hier gehört uns, und es war gerade eine Wohnung frei geworden, in die sie einziehen konnte. Bis vor eineinhalb Jahren war meine Mutter noch sehr fit. Ihren 100. Geburtstag beispielsweise haben wir groß in einem Restaurant gefeiert. Unglücklicherweise ist sie am Morgen gestürzt, und die Wunde musste im Krankenhaus genäht werden. Sie hat sich danach ins Taxi gesetzt und ist fröhlich zur Feier gefahren. Sie war auch sonst immer viel unterwegs mit mir – obwohl sie so viele Operationen hinter sich hat, mit 95 Jahren etwa hat sie eine neue Herzklappe bekommen. Bis vor kurzem haben wir noch jeden Abend zusammen Canasta gespielt. Wir haben viel Schönes zusammen machen können. In jüngerer Zeit ist sie häufig gefallen. Deshalb haben wir jetzt eine 24-Stunden-Hilfe. Seit einem halben Jahr merke ich, dass sie geistig abbaut. Ich denke, das ist so, weil sie keine Ansprache mehr hat. Sie hört sehr schlecht und bekommt im Fernsehen nicht mehr alles mit, auch das Lesen strengt sie an. Und sie kommt nicht mehr raus aus ihren vier Wänden.
Ich glaube, jetzt will sie ihre Ruhe haben. Ich merke das!
Tochter: Mutti, wie viele Enkelkinder hast du? Magst du das noch sagen?
Käthe Hauser: Meine Tochter Karin hat zwei Kinder. Beide Enkelkinder sind unverheiratet und haben keine Kinder. Das ist nicht gut. Mehr haben wir ja nicht.
Tochter: Mutti, aber ich habe doch auch noch Kinder!
Käthe Hauser: Ja, du hast auch noch Kinder. Du hast zwei Söhne, Ingmar und Thomas. Und vom Ingmar habe ich den Sebastian als Urenkel und vom Thomas einen Jannik.
Tochter: Der Jannik ist jetzt neun Monate alt und der Sebastian ist eineinhalb Jahre.
Käthe Hauser: Den müssten Sie einmal kennenlernen, den Sebastian. Das ist eine Nummer für sich. Wie der schon läuft! Und der Jannik, der versucht jetzt aufzustehen.
Und jetzt machen wir Schluss!

(Quelle: 100! Was die Wissenschaft vom Altern weiß, Hirzel Verlag)

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