Nimm zwei

Es gibt mehr als tausend Schulbegleiter in Baden-Württemberg, die behinderte Schüler bei ihrer Teilnahme am Unterricht in Regelschulen unterstützen. Einheitliche Standards zu Aufgaben und Qualifikationen von Schulbegleitern sind bisher jedoch noch nie genau definiert worden, obwohl sie unverzichtbare Akteure bei der erfolgreichen Inklusion sind.

Text: Anette Frisch. Fotos: Markus Feger

Wenn Noah es könnte, würde er sich jetzt wegwünschen. Der 17-Jährige, der mit seinen kurzen braunen Haaren und der runden Brille ein bisschen aussieht wie Schauspieler Daniel Radcliffe als Harry Potter, blickt – – nervös im Klassenzimmer umher. Fummelt mit den Händen herum, zupft an der Jeans, zieht sich den Kapuzenpulli über. Wenn Noah Harry Potter wäre, wäre seine Zuflucht Hogwarts, eine Welt, in der es Zauberkräfte gegen Situationen wie diese gibt.

Was den Gymnasiasten aus dem Gleichgewicht bringt, sind Situationen, die ihm nicht vertraut sind, die er nicht abschätzen kann. Sie verursachen ihm Stress. Normalerweise sitzt gerade dann Ulrich Hartmann neben ihm. Doch  der ist kurz im Schulgebäude unterwegs.

Perspektive 16/02 - Projekt: Schulbegleiter - ©Markus Feger, Düsseldorf
Noah bezeichnet Hartmann mittlerweile als seinen „persönlichen Coach“

Die Frage, was „normal“ ist und ob die „Norm“ nicht ein Konstrukt ist, das der Vielfalt von Menschen nicht gerecht werden kann, wird im gesellschaftlichen Diskurs um Diversität immer wichtiger. Und wie auch immer die Antwort lautet – Tatsache ist, dass Noah Unterstützung von einem Schulbegleiter braucht. Mittlerweile deutlich weniger als am Anfang.

Zu Beginn seiner Arbeit hat sich Ulrich Hartmann im Unterricht neben Noah gesetzt und ihm die Aufgabenstellung des Lehrers so erklärt, dass er sie versteht; er hat sich darum gekümmert, dass Noah die Möglichkeit hat, seine Pausen im Klassenzimmer zu verbringen, und nicht auf den Schulhof muss; oder dass er seine Klausuren in einem separaten Raum schreiben kann. Hartmann hat auch dafür gesorgt, dass es Noah erlaubt wird, im Unterricht Kopfhörer zu tragen, um sich vor dem akustischen Klassengewusel zu schützen. „Autisten sind sehr sensitiv. Sie kriegen alles mit“, sagt Ulrich Hartmann.

Hartmann war früher auch mal Lehrer. Er hat Sport und Musik unterrichtet, aber schon nach wenigen Jahren wieder aufgehört. Es hat ihn unglücklich gemacht, dass er sich bei einer Klassengröße von 30 Schülerinnen und Schülern nicht um jeden Einzelnen kümmern konnte, keine schlummernden Talente wecken oder Lernschwierigkeiten nicht aus dem Weg räumen konnte. Zweimal in seinem Leben hat Hartmann seine Sachen gepackt und ist um die Welt gereist. Hat an freien Schulen in Amerika gearbeitet oder als Notfallmanager bei einem internationalen Mental Health Service in Indien. Seit zehn Jahren arbeitet der Pfälzer nun als Schulbegleiter. Für ihn ein Glücksfall. „Ich will nützlich sein und dafür musste ich raus und wieder rein ins System“, sagt er. „Ich mache jetzt das, was ich mir als Lehrer immer gewünscht habe.“

Perspektive 16/02 - Projekt: Schulbegleiter - ©Markus Feger, Düsseldorf
Hartmann ärgert sich, dass es in Deutschland keinen anerkannten Abschluss zum Schulbegleiter gibt

