Der Weg in die Nacht

Alzheimer wird für viele Menschen zur Geißel des Alterns. Die Forscher rätseln noch über die Ursachen der bislang unheilbaren Krankheit.

Text: Rolf Metzger. Foto: Olaf Unverzart

Karl B. war ein lebensfroher Mann. Er blühte besonders auf, wenn er seine Kinder und Enkel um sich hatte. Dann genoss er es, zu erzählen, zu lachen und sich die Zeit mit gemeinsamen Spaziergängen oder Brettspielen zu vertreiben. Bei seinem Lieblingsspiel „Mensch Ärgere dich nicht“ fiel seiner Familie erstmals auf, dass etwas nicht stimmte. Die gelben Spielfiguren waren stets „seine“ gewesen, doch nun kurvte der fast 80-jährige ab und zu mit fremden Kegeln übers Brett – und reagierte verblüfft, wenn man ihn darauf ansprach. Später verlor er in Gesprächen immer häufiger den Faden und beim Spazierengehen die Orientierung. Die Alzheimer-Krankheit hatte Besitz von ihm ergriffen. Und sie fraß sich unerbittlich weiter durch sein Gehirn. Karl B. wurde zum Pflegefall.

Nach ein paar Jahren verkaufte seine Frau Theresia das gemeinsame Haus in der Nähe von Aalen und zog mit ihm in eine betreute Wohnung. Sie musste sich rund um die Uhr um ihren Mann kümmern, wie um ein kleines Kind. Bald konnte Karl B. kaum noch allein essen oder zur Toilette gehen, zuletzt erkannte er weder seine Frau noch seine Schwester, Kinder, Enkel und Nachbarn – und er wusste nicht mehr, wer er war und was er tat.

Dieses Schicksal ereilt in Deutschland jedes Jahr rund 250000 Menschen, die neu an Alzheimer erkranken – der häufigsten Form von Demenz. Insgesamt sind hierzulande rund 1,5 Millionen Menschen davon betroffen, weltweit sind es nach Schätzungen etwa 30 Millionen. Alzheimer ist zur Volkskrankheit geworden. Und sie wird sich weiter ausbreiten. Denn der wichtigste Risikofaktor ist das Alter, sagt der Molekularbiologe und Gründungsdirektor des Netzwerks Alternsforschung an der Universität Heidelberg Prof. Dr. Konrad Beyreuther: Wenn wir nur alt genug würden, würden wir letztlich fast alle an Alzheimer erkranken. Und die Menschen werden im Schnitt immer älter. Daher gehen Prognosen davon aus, dass die Zahl der Alzheimer-Patienten bis 2050 auf 2,6 Millionen in Deutschland und über 100 Millionen weltweit steigen wird.

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Prof. Dr Beyreuther sagt: Alzheimer ist zur Volkskrankheit geworden. Und sie wird sich weiter ausbreiten.

Die Krankheit ist seit 1906 bekannt, als der deutsche Arzt Alois Alzheimer ihre Symptome zum ersten Mal beschrieb – angeregt durch die Behandlung einer Patientin aus Frankfurt am Main. Nach ihrem Tod spürte der Mediziner in ihrem Gehirn ungewöhnliche feine Strukturen auf: „senile Plaques“, die noch heute als eindeutiges biologisches Merkmal der Krankheit gelten. „Bei diesen Plaques handelt es sich um Proteinablagerungen, die vorwiegend aus sogenanntem Amyloid bestehen“, erklärt Prof. Dr. Stefan Kins, Leiter der Abteilung für Humanbiologie und Humangenetik der Technischen Universität Kaiserslautern. Das Amyloid geht aus einem längeren Vorläuferprotein hervor, das die Forscher kurz als APP bezeichnen. „Es befindet sich in der Membran der Nervenzellen und wird von Enzymen gespalten“, sagt Kins. „Das abgespaltene Proteinbruchstück lagert sich dann außerhalb der Zellen in Form faseriger Klümpchen an.“

Die Plaques, die sich vor allem in der grauen Substanz – einer Art neuronalem Hüllmaterial – der Großhirnrinde bilden, sind nicht die einzigen mikroskopischen Kennzeichen von Alzheimer. Im Gehirn von der Krankheit betroffener Menschen werden daneben auch „neurofibrilläre Bündel“ sichtbar: faserige Strukturen, die aus einem Protein namens Tau bestehen.

