Portrait eines Hundertjährigen – Fritz Klumpp

Ein Schelm mit tiefem reifen Ernst

Fritz Klumpp wurde am 6. Februar 1915 geboren. Er sagt: „100-jährige Männer sind eine Rarität. Das erfüllt mich mit ungeheurem Stolz.“

Fritz Klumpp lebt in seiner eigenen schönen Wohnung mit Blick auf den großen Garten, umsorgt von Renata, seiner Pflegekraft, die freundlich die Tür öffnet. Er erwartet die Besucher im Esszimmer und weist als erstes auf seinen Wintergarten hin. 130 Kakteen stünden darin, darunter die Königin der Nacht. Sie zeige ihre großen weißen Blüten nur ein Mal im Jahr – um gleich darauf wieder zu verwelken. Das Stachlige, das Schöne und das Vergängliche, erklärt Fritz Klumpp, seien in dieser Pflanze in einzigartiger  Weise vereint. Doch nicht allein an der Welt der Pflanzen – an allen Dingen der Welt ist Fritz Klumpp nach wie vor sehr interessiert. Davon zeugen seine vielen Bücher, Zeitungen und Magazine, die sich im Wohnzimmer auf Regalen und Tischen stapeln.

Von allen guten Gaben, über die ein Mensch verfügen kann, hat Fritz Klumpp reichlich: Er sieht gut aus, auch heute noch; er hat Charme, Witz und Verstand, einen feinen, hintergründigen Humor und das verschmitzte Lächeln eines jungenhaften Schelms. Viel Glück habe er in seinem Leben gehabt, betont er, – mit seiner prächtigen Familie, seinen vielen schönen Reisen und der „Friedrich Klumpp Lackfabrik“ in Stuttgart-Feuerbach mit über 150 Mitarbeitern, die er „aus dem Nichts“ heraus aufgebaut habe. Heute führen sein Sohn und seine Enkel Stephan und Axel das Unternehmen.

Auf dem Tisch liegt ein großes Buch, das die Tochter für ihren Vater mit Bildern aus dem Familienalbum und Zeitungsausschnitten bestückt hat. „Ein Schelm mit tiefem reifen Ernst“ steht über einem Artikel anlässlich des 100. Geburtstages von Fritz Klumpp. „100jährige Männer sind eine Rarität“, sagt Fritz Klumpp und zeigt dabei sein spitzbübiges Lächeln. „Das erfüllt mich mit ungeheurem Stolz.“

Ob er sein Leben noch einmal leben wolle? „Nein“, antwortet er entschieden. Denn dann müsse er auch das Leid, das ihm zuteil wurde, noch einmal erfahren – ein Gesprächsprotokoll.


Meine Mutter war Ur-Stuttgarterin, mein Vater auch, meine ganze Familie lebt seit dem Jahr 1480 in Stuttgart. Im Flur hängt der Stammbaum. Darauf sieht man, dass die meisten Wingerter, also Winzer, waren. Mein Vater ist aus der Art geschlagen, er war Kaufmann für chemische Produkte, das heißt für Lacke, Wachsbeizen seinerzeit. Wir wohnten erst in Stuttgart, später sind wir nach Feuerbach umgezogen, weil mein Vater dort einen kleinen Betrieb für Lacke und Beizen gekauft hatte, mit denen er die Schreiner ringsum belieferte. In Stuttgart habe ich dann die Oberrealschule besucht, dort machte ich auch meine kaufmännische Lehre.

Meine Jugend war geprägt von der Nazizeit. Hitler habe ich gar nicht mögen – von Anfang an nicht. Aber ich hatte einen Freund, der sagte, „jetzt guck doch da mal hie, alle Leute jubeln dem zu und der bringt Arbeit – und wir stehen immer abseits. Das geht doch nicht. Wir müssen da auch mitmachen. Und Du gehst mit.“ Und dann war ich drin. Und dann habe ich gedacht, das kannst Du eigentlich nicht machen. Dann bin ich wieder ausgetreten aus der Partei. Damals war ich schon beim Militär. Da kamen sie nachts und haben gesagt, ich soll die Uniform wieder abgeben. Und mein Vater hat gesagt: „Nachts geben wir keine Uniformen raus!“ Sie sollen bei Tag wieder kommen. Das taten sie dann später auch.

