Wir müssen das Image der MINT-Berufe ändern

Die Konferenz MINTcon zeigte Wege auf, um künftig kompetente Fachkräfte für die zukunftsträchtigen Berufe im Bereich MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu gewinnen. Warum sich bislang so wenige Mädchen und Frauen dafür interessieren und wie sich das ändern lässt, erklärt die Wirtschaftsdidaktikerin Prof. Dr. Claudia Wiepcke.

Interview: Rolf Metzger

Frau Prof. Wiepcke, wie ist die Situation bei weiblichen Studierenden im MINT-Bereich?
Nur in der Biologie sind Mädchen in der Überzahl, in allen anderen MINT-Fächern sind sie dagegen unterrepräsentiert. Besonders niedrig ist der Frauenanteil in Physik, Chemie und Informatik.

Woran liegt das?
Die Ursachen wurzeln schon im Kleinkindalter. Da haben Mädchen und Jungen zunächst ähnliches Interesse an naturwissenschaftlichen Themen. Doch das wird unterschiedlich stark gefördert – in Kindertagesstätten und im Elternhaus. Die Förderung unterscheidet sich nicht nur von Familie zu Familie, sondern auch zwischen Mädchen und Jungen. In der Schule und bei der Berufswahl wirken verschiedene Aspekte: So spielen die Berufsnamen eine wichtige Rolle. Klingen sie sehr technisch, schreckt das Mädchen ab. Es hat sich gezeigt: Wenn man Berufe umbenennt, lässt sich bei ihnen ein stärkeres Interesse wecken. Ein weiteres Manko ist das schlechte Image, das MINT-Fächer bei Mädchen haben. Sie gelten als „männlich“. Frauen fürchten, dass sich Familie und Beruf dort schwer vereinbaren lassen und dass sie von männlichen Kollegen abfällig behandelt werden.

Im Projekt GELEFA haben Sie Konzepte gegen das Ungleichgewicht entwickelt? Wie sehen sie aus?
Unser Ansatz ist es, eine geschlechtergerechte  Fachdidaktik zu entwickeln: Lehrkräfte sollten nicht nur Fachwissen in Biologie, Chemie oder Physik haben, sondern auch über eine „Gender-Expertise“ verfügen. Wir legen eine ganzheitliche  Herangehensweise zugrunde. Unsere geschlechtergerechte Fachdidaktik baut auf dem Dreischritt von Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion auf. Der erste Schritt der Konstruktion soll für die vorherrschenden Geschlechterunterschiede sensibilisieren. Bei der Rekonstruktion geht es dann darum, die Geschlechterunterschiede zu erklären. Im letzten Schritt erfolgt die Relativierung der Unterschiede, indem zum Beispiel das schlechte MINT-Berufsimage bei Frauen in Frage gestellt wird.

Gibt es ein übergreifendes Rezept?
Eine ganzheitliche geschlechtergerechte Didaktik geht mit dem erwähnten Dreischritt einher und bezieht sich auf alle Aspekte der Unterrichtsgestaltung. So müssen die Rahmenbedingungen beachtet und Mädchen und Jungen als Zielgruppen separat berücksichtigt werden. Zudem sind die Inhalte auf Geschlechterstereotype zu prüfen, Methoden und Medien gilt es geschlechtersensibel einzusetzen. Lernziele und Bildungsstandards sind so zu formulieren und zu überprüfen, dass Mädchen und Jungen am Ende des Lernprozesses über dasselbe Kompetenzniveau verfügen. Eine übergreifende geschlechtergerechte MINT-Fachdidaktik muss zudem die Ergebnisse der Geschlechterforschung aus dem jeweiligen MINT-Fach beachten.

Muss man schon im Elternhaus ansetzen, um eingefahrene Geschlechterschemata zu vermeiden?
Auf jeden Fall. Die Schule hat da nur einen begrenzten Handlungsspielraum. Doch es ist schwer, die Eltern dafür zu gewinnen. Sie kommen aus vielen sozialen Schichten und haben alle ihren eigenen Kopf, ihre eigene Sozialisation und ihr eigenes Weltverständnis. Veränderungen müssen langsam reifen: etwa mit den Kindern und Jugendlichen, die jetzt zur Schule gehen. Und mit den jungen Lehrkräften, die wir ausbilden. Viele davon werden später selbst Eltern sein.

