Dialoge zwischen den Kulturen sind immer offene Prozesse

Dr. Marion Aicher-Jakob ist stellvertretende Leiterin des Schulpraxisamts der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Sie hat das BWS-plus-Projekt „Migration und Interkulturalität“ während der gesamten Laufzeit von 2014 bis 2016 begleitet und wissenschaftlich ausgewertet. Außerdem ist sie Mitherausgeberin des Buches „Bildung, Dialog, Kultur“, in dem die Erfahrungen und Ergebnisse des Projektes beschrieben werden.

Interview: Iris Hobler

Perspektive: Jedes dritte Kind an deutschen Schulen hat einen Migrationshintergrund. Wie fit sind Schulen darin, das Miteinander von Kulturen zu gestalten?
Marion Aicher-Jakob: Mein Eindruck ist, dass die meisten Institutionen noch ziemlich am Anfang stehen. Das beginnt schon mit der Fixierung auf eine Sprache. Verglichen mit der existierenden kulturellen Vielfalt, die ja weiter zunehmen wird, ist der monolinguale Habitus überholt. Wir müssen uns in der Institution Schule viel stärker auf Zwei- und Mehrsprachigkeit einstellen. Und uns auch mit der schwierigen Aufgabe befassen, wie diskriminierend die Institution Schule sein kann.

Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?
Wenn bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache nach der vierten Klasse in der Bildungsempfehlung ignoriert wird, dass sich die festgestellten Sprachkenntnisse nicht auf die Erstsprache beziehen, dann ist das diskriminierend. Auch beim Verfahren der Aufnahme an Sonderschulen werden immer wieder die sprachlichen Bildungsvoraussetzungen ignoriert. Formal verläuft alles korrekt und ist Teil der normalen organisatorischen Strukturen – trotzdem sind es Formen von Diskriminierung.

Welche Effekte haben sich im Projekt durch den Ansatz der Lerngemeinschaften ergeben?
In den Learning Communities haben die Studierenden aus Ludwigsburg und Istanbul über einen relativ langen Zeitraum eng zusammengearbeitet. Alle haben ein halbes Jahr in einem für sie eher unbekannten Land verbracht und waren mit einer fremden Sprache konfrontiert. Das hat dazu beigetragen, die eigene kulturelle Schubladen-Architektur kritisch zu hinterfragen …

… was genau meinen Sie mit Schubladen-Architektur?
Wir sind schnell bei der Hand mit Zuschreibungen wie: Das ist typisch für die – sagen wir – türkische Kultur. Dabei ist eine Kultur viel zu komplex für solche Engführungen. Ebenso schnell nehmen wir kulturelle Unterschiede als Begründung für ein Verhalten und übersehen dabei andere Ursachen. Es war uns deshalb ganz wichtig, die Studierenden auf ihre Schubladen und ihre kulturelle Selbstbezogenheit aufmerksam zu machen. Das Bewusstsein für die eigene begrenzte Sicht ist eine wichtige Voraussetzung dafür, an Schulen überhaupt einen fruchtbaren interkulturellen Dialog in Gang setzen zu können.

Wie hat die Hochschule die Studierenden bei der anspruchsvollen Projektarbeit unterstützt?
Erstens durch die Auswahl der Schulen. Die Praxissemester fanden an einer bilingualen Schule und an einer Gemeinschaftsschule mit langer interkultureller Erfahrung statt. Die Institutionen waren also mit dem Thema vertraut. Zweitens standen den Studierenden Ausbildungsberater und fachdidaktische Betreuer vor Ort zur Seite, die das Projekt auch aktiv mitgestaltet haben. Drittens haben beide Hochschulen spezielle Begleitseminare durchgeführt, in denen aktuelle Probleme ebenso diskutiert werden konnten wie die Forschungsfragen der Lerntandems.

Ist Ihr Buch ein Handlungsleitfaden, wie Interkulturalität richtig organisiert und umgesetzt werden kann?
Nein, das ist es nicht. Die drei Projektdurchgänge haben gezeigt, dass Rezepte zu kurz greifen, so wünschenswert sie vielleicht sein mögen. Jede interkulturelle Situation ist ein spezifisches soziales System, in dem die Beteiligten sich wechselseitig beeinflussen. Dialoge zwischen den Kulturen sind offene Prozesse, die aufs Neue gesteuert, moderiert und reflektiert werden müssen. Was dafür immer wichtig ist: die respektvolle Einstellung dem Anderen gegenüber und die Distanz zur eigenen kulturellen Prägung.

Wie setzt die Hochschule die Erkenntnisse aus dem Projekt künftig in der Ausbildung von Lehrern um?
Aktuell suchen wir nach Möglichkeiten, das Projekt dauerhaft zu verankern und die gewonnenen Kooperationen dafür zu nutzen. Darüber hinaus wollen wir Seminare anbieten, die Einblicke in die interkulturelle Bildung und Erziehung anhand von Fallbeispielen geben und die Arbeit am interkulturellen Dialog ins Zentrum stellen.

Literaturhinweis:
Marion Aicher-Jakob und Leyla Marti (Hrsg.): Bildung, Dialog, Kultur. Migration und Interkulturalität als pädagogische und fachdidaktische Aufgabe in der Lehrerbildung, Baltmannsweiler 2016, Schneider Verlag Hohengehren.

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