Zwei Jahre war ich in der Bergkaserne in Stuttgart. Die Ausbilder waren ganz scharfe Kerle, die haben uns wirklich geplagt. Manche Kameraden haben gesagt, das halten sie nicht länger aus. Und ich habe gesagt: „Die kriegen mich nicht klein!“ Und so ist es dann ja auch gekommen.

In den Krieg bin ich als Feldwebel eingetreten, dann war ich Leutnant, Oberleutnant, schließlich Kompaniechef und habe ein Bataillon geführt. Ich war ungern Soldat – aber nachdem es sein musste … ich habe mir gesagt: „Du musst halt auch etwas werden“. Nur den Adolf, den habe ich immer noch nicht leiden können.

Was dann kam, war interessant: Im Frankreichfeldzug wurde ich schwer verwundet. Da haben sie mir beide Oberarme durchgeschossen; das war ein echter Kunstschuss … Ich war ohnmächtig und habe viel Blut verloren – sie hielten mich für tot und haben mich liegen lassen. In der Nacht bin ich aufgewacht. Kein Mensch war mehr da, eine große Leere. Irgendwie sind meine Lebensgeister erwacht, ich habe mich von der Last des Gürtels befreien können und mich auf dem Bauch mühsam auf der Erde vorwärts bewegt. So kam ich zu einem Posten unserer Kompanie. Da haben sie mich gepackt, der eine hat mir die Knie durchgedrückt, der andere hat mich am Kragen hochgezogen – und so sind wir inmitten des Artilleriefeuers dahin marschiert. Weit sind wir nicht gekommen. Es gab an dem Hang Granattrichter, noch aus dem ersten Weltkrieg. Und in einen davon bin ich hineingefallen und nicht mehr herausgekommen. Wieder war ich bewusstlos. Ja, das ist schon abenteuerlich, das Ganze.

Als ich wieder zu mir gekommen bin, lag ich auf einem Holzbrett. Ein Arzt steht vor mir, und ich sehe, wie er eine Schlagaderbinde um meinen Arm wickelt. Daraufhin haben sie mich in eines dieser Löcher geschoben, auch aus dem ersten Weltkrieg, wo die Soldaten damals drin hausten. Da lagen jetzt die Verwundeten aus dem zweiten Weltkrieg drin. Ich war der hinterste im Loch. Dann hat die Decke über mir geknistert – und das ganze Ding ist eingestürzt. So etwas … in meinem Lebenslauf, da sind so viele Positionen … man kann es einfach nicht für möglich halten, dass ich die alle lebend überstanden habe.

Jetzt kamen französische Kriegsgefangene, die waren abkommandiert, um die Überlebenden in ein Lazarett zu tragen, eine ehemalige Mädchenschule. Die Schlagaderbinde hatte ich mir zwischenzeitlich selbst abgebunden – ich wusste, die muss nach einer Stunde weg, sonst stirbt der Arm ab. Der Arm blutete nicht mehr, und so kam ich zu den leicht Verwundeten ins Untergeschoss. Da ist der Arzt jeden Morgen durchgelaufen und hat geschaut, wer schon wieder alles tot ist – von den sogenannten leicht Verwundeten. Das Pflegepersonal kam und hat die Toten rausgeschafft. Irgendwann hieß es, eine Junkermaschine sei da, sie fliege nach Deutschland und wer könne, solle sich dort hin schaffen. Das ist mir gelungen. So kam ich ins Lazarett nach Jugenheim bei Darmstadt. Und von dort wieder zum meiner Truppe, den 119igern, nach Pforzheim.

