Die Vielfalt an Sprachen ist da, bleibt da und wird zunehmen

Interview mit Sprachwissenschaftlerin Annick de Houwer

Perspektive: Ein kleines Kind kommt in einen deutschen Kindergarten, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Eine schwierige Situation, wenn es keine gemeinsame Sprache gibt…
Annick De Houwer: Das ist natürlich eine heikle Situation, für alle Beteiligten. Zu viele Fachkräfte, ob im Kindergarten oder in der Schule, ignorieren meiner Erfahrung nach das Problem. Sie wissen nicht, was sie tun sollen und stecken den Kopf in den Sand. Diese Ignoranz bezieht sich auch auf die Erstsprache, die das Kind spricht. Mit dem Ergebnis, dass es sich nicht wahrgenommen und akzeptiert fühlt – und wem es so geht, der lernt eine neue Sprache nicht oder nur sehr schwer.

Was also tun?
Wenn die Erzieherinnen wissen, dass beispielsweise ein Kind aus Afghanistan in die Gruppe kommt, dann können sie vor dem ersten Tag im Kindergarten den Kontakt zur Familie aufnehmen. Herausfinden, welche Sprache sie spricht, wie der Name des Kindes richtig ausgesprochen wird, vielleicht einen Willkommenssatz in der fremden Sprache lernen: Das alles trägt dazu bei, dem Kind und seinen Eltern Würdigung zu signalisieren. Ganz generell ist die gute Kommunikation mit der Familie extrem wichtig.

Und wenn die eigene Einsprachigkeit hemmt…
… dann sollten wir mehr in Netzwerken denken und handeln. Wenn ich selber kein Wort Arabisch spreche und auch keiner meiner Kollegen, dann gibt es vielleicht in der Gemeinde einen Übersetzer. Oder einen Erwachsenen, der geflüchtet ist und Englisch und Arabisch beherrscht. Es gibt immer Lösungen, es kostet anfangs erst einmal Energie, sie zu finden.

Wie können Erzieher die Kinder im weiteren Kindergartenalltag unterstützen?
Anfangs sind Mimik und Gestik extrem wichtig. Nicht aufdringlich sein, aber präsent, zugewandt und aufmerksam. Vielleicht gibt es ein älteres Kind, das das neue Kind im Alltag begleitet und sich mit ihm verständigen kann. Sich wohl und angenommen fühlen: das ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass die neue Sprache gerne und gut gelernt wird.

Sie betonen, wie wichtig die Anerkennung der Muttersprache ist. Wie lässt sich das über ein paar gelernte Worte hinaus tun?
Ich habe Einrichtungen kennen gelernt, da wurden japanische, türkische, italienische Wochen veranstaltet. Gemeinsam mit den Eltern, die in den Kindergarten oder in die Schule kommen und von ihrer Kultur erzählen. So baut man ein Gemeinschaftsgefühl auf und zeigt Akzeptanz.

Kann Mehrsprachigkeit Kinder auch überfordern?
Nicht, wenn das Umfeld stimmt. Es braucht mehr Zeit und mehr Beschäftigung mit den Kindern. Die sind ja wissbegierig und lernen leicht. Sehen Sie, die Vielfalt an Sprachen ist da, bleibt da und wird zunehmen. Wenn wir möchten, dass die Menschen gut und gerne Sprachen lernen, dann sollten Kinder möglichst früh andere Laute hören. Das stimuliert und erleichtert das spätere Lernen, wie wir aus der Forschung wissen. Mehrsprachigkeit im Kindergarten ist auch für die deutschen Kinder eine tolle Chance.

… also ein gesellschaftlicher Auftrag?
Absolut! Wer Sprachen fördert, erhöht Bildungschancen. Zum gesellschaftlichen Auftrag gehört für mich übrigens auch, dass mehr Fachkräfte eingestellt werden, die diese wertvolle und immer komplexere Arbeit machen. Und dass sie besser bezahlt werden. Außerdem würde ich mir von den Politikern ein bisschen mehr öffentliche Würdigung wünschen.

Wie meinen Sie das?
Stellen Sie sich vor, Frau Merkel würde an der richtigen Stelle mal einen Satz auf Türkisch sagen! Solche sprachlichen Symbole können einiges entspannen, da bin ich sicher.

Mehrsprachigkeit als Chance
Auf der internationalen Fachtagung „Frühe Mehrsprachigkeit – Chancen und Perspektiven im Blick“ diskutierten im vergangenen Jahr mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Experten aus Forschung und Praxis formulierten die sogenannte Stuttgarter Erklärung, in der Mehrsprachigkeit vor allem im Kontext der neuen Migration als Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit betont wird. Die Baden-Württemberg Stiftung hatte die Tagung im Rahmen des Sprachförderprogramms Sag‘ mal was veranstaltet.
Mehr zum Thema Mehrsprachigkeit unter www.sagmalwas-bw.de/das-programm


Annick De Houwer ist Sprachwissenschaftlerin und Psycholinguistin. Sie lehrt in Erfurt Spracherwerb und Mehrsprachigkeit und forscht unter anderem zum Thema des frühen Zweitsprachenerwerbs. Auf der Fachtagung der Baden-Württemberg Stiftung zur Frühen Mehrsprachigkeit beschrieb die Professorin in ihrem Eröffnungsvortrag den Zusammenhang zwischen Mehrsprachigkeit und kindlichem Wohlbefinden.

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