Kennen die Forscher die Zusammenhänge gut genug, um sie fundiert vermitteln zu können?
Die Ursachen der Geschlechterunterschiede und deren Wirkungen sind bekannt. Man weiß auch, auf welcher Stufe der Bildungsebene welche Mechanismen auf welche Weise wirken. Nun geht es darum, den Effekt von Maßnahmen wie dem von uns entwickelten geschlechtergerechten Unterrichtsmaterial zu untersuchen. Wir untersuchen  derzeit, ob wir mit unserem didaktischen Konzept auch die  beruflichen Interessen von Jungen und Mädchen verändern können.

Was haben Sie da schon erreicht?
Bisher hat sich gezeigt, dass unser Material zwar die Interessen von Jungen im MINT-Bereich fördert, nicht aber das der Mädchen. Unser Material hat also eine positive Wirkung – doch sie reicht offenbar nicht aus.

Was steht Veränderungen im Weg?
Studien belegen, dass das negative Image vieler Berufe ein sehr großes Hemmnis ist und es schwierig macht, die Interessen der Mädchen bei der Berufswahl zu erweitern. Eines unserer Ziele ist daher, bestehende Berufsbilder durch weiterentwickelte didaktische Ansätze aufzulösen.

Wie kann das gelingen?
Zunächst werden mit Hilfe des Unterrichtsmaterials die Geschlechterunterschiede am Arbeitsmarkt analysiert und erklärt. Dann relativiert man diese oder stellt sie in Frage. Dabei hilft ein Blick ins Ausland. Es gibt Länder, wo die Situation von Frauen im MINT-Bereich ganz anders ist als in Deutschland. So ist in Indien die Physik ein „Frauenfach“: 80 Prozent der Studierenden im Fach Physik sind dort Frauen. Die Ursachen fußen also in der Gesellschaft. An positiven Beispielen können wir uns orientieren. Ich bin überzeugt, dass wir so vom verfestigten Image der MINT-Berufe wegkommen.

Wo werden Ihre Konzepte bereits umgesetzt?
Wir setzen das Material, das wir im Rahmen des GELEFA-Projekts entwickelt haben, an mehreren Schulen ein. Und wir evaluieren das: Wir messen die Wirksamkeit durch einen Vorher-Nachher-Vergleich der Einstellungen zu Berufen. Auch in Projekten der Baden-Württemberg Stiftung werden Bestandteile unseres Ansatzes umgesetzt. Es gibt Programme wie mikromakro oder Coaching4Future, bei denen sich Mädchen in der Technik ausleben können. Sie sind erfolgreich, müssen aber langfristig etabliert werden.

Wie weit ist man in Baden-Württemberg?
Baden-Württemberg ist ein Pionierland. Hier wurde mit dem Bildungsplan 2016 das Fach „Wirtschaft und Berufs- und Studienorientierung“ eingeführt. Damit besteht die Chance, ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln und an die Schulen zu tragen, das die Geschlechterperspektive und die MINT-Fächer gemeinsam in die Berufsorientierung einbezieht.

Wäre ein getrennter Unterricht von Jungen und Mädchen sinnvoll?
Das ist eine wichtige viel diskutierte Frage. Man ist vor vielen Jahren zum gemeinsamen Unterricht übergegangen. Doch nun laufen erste Modellversuche, bei denen man im MINT-Bereich zu einem getrennten Unterricht zurückkehrt. Das soll am Anfang der Ausbildung in den MINT-Fächern Mädchen mehr Selbstvertrauen geben. Denn Mädchen schätzen ihre eigenen Fähigkeiten im Schnitt schlechter ein als sie sind. Viele Mädchen trauen sich deshalb nicht, sich am gemeinsamen Unterricht mit den Jungs kreativ zu beteiligen. In den Modellversuchen sollen Mädchen daher zunächst im eigenen Technikunterricht erfahren, dass sie gut sind und Aufgaben selbstständig bewältigen können. Später werden Mädchen und Jungen wieder zusammengebracht. So lassen sich bessere und ausgewogenere Ergebnisse erzielen.