Die Begleitung der Kinder endet für den 55-Jährigen nicht mit dem Schulgong. Nach dem Unterricht bespricht er die Fortschritte oder Schwierigkeiten mit Lehrern und Eltern oder bereitet Infoveranstaltungen zum Thema Autismus für Lehrerkonferenzen oder Elternabende vor. „Der Job erfordert viel Wissen, Kompetenz und Feingefühl“, erklärt er und ärgert sich über einen Widerspruch: „Das ist ein hochspezialisierter Beruf. Aber eine anerkannte Ausbildung dafür gibt es nicht.“

Ulrich Hartmann ist selbst Vater von fünf Kindern. Es steckt viel Warmherzigkeit in seiner Stimme und in dem, was er erzählt. Seine positive Ausstrahlung dürfte einen großen Anteil daran haben, dass Noah im Juni sein Abitur machen wird. Der Weg dahin ist auch für die Lehrer von Noah nicht immer einfach gewesen. Nicht nur, weil er das erste Kind mit Asperger-Diagnose an diesem Gymnasium war, sondern auch, weil Hartmann als erster Schulbegleiter am Unterricht teilnahm. Auszuloten, wer welche Kompetenzen hat, wie mit unterschiedlichen didaktischen Ansätzen umzugehen ist, war kein leichter Prozess. „Am Anfang war das ein Kampf“, sagt Hartmann. „Mittlerweile ist das Verhältnis kollegial und wertschätzend.“

Die 30 Kilometer Radstrecke von der Schule nach Hause sind für Hartmann wichtig. „Mein Fahrrad ist mein Therapeut“, sagt er. Er verarbeite beim Radeln, was er tagsüber erlebt. Auch die Gespräche mit Noah gehören dazu. Die Beziehung, die die beiden nach sechs Jahren verbindet, ist anspruchsvoll. „Weil man von Noah keine banalen Antworten bekommt“, wie Hartmann sagt. Zum Beispiel auf die Frage, wie er es findet, von einem Schulbegleiter unterstützt zu werden. „Herr Hartmann ist ein netter Typ“, so der 17-Jährige. „Aber ich habe das Gefühl, dass ich mittlerweile mehr Freiräume brauche, um selbstständig sein zu können.“

An diesem Mittag schlendern Ulrich Hartmann und Noah über den Schulhof. Sie bleiben im Schatten der mächtigen Mammutbäume stehen und unterhalten sich. Die Sonne blitzt durch die prächtigen Baumkronen, die sich wie ein Schutz über Ulrich Hartmann und Noah ausbreiten. Um Ruhe und Sicherheit zu finden, braucht es einen verlässlichen Begleiter – und nur wenige Zauberkräfte.

Video-Eindrücke aus dem Arbeitsalltag des Schulbegleiters Ulrich Hartmann finden Sie hier.


Ein Lehrplan, von Experten entwickelt
Die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm möchte die Qualifizierungssituation für Schulbegleiter in Baden-Württemberg verbessern. Bereits 2013 hat sie im Auftrag der Baden-Württemberg Stiftung das Thema erforscht und eine der ersten Studien Deutschlands hierzu veröffentlicht. Auf Grundlage ihrer Ergebnisse entwickelten die Ulmer eine wissenschaftlich fundierte Fortbildung. Das Curriculum vermittelt Schulbegleitern in zwölf Modulen ein breit gefächertes Wissen und erweitert ihre fachlichen und persönlichen Kompetenzen. Auch Ulrich Hartmann ist dabei: Als Multiplikator bildet er im Rahmen der Fortbildung andere Schulbegleiter weiter. Seit November 2016 haben 130 Schulbegleiterinnen und -begleiter in Baden-Württemberg an der kostenlosen Qualifikation teilgenommen.

Unsere Bestandsaufnahme und Rechtsexpertise zum Thema Schulbegleitung als Beitrag zur Inklusion finden Sie als PDF hier.

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