Nicht besser und nicht schlechter – einfach anders

Es gehört zum Alltag von Lehrern, kulturelle Vielfalt in den Klassenzimmern zu managen. Eine komplexe Aufgabe, auf die sie im Studium oft nur theoretisch vorbereitet werden. Ein Projekt der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und der Bogaziçi Üniversitesi Istanbul eröffnet Studierenden neue und praxisnahe Perspektiven.

Text: Iris Hobler. Illustrationen: Bernd Schifferdecker

Wie kann es gelingen, zukünftige Lehrer für andere Kulturen zu sensibilisieren – und zwar auch für die eigene Voreingenommenheit diesen gegenüber? Im Projekt mit dem Titel „Migration und Interkulturalität als pädagogische und fachdidaktische Aufgabe“ bilden Lerngemeinschaften, sogenannte Learning Communities, die Basis: Vier Lehramtsstudierende aus Istanbul und vier Lehramtsstudierende aus Ludwigsburg sind über ein Studienjahr hinweg eine solche Gemeinschaft. Jeweils zwei Studierende arbeiten dabei eng in Lerntandems zusammen – ein halbes Jahr in Baden-Württemberg, ein halbes Jahr in der Türkei. Damit erfüllte das Projekt der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und der Bogaziçi Üniversitesi Istanbul das wesentliche Kriterium des Baden-Württemberg-STIPENDIUMS: den internationalen Austausch.

Sinem Imamoglu gehörte 2014 zur ersten Lerngemeinschaft. Die 23-Jährige ist eine in Deutschland geborene Türkin, besitzt seit fünfzehn Jahren einen deutschen Pass und studiert in Ludwigsburg Geschichte, Englisch und Politikwissenschaften. Ihr Tandempartner war Atilla Kocabalcıoglu aus Istanbul. „Atilla und ich haben zu Anfang viel darüber diskutiert, was eigentlich türkische und was deutsche Kultur ist“, sagt Sinem. „Beispielsweise haben wir festgestellt, dass Deutsche mit türkischen Wurzeln so wie ich die Sitten und Bräuche ihres Herkunftslandes oft viel strenger auslegen als die Türken.“

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Sinem Imamoglu hat das Projekt als große persönliche Bereicherung erlebt. Die Möglichkeit, ihre eigene kulturelle Identität zu reflektieren, habe ihr geholfen zu erkennen: „Ich bin von allem etwas. Die Türkei ist meine Heimat, Deutschland mein Zuhause.“

Wie Sinem und Atilla geht es allen Lerntandems: Sie setzen sich mit der eigenen kulturell geprägten Wahrheit auseinander, die mit der Wirklichkeit des Anderen nicht viel zu tun haben muss. „Mit Hilfe des Arbeitspartners ist es leichter, die eigenen blinden Flecken zu erkennen“, sagt Sinem.

Verständigung statt Bewertung
Der erste Teil des Projektes fand im sogenannten integrierten Semesterpraktikum statt, dem Herzstück der schulpraktischen Ausbildung. Die Studierenden gehen dabei für ein Semester an Schulen und übernehmen alle Aufgaben eines Lehrers, inklusive der Konzeption und Durchführung von 30 Stunden Unterricht. Mit dem Unterschied, dass diesmal eben zwei Studierende vor der Klasse stehen – mit durchaus verschiedenen pädagogischen Ansätzen. Während beispielsweise der Unterricht in deutschen Grundschulen zunächst mündlich stattfindet, nutzen türkische Lehrer von Beginn an die Tafel, um Wörter zu schreiben. Die Studierenden lernen, sich über die Gründe für die jeweilige pädagogische Vorgehensweise zu verständigen – und sie nicht zu bewerten.

Ein zweites Beispiel: „In der Türkei ist es ganz normal, dass die Lehrer die Pausen nutzen, um mit den Schülern über ihren Alltag oder über Probleme zu sprechen“, sagt die ehemalige Projektteilnehmerin Seda Yürük, die mittlerweile in Istanbul Englisch unterrichtet. „Als ich das in Deutschland gemacht habe, waren die Schüler anfangs ziemlich erstaunt und reserviert.“ Es sei für sie ein Lernprozess gewesen zu verstehen, „dass meine Handlungen nicht besser und nicht schlechter sind, sondern einfach anders“.

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Seda Yürük sagt, dass sie viel in dem Projekt und von den Lehrern gelernt habe und heute flexibler unterrichte als zuvor. „Außerdem ist mir noch einmal sehr deutlich geworden, dass man Sprache nicht unterrichten kann, ohne Kultur zu vermitteln.“

Interviews für die Forschungsarbeit
Über die üblichen Aufgaben eines Praxissemesters hinaus untersuchten die Lerntandems einen selbst gewählten Aspekt von Migration und Interkulturalität. Sinem und ihr Lernpartner wollten unter anderem genauer wissen, wie sich Schüler mit Migrationshintergrund die Kultur des neuen Heimatlandes aneignen. Für ihre Forschungsarbeit führten sie in Deutschland Interviews mit Schülern unterschiedlichen Alters durch. Während des anschließenden Semesters in Istanbul arbeiteten Sinem und Atilla ihre gemeinsame wissenschaftliche Arbeit aus: bis zu einer umfangreichen Präsentation, die sie unter anderem während eines Symposiums in Istanbul hielten.

Eines ihrer Ergebnisse ist, dass sich jüngere Kinder eher als Teil der deutschen Gesellschaft verstehen, die älteren hingegen haben mehr Distanz zur Kultur des Landes, in dem sie leben. „Meine These ist, dass Jüngere noch nicht so deutlich wahrnehmen, welche trennenden Faktoren es gibt“, sagt Sinem. Seit dem Ende des Projektes lässt diese Frage sie nicht mehr los: Was muss eine Gesellschaft tun, damit junge Menschen sich von ihr nicht ausgeschlossen fühlen? „Das interessiert mich so sehr, dass ich mir sogar vorstellen kann, darüber zu promovieren.“


Kooperation zwischen Ludwigsburg und Istanbul
„Migration und Interkulturalität als pädagogische und fachdidaktische Aufgabe in der Lehrerbildung“ – so lautet der vollständige Titel des Projektes, das die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg und die Bogaziçi Üniversitesi Istanbul zwischen 2014 und 2016 durchgeführt haben. Die Baden-Württemberg Stiftung hat es mit 180.000 Euro im Rahmen des Baden-Württemberg-STIPENDIUMs für Studierende – BWS plus finanziert. 24 Studierende aus Ludwigsburg und Istanbul haben an diesem Projekt teilgenommen. Fast die Hälfte der deutschen Studierenden kam aus einer türkischen oder irakischen Familie.

Expertin im Gespräch
Lesen Sie hier ein Interview mit Dr. Marion Aicher-Jakob, der stellvertretenden Leiterin des Schulpraxisamts der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Sie hat das BWS-plus-Projekt begleitet und wissenschaftlich ausgewertet.

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