Woher kommt das mangelnde Selbstbewusstsein der Mädchen?
Mädchen machen häufig die Erfahrung, dass ihnen gewisse Dinge, etwa das Lösen technischer Probleme, nicht zugetraut werden. Dadurch können sie dafür kein Selbstvertrauen aufbauen und fühlen sich weniger kompetent in den MINT-Fächern.

Ist das bei Sprachen und musischen Fächern umgekehrt? Brauchen dort Jungs eine spezielle Förderung?
Das scheint nicht der Fall zu sein. Männer stellen sich Herausforderungen und Risiken leichter als Frauen. Das gilt etwa auch bei der Geldanlage, wo die meisten Frauen sichere Anlagen wählen, Männer dagegen gern risikoreicher in Aktien investieren. Dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern spiegelt sich auch in der Schule wider, wo Jungen weniger Hemmungen in Fächern haben, die ihnen schwierig erscheinen.

Was ist der Grund für diese Unterschiede?
Viele Frauen scheuen das Risiko. Das zeigt sich zum Beispiel bei der Berufswahl und beeinflusst auch die sogenannte vertikale Arbeitsmarktsegregation. Warum sind weniger Frauen als Männer in Führungspositionen? Eine Ursache ist die weibliche Risikoscheu. Frauen gehen dem Wettbewerb gern aus dem Weg und geben sich mit einer niedrigeren Karrierestufe zufrieden.

Welche Rolle spielen Vorbilder im Elternhaus?
Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder, deren Mütter in einer höheren Position arbeiten, ihre Mutter eher als Vorbild sehen und sie bewundern. Sie verurteilen es nicht, dass sie nicht zu Hause ist. Von den Kindern werden Berufstätigkeit und Karriere eher positiv wahrgenommen.

Können Ihre Ansätze nur den Anteil der Frauen in MINT-Berufen vergrößern oder auch deren Aufstiegschancen verbessern?
Ich glaube, beides. In erster Linie geht es uns darum, mehr Frauen in MINT-Berufe zu bringen. Doch wenn Frauen in innovativen, erfolgreichen Berufen arbeiten, haben sie auch bessere Chancen, in eine Führungsposition zu gelangen. Allerdings: Um das Bewusstsein dafür zu stärken, braucht es zusätzlich spezielle Coachings für Frauen.

Was sollten Unternehmen tun, um es Frauen leichter zu machen?
Gerade im MINT-Bereich fürchten viele Frauen, dass sie in den Unternehmen diskriminiert werden, dass sie Familie und Kinder schlecht mit dem Beruf unter einen Hut bringen können. Wenn die MINT-Branche mehr weibliche Arbeitskräfte gewinnen will, muss sie auf diesem Feld mehr tun: zum Beispiel familienfreundliche Modelle gestalten, flexible Arbeitszeiten anbieten, teilweise Heimarbeit ermöglichen und Kitas einrichten. Es gibt etliche Beispiele für Unternehmen, die das schon sehr gut machen.


Prof. Dr. Claudia Wiepcke studierte nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau Slawistik, Politikwissenschaft und Wirtschaftspolitik an der Universität Münster, wo sie 2006 promovierte. An der Technischen Universität Dortmund studierte sie zudem Hochschuldidaktik. Nach Forschungs- und Lehrtätigkeiten an der Pädagogischen Hochschule (PH) Schwäbisch Gmünd und der Universität Magdeburg ist sie seit 2012 Professorin für Wirtschaftswissenschaft und Didaktik an der PH Weingarten. Als Projektleiterin des im Juni 2016 abgeschlossenen Projekts GELEFA (Geschlechtergerechte Fachdidaktik in Naturwissenschaften, Technik und Wirtschaftswissenschaften) erforschte sie, wie das Interesse von Jungen und Mädchen für MINT-Berufe gesteigert werden kann. Die Ziele: mehr Geschlechtergerechtigkeit im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen – und mehr Mädchen für Berufe im MINT-Bereich zu begeistern. Dazu erarbeiteten die Forscherinnen in dem Projekt speziell an diesen Zielen orientierte Materialien für den Schulunterricht.


Am 16. September 2016 trafen sich nationale und internationale Bildungsexperten im ICS Kongresscenter der Messe Stuttgart zur European MINT Convention. Kooperationspartner war die Baden-Württemberg Stiftung.

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