Dort bin ich an einem freien Tag in eine Buchhandlung gegangen. Und ich sah dort eine Dame, also eine Dame! Die hat mir unglaublich gut gefallen. Beim Bücherkauf habe ich geguckt, dass ich ein Gespräch mit ihr führe. Das war einfach nicht möglich! Und dann habe ich kurzerhand gefragt, ob wir abends nicht einmal miteinander ausgehen könnten. Und sie sagte: „Das kommt überhaupt nicht infrage!“ Wenig später hieß es, ich werde versetzt, nach Stuttgart. Am Tag der Versetzung musste ich auch noch zum Zahnarzt, der mir ohne Betäubung einen Zahn rausgerissen hat. In diesem furchtbaren Zustand und mit völlig verschwollenem Gesicht bin ich dann wieder in die Buchhandlung und habe zu der Dame hingenuschelt, soweit mir das möglich war, dass heute der letzte Tag sei, an dem wir die Möglichkeit hätten, uns kennenzulernen. Und dann sind wir abends miteinander ausgegangen. Und dann war es passiert!

Und jetzt zeige ich ihnen diese Dame, hier im Fotobuch meiner Tochter mit der Aufschrift „Für Papa“. Das hier ist die Dame. Diese schöne Frau. Sie ist meine Frau geworden.

„Mein erstes großes Leid“
Und jetzt beginnt das Leid. Wir waren dann also verheiratet. Und wir hatten einen kleinen Sohn. Hier sehen Sie im Album unsere Heiratsanzeige. Und hier auf dem Foto, neben der schicken Dame – sie kam aus einer deutsch-französischen Adelsfamilie –, das bin ich als Soldat. Und da auf dem Bild, das ist mein kleiner Sohn. Und da ist er wieder, hier. Und beide sind umgekommen, im Jahr 1944. Ja. Das war mein erstes großes Leid.

Meine Frau hat zuerst in Stuttgart gelebt mit unserem kleinen Sohn. Das erschien mir zu gefährlich, da in der Stadt. Sie hatte Verwandte auf dem Land, bei Pforzheim. Ich habe ihr geraten, dorthin zu gehen. Ich war ja im Krieg, in Polen, bei Krakau. Und zwei Tage später waren beide tot. Alle in dem Haus waren tot – das einzige Haus, das bis dato in Pforzheim und Umgebung von einer Bombe getroffen worden war. Nur mein Schwiegervater und die Schwägerin haben überlebt. Ich wollte sie wegbringen lassen, nach Straßburg. Aber mein Schwiegervater sagte, nein, er bleibt da, er wolle nicht als Feigling gelten. Die beiden sind dann später während des Großangriffes auf Pforzheim umgekommen. Eine ganze Familie ausgelöscht – bis auf mich. Ich war der Einzige, der überlebt hat. Sehen Sie. So geht das.

Und jetzt schauen Sie dich doch nur dieses hübsche Kind auf dem Foto an! Da war mein Sohn ein Jahr und vier Monate alt, 1943 geboren und 1944 gestorben. Es gibt auch heute noch keinen Tag, an dem ich nicht an ihn denke, ebenso an meine erste Frau. Ich habe damals einen Knochen bekommen, den man meiner Frau zuschrieb. Und der wurde in einer Schale beigesetzt auf dem Friedhof in Pforzheim.

Danach war es schlimm. Ich wollte auch sterben. Durch die dicksten Artilleriefeuer bin ich aufrecht hindurchgegangen – getroffen worden bin ich nicht. Dann gab es für mich eine Zeit lang eine innerdeutsche Verwendung, und dann musste ich wieder an die Front im Osten. Und da war ich bis zum Ende. Und dann in russische Kriegsgefangenschaft: kein Dach über dem Kopf, auf dem blanken Boden haben wir geschlafen, schlimme Sachen, Hunger, Diphtherie, Tote und immer wieder Tote, Flucht Richtung Westen auf verschlungenen Pfaden versteckt in einem Lastwagen und so weiter und so fort ….

Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1945 bin ich wieder in Feuerbach in der Dornbirner Straße eingetroffen. Meine Eltern waren noch da, beide krank, das Haus von Bomben stark beschädigt, der Betrieb geschlossen. Alles war auf null. Ich habe mir gesagt, dass wir jetzt eben alles wieder in Gang setzen müssen. Als erstes habe ich das Dach repariert, damit es nicht mehr hinein regnet. Ein Riesendach – das habe ich alleine gedeckt. Meinen Vater habe ich gefragt: „Wir sind ja doch eigentlich pleite, was sollen wir denn jetzt machen?“ Und er hat gesagt: „Wir müssen etwas machen, das man verkaufen kann.“ Rohstoffe für die Herstellung der bisherigen Lacke gab es nicht, da habe ich Stallungen gebaut und meine Hasenzucht aufgemacht. Weil ich keinen Deckhasen hatte, bin ich mit meiner Häsin im Kasten auf dem Fahrrad über 20 Kilometer bis nach Kirchheim unter Teck gefahren, zwei Mal … am Schluss hatte ich 30 Hasen.

Und nebenher habe ich wieder mit dem Lackmachen angefangen. Ich hatte nämlich die Idee, statt der üblichen Rohstoffe, die es nirgendwo mehr in der erforderlichen Menge gab, Schießpulver für die Lackherstellung zu nutzen. Das Schießpulver hat einen Zellulose-Anteil, den kann man mit Lösemitteln herauslösen und mit ein paar Tricks zu einem Lack weiter verarbeiten. Ich hatte einen Händler, von dem erhielt ich das Schießpulver. Eines Tag stand eine amerikanische Kommission bei uns vor der Tür. „Wir haben gehört, Sie haben Schießpulver“, sagten sie. Und ich sagte: „Ja, aber ich schieße nicht damit, ich mache Lacke.“ Anschließend durfte ich den Rest vom Schießpulver noch verbrauchen – aber ich musste versprechen, kein weiteres mehr zu kaufen. Ich bin dann auf Filmabfälle übergegangen. Daraus habe ich die ersten Nitrozellulose-Lacke hergestellt. Das war nicht ungefährlich, weil Film ja wie Zunder brennt. Ich habe mich halt immer und überall durchgekämpft. Und es scheint mir genutzt zu haben, dass Chemie, Physik und Mathematik in der Schule meine Lieblingsfächer waren.

„Teils matt und teils glänzend“
Dann ging es mit den Rohstoffen wieder besser. Und ich habe Versuche gemacht, wie man die Lacke noch besser machen könnte. Und dann bin ich gereist, um die Lacke zu verkaufen. So sind die Anfänge entstanden. Später habe ich Vertreter für die Lacke gefunden. Es ging voran. Mindestens 80 Stunden habe ich in der Woche gearbeitet, auch später. Mein Sohn Wolfgang, einer meiner drei Kinder aus zweiter Ehe, hat Chemie studiert und leitet die Firma heute zusammen mit meinen Enkeln Stephan und Axel. Die Firma Klumpp liefert jetzt Speziallacke in die ganzen Welt. Wir haben Niederlassungen in Singapur, in Shanghai – alles mit Lacken. Ich selbst habe die Firma mit 75 Jahren verlassen. Es freut mich, dass mein Lebenswerk, gewissermaßen, so gut gelungen ist. Und ich habe es geschafft, dass die ganze Familie in finanziell ordentliches Verhältnissen lebt. Das habe ich praktisch von null an erreicht. Und immer alles selbst gemacht. Zu meinen Hobbys zählt ja auch das Gedichteschreiben und Gedichtesammeln, damit habe ich auch gleich nach dem Krieg begonnen und manches Firmenmitglied bedacht. Zwei Gedichtbände habe ich erstellt mit dem Titel: „Teils matt und teils glänzend – lackiert von Fritz Klumpp, gewidmet meiner Frau, meinen Kindern, meinen Freunden und Geschäftsfreunden“.

