Quelle: www.pen.gg

Misch dich ein, sonst gehen wir unter!

Wie ich mit einem Knall den Spaß an Demokratie entdeckte.

Eine Empfehlung von Jean Peters (PENG! Kollektiv, Berlin)

Es war ein gutes Gefühl, als die 60 Liter Theater-Erdöl-Fontäne bei der Veranstaltung des größten Ölkonzerns der Welt über die Bühne schossen. Professor Lange von der Universität Dresden saß in der Jury des „Shell Science Slams“, um unsere neue Erfindung zu beurteilen und war ganz angetan von unserem angeklebten Druckmesser und der LED Lampe, die wir an den Kasten montiert hatten, bevor das Gemisch explodierte. Er hatte kurz zuvor eine beschämend anbiedernde Lobeshymne auf den Konzern gehalten, die ihm vermutlich einen Teil seiner Forschung finanzierte, und war nun mit einer erdölähnlichen Flüssigkeit bekleckert worden.

„Ein Laufsteg für deine Ideen“, so hatte der Großkonzern 2013 geworben, er wollte junge Wissenschaftler grüner Technologien auf die Bühne holen. Derselbe Konzern, der ganze Landstriche in Nigeria mit Erdöl überflutet und damit massenweise Existenzen zerstört hatte, aber nie dafür Verantwortung übernehmen wollte. Jetzt sollte Shell also in Berlin ein grüne Weste anziehen und sich von trendigem Publikum beklatschen lassen. Das alles wurde selbstverständlich von der guten alten PR Firma Burson Marsteller organisiert, die neben Nestlé, Exxon oder Facebook schon dem chilenischen Diktator Pinochet oder dem rumänischen Diktator Ceaușescu das Image aufpoliert hatte und deren Chef vermutlich lebendige Frösche zum Frühstück isst.

Als ich davon erfuhr, hatte ich mich fix beworben: ich nannte mich Paul von Ribbeck und hatte eine revolutionäre Idee. Ich behauptete, zusammen mit Freunden an einer Kiste zu arbeiten, die man in Autos einbauen konnte, um damit die Abgase zu filtern und das dreckige CO2 einzusammeln, anstelle es in die Umwelt zu pusten. Ich übte Tage lang, den Bindestoff „polymersubstrat gebundenes Ethanolamin“ auszusprechen und las mich durch Patente der Universität Innsbruck durch. Mein Kumpel und Partner in Crime bastelte Tag ein, Tag aus an der Maschine, die das Gemisch in die Luft schleudern sollte und in unserer Küche panschten wir so lange, bis wir einen guten Ölersatz erfunden hatten. Zwei Wochen später stand ich dann auf der Bühne und die eingeschleusten Kameras warteten auf meinen Knopfdruck.

Was das politisch genau gebracht hat, kann ich nicht beurteilen. Ich schätze mal nicht, dass es an dieser Aktion lag, dass Shell ein paar Wochen später verkündete, doch nicht in der Arktis nach Öl zu bohren. Aber abgesehen davon, das Shell am Nasenring durch die Medienarena gezogen wurde, hatte es auch einen ganz persönlichen Effekt: Ich merkte wie befreiend es war, sich aufzuraffen. Sich einzumischen.

Denn damals lag über vielen meiner Freunde eine Art lähmender Schleier. Weltweit tobten die Finanz-, Klima- oder Hunger-Krisen. Wir merkten, dass sich gerade ein politischer Sturm auftat: doch draußen war es still. Niemand schien sich in Deutschland wirklich zu empören. Ich arbeitete schon seit einer Weile mit Freunden an neuen Formen politischer Kampagnen, und spätestens nach dieser Aktion wurde klar, dass das nicht das Ende der Fahnenstange sein konnte.

Seitdem haben wir immer mehr Aktionen gemacht. Wir haben unter anderem zur Fluchthilfe innerhalb Europas aufgerufen, damit auch diejenigen das Grundrecht auf Bewegungsfreiheit genießen können, die nicht den richtigen Pass haben – woraufhin über 800 Urlauber dem Aufruf folgten und quasi einen Ersatzverkehr für Geflüchtete aufbauten. Wir haben einen Aussteigerverein namens „Intelexit“ für Geheimdienstmitarbeiter erfunden, und sind mit einem LKW um die NSA gefahren um sie zum Ausstieg zu bewegen. Wir haben eine Bot-Armee für Twitter gebaut, die sexistische Trolle automatisch zu einem feministischen Selbsthilfekurs anmeldet und haben als angebliche Google Manager auf einer großen Tech-Konferenz erschreckend realitätsnahe Produkte angeboten, bis die Zuschauer Google hassten und Google uns verklagen wollte.

Und klar, es ist auch nicht immer einfach, denn seitdem haben wir als Kollektiv, und insbesondere ich persönlich, über 500 Morddrohungen erhalten. Das scheint in Deutschland nun mal dazuzugehören, wenn man sich für Geflüchtete einsetzt. Generell kommen wir ohne regelmäßige anwaltliche Beratung nicht aus, da wir – im übrigen nicht annähernd so intensiv wie jedes größere globale Unternehmen – die Grenzen des Legalen ausreizen. Im Vergleich zu Unternehmen ist unser Motivationsgrund allerdings die Legitimität, und nicht der Profit.

Wenn ich aber an die Ölfontäne denke, und wie manche der Mitarbeiter von Shell sich bei mir bedankten, da ich das getan hätte, was sie sich im Innersten eigentlich schon länger gewünscht hatten, kann ich nur empfehlen, sich auch mal an der freundlichen, verspielten, aber sehr direkten Demokratie auszuprobieren. Mit oder ohne Ölfontäne, mit oder ohne Partei, mit oder ohne klar ausformuliertes politisches Ziel. Nur so können wir Demokratie vor den Allmachtsphantasien von Nationalisten, Kapitalisten und anderen Fundamentalisten bewahren.