Möchtest du mit mir zu tun haben?

53 Kinder, 19 Nationalitäten
Kinder aus Migrantenfamilien, Kinder mit Fluchterfahrung. Viele von ihnen stehen an ihrem ersten Tag in diesem Kindergarten und begreifen kein Wort von dem, was um sie herum gesprochen wird. Wie kann das gehen? Eine Geschichte aus Leonberg.

Text: Iris Hobler. Fotos: Markus Feger

Die drei steinernen Stufen führen auf eine schwarzbraune wuchtige Türe zu, durch deren kleine Scheiben ein dunkler Flur zu ahnen ist. „Betriebsarzt 2. OG“ steht am linken Türflügel auf einem weißen Schild. Ist dieses mindestens hundert Jahre alte Haus wirklich die richtige Adresse in Leonberg?

Sie ist es, das steht nach dem Öffnen fest. In dem Flur mit den dunklen Steinfliesen sind drei Jungen damit beschäftigt, einen großen, grauen Teppich auszurollen. Munthader aus dem Irak, Taylor aus Deutschland und Ashkan aus Afghanistan beginnen damit, den Hausflur vorübergehend in einen großen Bauspielbereich zu verwandeln.

Für den Clara-Grunwald-Kindergarten in Leonberg sind zwei ehemalige Wohnungen in einem mehr als 100 Jahre alten Gebäude zusammengelegt worden; mittendrin der Flur, der Eingangsbereich ist und „Bauteppich“ und Ort des täglichen Morgenkreises. Im ersten Stock: das Leonberger Jugendamt, darüber kleinere Wohnungen. Das Inventar im Kindergarten ist eine Mischung aus neuen und ausrangierten, gut erhaltenen Möbeln. „Für mich fängt Wertschätzung bei diesen Dingen an. Die Qualität der Arbeit hängt nicht von tollem Mobiliar ab. Wir nutzen unseren Etat lieber dafür, gemeinsam etwas zu unternehmen“, sagt Sandra Fink. Sie leitet den Kindergarten. Dunkelhaarig, schwäbischer Akzent, fester Händedruck, sehr strahlende Augen: Der erste Eindruck ist einer von viel Energie.

Perspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, Düsseldorf
Im Clara-Grunwald-Kindergarten in Leonberg ist man auf ganz neue Art mit Mehrsprachigkeit konfrontiert, seit dem großen Flüchtlingsansturm 2015 leben Familien vor allem aus Syrien und Afghanistan in der Nachbarschaft. Diese werden mit viel Engagement und Liebe in den inklusiven Kindergarten aufgenommen.

Im Clara-Grunwald-Kindergarten gibt es keine feste Gruppenstruktur, sondern Funktionsräume. Die Kinder entscheiden, wo sie sich je nach Interesse aufhalten möchten: etwa in der Lernwerkstatt, im Kreativzimmer, in der Ruheinsel, im Atelier, im Rollenspielzimmer, im Konstruktionsbereich. Jeder Raum hat seine ganz eigene Atmosphäre und bietet den Kindern eine Fülle von Möglichkeiten, um sich ins Spiel zu vertiefen. Vertraute kleinere Kreise, das sind die sogenannten Stammgruppen. Jedes Kind gehört zu einer. Dort treffen sie sich regelmäßig und tauschen sich zu bestimmten Themen aus – wie die „Sonnenkinder“ an diesem Morgen.

Perspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, Düsseldorf
Tanzen, singen, herumspringen – das gehört zur Tagesordnung

Ein Kater, der sprechen kann
Die „Sonnenkinder“, das sind Stefanos, Aryen, Selma*, Lina und Bersu. Gemeinsam mit zwei Erzieherinnen sitzen sie rund um einen Tisch, auf dem ein Teller mit Kartoffeln steht. Passend zum Herbst, der das aktuelle Thema im Clara-Grunwald-Kindergarten ist. „Ich hasse Kartoffeln!“ Die fünfjährige Bersu verzieht demonstrativ das Gesicht. Die anderen Kinder bleiben stumm. Deshalb mischt sich Whiskey ein. Der wuschelweiche Kater mit der sonoren Stimme ist eine Handpuppe und Liebling aller Kinder. Er macht eine Begrüßungsrunde, schenkt jedem Aufmerksamkeit und ein Kuscheln. Danach sind alle bereit, sich mit den Kartoffeln zu beschäftigen.