Meine zweite Frau Margarete habe ich in Stuttgart bei der Hochzeitsfeier meines Freundes Manfred Leitz, der von den Leitz-Ordnern, kennengelernt. Sie saß mir gegenüber. Ein halbes Jahr später, am 5. Juni 1948, haben wir geheiratet. Sehen Sie hier auf dem Foto, das war unsere Hochzeit. Wir haben drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, und fünf Enkelkinder. Urenkel habe ich noch keine – ich sage den Enkeln immer, sie sollen jetzt endlich mal Ordnung in ihr Leben bringen! 64 Jahre lang waren meine Frau und ich verheiratet – ohne jeden Streit! Das glaubt mir ja keiner. Aber es ist wirklich wahr. Wir sind viel und gerne gereist, in der ganzen Welt sind wir umeinand gefahren. Und im Tennisclub waren wir. Nicht einfach nur so … wir waren sogar baden-württembergische Meister – in der Seniorenmannschaft. Vor drei Jahren ist meine Frau gestorben. Mir tut es sehr leid, dass meine Grete von mir gegangen ist. Die schönste Erinnerung, die ich habe, ist die große Liebe, die ich für meine beiden Frauen hatte, die Liebe und das Vertrauen. Ja, ich finde, die Liebe ist das Zentrale im menschlichen Leben.

Ich wollte immer ein ordentlicher Mensch sein“
Was mir besonders wichtig war im Leben? Meine beiden Frauen, meine Kinder und Kindeskinder. Und ich wollte immer selbstständig sein, keinen Chef über mir haben, das war mein Ziel. Ich wollte ein ordentlicher Mensch sein, einer, der mit sich selber zurechtkommt, der mit anderen zurechtkommen kann – und der sich Mühe gibt, mit der Welt zurechtzukommen. Wenn ich beispielsweise in der Firma einen neuen Mitarbeiter eingestellt habe, habe ich immer gesagt: „Wenn Sie einen Fehler machen, dann sind Sie bitte so gut und melden ihn sofort. Sie werden nicht dafür belangt werden, sondern sogar gelobt. Aber Sie dürfen einen Fehler nicht machen: Dass Sie um den Lobes willen Fehler machen.“ Ich war für meine Leute immer da und immer ansprechbar. Noch heute kommen ehemalige Mitarbeiter zu mir und freuen sich, wenn sie mich sehen. Man muss sich eben Mühe geben!

Ich habe eine innere Gelassenheit. Das ist wohl von Vorteil. Sehen Sie, im Krieg – wir waren eingekesselt – hat einmal ein Offizier zu mir gesagt „Sie mit Ihrer Ruhe. Sie machen mich noch ganz wahnsinnig damit!“ Woher diese Ruhe kommt? Das kann ich nicht sagen. Ich habe halt immer konsequent meine Linie gefahren, wenn ich mich für etwas entschieden hatte, vielleicht hat mich das stark gemacht. Es ist so eine Veranlagung, da innen drin. Das hat man, oder man hat es nicht. Ich habe eine Theorie darüber aufgestellt, wie das zustande kommt: die „Samenlotterie“. Diesen Begriff werden Sie in keinem Lexikon finden! Von Abermillionen Samenzellen trifft eine einzige auf eine Eizelle und daraus entsteht ein neuer Mensch. Das ist ein Lotteriespiel, was da zusammenkommt, ein Zufall – mehr nicht.

Mit der Religion habe ich so mein Problem. Da hatte ich schon immer das Gefühl, dass da an den Geschichten so manches einfach nicht stimmen kann. Religionen und die Institutionen, die sie vertreten, sind für mich der Versuch, Ordnung ins Leben zu bringen, es zu organisieren. Das ist gut. Aber die Religionen sind nicht bereit, einander anzuerkennen. Deswegen sind schon viele Kriege geführt worden. Die Religionen und Kirchen sollten doch vor allem darum bemüht sein, sich gegenseitig zu achten. Das ist wichtig. Aber es geschieht nicht. Und solange das nicht erfolgt, werden wir keinen Frieden auf Erden haben. Das ist so ein Grund – von vielen. Wenn man es sich richtig anschaut, dann ist der Mensch das schlimmste Raubtier, das jemals auf Erden war. Ich sehe schwarz für die menschliche Zukunft. Wohin man blickt: Wir haben es mit einem Zugrunderichten unsere Erde zu tun. Was ist der Mensch denn? Ob wir untergehen oder nicht – das Universum interessiert das überhaupt nicht. Wenn ich allein die derzeitige Flüchtlingskrise betrachte. Können Sie sich vorstellen, dass Sie einen Koffer unter den Arm nehmen und ihre Kinder an die Hand, ihr Haus und ihre Heimat verlassen, sich einem Schlauchboot auf dem Meer anvertrauen und in eine völlig unbekannte Welt gehen? Das kann doch nur sein, wenn es ganz, ganz extrem zugeht. Und auch hier finde ich, bei den Ursachen und im Umgang damit, ist die menschliche Unzulänglichkeit hinreichend bewiesen.

