Das Wort Ruhestand sollten wir abschaffen

Renate Krausnick-Horst, Vorsitzende des Stadtseniorenrats Stuttgart, über die Probleme und die schönen Seiten des Alterns – und über den Umgang mit demenzkranken Menschen.

Interview: Rolf Metzger

Welche Aufgaben hat der Stadtseniorenrat, Frau Krausnick-Horst?
Der Stadtseniorenrat vertritt die Interessen der älteren Generation in Stuttgart. Da geht es zum Beispiel um die Entwicklung der Pflegeheime, um die Schließung von Bankfilialen, um Ruhebänke und öffentliche Toiletten. Im Gemeinderat haben wir einen beratenden Sitz. Wir unterstützen die Politik bei der Planung von Wohnungen für Ältere, die möglichst barrierefrei sein sollten. Im Auftrag der Stadt betreiben wir eine Beratungs- und Beschwerdestelle für ältere Menschen, denen wir unter anderem bei Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten helfen. Zusammen mit mehreren Stuttgarter Krankenhäusern veranstalten wir zudem seit rund zehn Jahren Vorträge zu Alterserkrankungen.

Wie finanzieren Sie sich?
Wir werden von der Stadt gefördert und erhalten gelegentlich Spenden.

Mit welchen Sorgen haben ältere Menschen vor allem zu kämpfen?
Eine große Herausforderung ist die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum. So schränken neue Radwege oder die Außenbewirtschaftung von Restaurants und Cafés den Bewegungsraum für alte Menschen ein. Viele von ihnen sind mit einem Rollator unterwegs, doch dafür bleibt mancherorts kaum Platz. Ein besonders dringliches Problem ist die Versorgung mit Einkaufsmöglichkeiten in den äußeren Stadtbezirken, wo immer mehr Einzelhandelsgeschäfte und neuerdings auch Apotheken schließen. Zu solchen Alltagsproblemen kommt bei vielen Senioren das Gefühl der Einsamkeit, vor allem wenn der Partner verstorben ist. Depressionen sind oft ein Begleiter beim Altern.

Hat das Älterwerden auch schöne Seiten?
Ja, natürlich. Zum Beispiel das Gefühl der Freiheit, das die meisten verspüren, wenn das Berufsleben endet. Meine persönliche Erfahrung ist: Wenn man ein wenig Mut hat, kann man im Alter noch viel lernen und bewegen. Ich etwa habe mit 71 noch begonnen Golf zu spielen. Und ich habe angefangen Bücher zu schreiben: mit Kindergeschichten, aber auch über die Erlebnisse meiner Familie, die nach dem Krieg ihre Heimat Pommern verlassen musste, und über das Leben meines sehr jung verstorbenen Vaters. Als Stadtseniorenrätin habe ich zudem eine neue Berufung gefunden, die mir viel Freude macht und mein Leben enorm bereichert.

Was ist Ihr Rezept, um im Alter „jung“ zu bleiben?
Jung bleiben – das kann man nicht. Aber das Wort „Ruhestand“ sollten wir endgültig abschaffen. Nichts ist so gesund für einen älteren Menschen wie Arbeit, die befriedigt. Das Wichtigste ist, eine Beschäftigung zu haben. Das kann auch bedeuten, dass man die Enkel versorgt. Die grauen Zellen sollte man immer lebendig halten – durch geistige und körperliche Bewegung. Solange es einem gesundheitlich gut geht und man mobil ist – so lange fühlt man sich erheblich jünger, als man ist.

Was wünschen Sie sich für den Umgang mit dementen Menschen?
Der Trend geht dahin, alle Dementen in verschiedenen Stadien der Krankheit gemeinsam im Heim unterzubringen. Doch das ist vor allem für Menschen mit beginnender Demenz grausam. Nichts ist so hilfreich für sie wie die Möglichkeit, ein normaler Teil der Gesellschaft zu bleiben. Selbst Demente im mittleren oder späten Stadium haben lichte Momente, in denen sie ihr Schicksal wahrnehmen – was schlimm für sie ist. Auch darüber habe ich eine Geschichte geschrieben. Sie handelt vom Schicksal einer engen Freundin, die ich sieben Jahre lang in ihrer Demenzerkrankung begleitet habe. Mein Titel für das unveröffentlichte Manuskript: „Lasst sie bei uns!“. Das ist zugleich meine Botschaft
für den Umgang mit dementen Menschen. Natürlich sind sie eine Belastung für andere. Doch um ihnen ein würdiges Leben zu ermöglichen, sollten wir einen Weg finden, sie möglichst lange in der Gesellschaft zu halten.


Renate Krausnick-Horst (*1930 in Berlin) fand in ihrem Amt als Stadtseniorenrätin eine neue Berufung, die ihr viel Freude bereitet.

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