Stefanos hat eine russische Mutter und einen griechischen Vater. Aryen ist kurdischer Abstammung. Bersus Familie stammt aus der Türkei; auch Selma hat die türkische Staatsangehörigkeit. Lina hat kroatische Wurzeln. Deutsch sprechen diese fünf Kinder mit Migrationsgeschichte auf sehr unterschiedlichem Niveau. „Es ist unser Ziel, eine Situation zu schaffen, in der die Kinder beim Gespräch und beim Thema bleiben können“, sagt Gabi Köstlmeier. „Das ist für alle, unabhängig von ihrer Herkunft, nicht einfach.“ Handpuppe Whiskey ist ein wichtiger Helfer dabei. Mit ihm greift die Erzieherin immer wieder sanft ins Geschehen ein und holt die Aufmerksamkeit der Kinder zurück. Dann ist da noch das Tigerauge, das Selma gerade in der Hand hält: der „Mutmachstein“ für diejenigen, die sich nicht so richtig trauen, etwas zu sagen.

Perspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, Düsseldorf
Hier spielt jeder mit jedem. Wenn man sich mit Worten nicht verständigen kann, findet sich ein anderer Weg.

Die Welt mit anderen Augen sehen
Gabi Köstlmeier ist seit 30 Jahren Erzieherin, seit vierzehn Jahren arbeitet sie im Clara-Grunwald-Kindergarten. Vor zehn Jahren erkrankte sie an multipler Sklerose. „Dadurch hat sich vieles geändert“, sagt sie. „Die Krankheit verlangt mir ab, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht kann ich deshalb auch die geflüchteten Menschen gut verstehen, die hier ankommen und unsere Welt mit anderen Augen sehen.“ Derzeit sind 14 Kinder hier, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, gemeinsam mit ihrer Familie oder Teilen davon. Viele von ihnen sind nur ein paar Monate da; die meisten leben in der Unterkunft, die keine 50 Meter vom Kindergarten entfernt ist.

Gabi Köstlmeier ist eine von neun Fachkräften, die in der städtischen Einrichtung arbeiten. Außerdem gehören drei Ehrenamtliche zum Team: Bin aus China, Roja aus dem Iran und Mursal aus Afghanistan. Mursal ist 25 und lebt seit 2014 in Leonberg; in ihrer Heimat hat sie zwei Jahre als Lehrerin gearbeitet. Dari, Paschto, Russisch, Deutsch, Urdu, Englisch: Das sind die Sprachen, in denen sie sich verständigen kann.

Perspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, Düsseldorf
Gabi Köstelmeier und Nevra (5) sind in ein sogenanntes Suchbuch vertieft

„Die Sprachenvielfalt durch unsere Ehrenamtlichen ist natürlich extrem hilfreich“, sagt Sandra Fink. „Und doch ist Sprache für den Zugang zu einem Kind nicht alles. Es spürt und sieht: Möchtest du mit mir zu tun haben oder nicht?“ Herzliches Willkommen, Augenkontakt, viel vormachen, dem Kind Raum geben und sich selbst dezent verhalten: So begegnen die Erzieherinnen den Kindern, die neu hier sind und oft kein Wort Deutsch sprechen.

Das Vertrauen der Eltern gewinnen
Viel Wert legt das Team von Sandra Fink außerdem auf den Kontakt zu den Eltern. Für diejenigen, die Deutsch gut verstehen, gibt es einen offenen Treff, in dem sie hauptsächlich Themen rund um Erziehung besprechen. Moderiert wird dieser Treff von einer Sozialpädagogin und Elternbegleiterin. Sie bietet außerdem jeden Mittwoch eine Runde an, die „Talking about“ heißt und in der Eltern, die erst wenig Deutsch sprechen, Alltägliches erörtern: wie der Besuch bei einem Arzt verläuft, wo man die Freizeit verbringen kann, wie der Nahverkehr funktioniert.

Perspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, Düsseldorf
„talking about“ – so nennt sich die Runde, in der Susanne Hacket (li) mit den Müttern Basti, Melike und Maha (v.re) über Arztbesuche spricht

Ergänzt werden diese offenen Runden durch Hausbesuche. „So lässt sich ein ganz anderes Vertrauensverhältnis aufbauen, auch wenn es manchmal dauert“, sagt Sandra Fink. Wie im Falle von Stefanos. Über Monate haben die Fachkräfte die Mutter zu Hause besucht und intensive Gespräche mit ihr geführt. „Je besser unser Kontakt wurde, desto lebhafter ist auch der lange Zeit extrem stille Junge geworden.“

Die Kinderkonferenz bestimmt
Was Stefanos an diesem Morgen im Spiel mit Maria zeigt. Die beiden sind in der Ruheinsel, einem Raum mit vielen Kuschelecken, in sanften Grüntönen gehalten. Beide zeigen, dass Kuscheln nicht unbedingt ruhig sein muss – vor allem wenn gegenseitiges Kitzeln so viel Spaß macht. Maria ist „Downie“, wie viele hier liebevoll sagen, vielleicht weil „Kind mit Down-Syndrom“ sich so abstrakt und klinisch anhört.

Marias Eltern sind griechischer und russischer Herkunft. Auch ihre beiden älteren Geschwister sind schon in diesen Kindergarten gegangen. Die Dreijährige verständigt sich vor allem über Gebärden, die sie von ihrer Integrationskraft lernt. Mittlerweile sind die Gesten in das Repertoire anderer Kinder übergegangen. „Irgendwann haben wir beschlossen, dass wir alle die Gebärden lernen, die sich auf unsere jeweiligen Projekte beziehen“, sagt Sandra Fink. „Und viele der Lieder, die wir singen, begleiten wir damit.“

Die Themen der Projekte werden übrigens nicht von den Fachkräften entwickelt. Darüber bestimmt die Kinderkonferenz. Sie findet einmal pro Woche statt und ist der Ort, an dem die Jungen und Mädchen beschließen, was sie interessiert und welche konkreten Inhalte ein Thema wie Herbst haben soll. Sandra Fink: „Hier leben wir Demokratie und hier lernen die Kinder, wie es geht, in großen Runden zu kommunizieren.“

Perspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, Düsseldorf
Maria (3) und Stefanos (5) sind ein Herz und eine Seele. Harib (4) und Marias Integrationshelferin dürfen aber mitmachen beim Kuscheln und Kitzeln.

Das Team geht den Weg gemeinsam
Eine große Runde auf dem grauen Teppich in der Eingangshalle beendet auch heute den Vormittag: der gemeinsame Morgenkreis mit Spiel, Gesang, Tanz. Sandra Fink begleitet das Lied „Ich bin wie du“ mit der Gitarre. Dessen Refrain ist: „Wann wird die Welt das versteh’n?“. Alle singen lauthals mit oder machen mit ihren Armen und Händen die Gebärden – auch diejenigen, die erst seit kurzer Zeit hier sind.

Am Ende des Morgenkreises, um halb eins, werden die meisten Kinder abgeholt. Diejenigen, die noch dableiben, setzen sich in den Frühstücksraum und essen gemeinsam zu Mittag. Auf den Rückenlehnen ihrer Stühlchen steht: chair, chaise, stolica, sandalye, kamige.

Was hat sich geändert in den letzten Jahren, in dem dieser Ort mehr und mehr zu einem Ort für viele Kulturen geworden ist? Gabriele Köstlmeier: „Für mich ist die Frage eher, was geblieben ist. Und das ist, dass wir jedes Kind so annehmen, wie es ist, und es dort abholen, wo es steht. Klar ist da die Sprachbarriere. Aber wir erleben immer wieder, wie schnell die überwunden werden kann.“

Gibt es für die Arbeit hier eine Art Grundbedingung? „Erstens Unvoreingenommenheit jedem gegenüber, der dieses Haus betritt“, sagt Sandra Fink. „Und zweitens geht es niemandem von uns darum, die Beste zu sein. Wir sind ein Team, und wir gehen diesen Weg gemeinsam.“

Perspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, Düsseldorf
Frühstück schmeckt gemeinsam am besten

Bonusmaterial
Ein Interview mit Sprachwissenschaftlerin Annick de Houwer zum Thema „frühe Mehrsprachigkeit“ finden Sie hier.

Weitere schöne Bilder aus diesem bunten Kindergarten finden Sie gleich hier:

Perspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, DüsseldorfPerspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, DüsseldorfPerspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, DüsseldorfPerspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, DüsseldorfPerspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, DüsseldorfPerspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, DüsseldorfPerspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, DüsseldorfPerspektive 16/02 - Projekt: mehrsprachiger Kiga - ©Markus Feger, Düsseldorf

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