Was ich noch sagen wollte“
Derzeit lese ich gerade das Buch von Helmut Schmidt mit dem Titel „Was ich noch sagen wollte“. Das habe ich seit drei Tagen – und ich habe es schon drei Mal gelesen. Es berührt mich sehr. Ich stelle fest, er hat eine ganz ähnliche Denkweise wie ich. Auch sein Werdegang, da gibt es viele Parallelen. Renata, meine Hilfe, hat es mir aus der Buchhandlung mitgebracht. Renata ist aus Polen, sie ist schon bei uns gewesen, als meine Frau noch lebte. Meiner Frau hat Renata versprechen müssen, dass sie sich auch weiterhin um mich sorgt. Ich kann schlecht laufen – das ist das Einzige. Renata kommt drei Mal pro Woche, und einmal gehen wir zusammen einkaufen. Da hat mich mal jemand an der Kasse gefragt: „Wo bekommt man denn so nettes Personal her?“ Und ich habe geantwortet: Da ist doch kein Personal – das ist meine jüngste Tochter!“ Wir verstehen uns sehr gut, Renata und ich.

Ich lese viel, ich habe schon immer viel gelesen, vor dem Schlafen beispielsweise, allein schon, um die Kriegsbilder zu verdrängen. Das muss ich auch noch sagen. Diese Kriegsbilder! Sie scheinen immer wieder auf. Diese unglaubliche Anhäufung von Toten! Was ich alles erlebt habe! Das man das überhaupt ertragen kann! Ich wundere mich immer mehr darüber. Ich sehe diese Szenen in allen Einzelheiten vor mir, die Bilder laufen ab wie ein Film, der sich in mir festgesetzt hat. Damals etwa, als ich im Lazarett nachts aus der Bewusstlosigkeit erwacht bin. Da habe ich mir gesagt: Jetzt musst Du sterben. Ich war in einem losgelösten, völlig freischwebenden Zustand. Da waren Lichterscheinungen, und sie verschwanden wieder. Und dann war ich wieder bewusstlos. Aber ich hatte keine Angst vorm Sterben. Ich habe auch heute noch keine Angst vorm Sterben.

Manche Menschen fragen mich, was man tun muss, um so alt zu werden. Also ich bin einfach so alt geworden! Meine Ärztin sagt, ich muss gute Gene haben. Meine Ärztin … ich nenne sie „Frau Doktor Wirbelwind“. Und ich habe ein Gedicht für sie geschrieben, das lese ich Ihnen jetzt vor: „Frau Doktorin Wirbelwind weiß wie meine Wirbel sind, blickt hinein in meine Lunge, prüft das Rot von meiner Zunge. Sie verschreibt mir die Tabletten, die mich vor dem Heimgang retten. Alles dieses macht geschwind, Frau Doktorin Wirbelwind. Ihre Meinung hat Gewicht. Hier mein Dank und mein Gedicht.“

Ich habe ihr das natürlich auch vorgelesen – wissen Sie, ich mache nämlich nur Gedichte für Leute, die ich mag. Und zum Schluss – noch ein Gedicht, es heißt: Zahn und Mensch.

„Zwei Zähne haben diese Nacht
zum letzten Mal im Mund verbracht.
Der eine links, der andere rechts,
sind beide männlichen Geschlechts.

Der Zahnarzt meint, sie müssen raus,
ein kurzer Ruck, schon kommt das Aus.
Es ist des Lebens steter Brauch:
Erst kommt der Zahn – und dann Du auch.“

(Quelle: 100! Was die Wissenschaft vom Altern weiß, Hirzel Verlag)

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