Letztlich gehen bei Alzheimer permanent Nervenzellen im Gehirn verloren. Ob dafür allerdings die Ablagerungen, die sich schon viele Jahre vor den ersten äußerlichen Symptomen im Hirngewebe nachweisen lassen, der Auslöser sind – oder ob sie selbst nur eine Folge der Erkrankung darstellen, darüber rätseln die Wissenschaftler auch mehr als 100 Jahre nach der Entdeckung durch Alois Alzheimer noch. „Was diese Hirnerkrankung verursacht, ist schon lange Gegenstand intensiver Forschungsarbeiten, aber noch immer nicht vollständig erklärt“, schreibt Stefan Kins in einem Beitrag für das Buch der Baden-Württemberg Stiftung „100! Was die Wissenschaft vom Altern weiß“.

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Neueste Ergebnisse und Erkenntnisse der Alternsforschung und fünf Portraits von Hundertjährigen aus Baden-Württemberg sind in diesem Buch zu finden.

Es gibt bisher auch keine Medikamente, die Patienten von der Krankheit heilen könnten. Arzneimittel, die heute bei Alzheimer verabreicht werden, sollen vor allem die Symptome und Begleiterkrankungen wie Depressionen mindern und so das Leben für die Betroffenen leichter machen. Dasselbe Ziel hat eine Behandlung, etwa durch Krankengymnastik, Ergo-, Musik- oder Verhaltenstherapie. Die Krankheit aber schreitet währenddessen weiter fort.

Ansätze, den Zerfall des Gehirns mit Medikamenten aufzuhalten oder die Alzheimer-Erkrankung in ihrem Ausbruch zu verzögern, gab es etliche. „Leider erwiesen sich bislang jedoch alle derartigen pharmakologischen Ansätze als wirkungslos“, stellt Humanbiologe Stefan Kins fest. Erst kürzlich endete eine Studie, die zunächst sehr vielversprechend erschien, mit einem enttäuschenden Ergebnis: Ein neuer Wirkstoff des US-amerikanischen Pharmaunternehmens Eli Lilly hatte es bis in klinische Studien an erkrankten Menschen geschafft. Sie sollten das Medikament in den nächsten Jahren zur Zulassung führen. Doch auch nach anderthalb Jahren zeigten sich bei den Testpersonen keine positiven Auswirkungen – eine bittere Enttäuschung. Ein alternativer Arzneistoff, der ebenfalls aus den USA stammt, befindet sich derzeit noch in einer recht frühen Entwicklungs- und Testphase. Auch an Impfstoffen gegen Alzheimer arbeiten die Pharmaforscher seit Jahren, doch auch sie sind bisher nicht anwendungsreif.

Dennoch gibt es einen Hoffnungsschimmer: Aktuelle Studien aus verschiedenen westlichen Ländern zeigen, dass die Zahl der Neuerkrankungen seit einigen Jahren langsam sinkt, etwa in Großbritannien, Schweden, den Niederlanden und den USA. Was der Grund für diese Entwicklung ist, ist nicht bekannt. Doch manche Forscher vermuten dahinter die Wirkung einer veränderten Lebens- und Ernährungsweise.

Die ist durch zahlreiche Untersuchungen belegt. Sie deuten darauf hin, dass man der Demenzerkrankung durch einen gesunden Lebensstil vorbeugen kann – ein medizinischer Ansatz, den etwa Prof. Dr. Gunter Eckert vom Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Gießen verfolgt. Bluthochdruck, Diabetes, Fettleibigkeit, Rauchen, ein Mangel an Bewegung und sogar ein geringes Bildungsniveau sind bekanntermaßen Risikofaktoren für Alzheimer. „Wenn man dauerhaft seinen Lebensstil ändert, kann man hoffen, dass man sein Risiko minimiert“, betonte der Gießener Forscher 2016 auf einem Kongress der gemeinnützigen Alzheimer Forschung Initiative in Düsseldorf. Dabei komme vor allem der Bewegung eine große Bedeutung zu. Sie sollte regelmäßig und anstrengend sein, wodurch ein wirkungsvoller Schutz für das Gehirn entstehe. „Man sollte ruhig mal aus der Puste kommen – am besten an der frischen Luft“, rät Eckert.

Karl B. hat die lange quälende Zeit mit Alzheimer inzwischen hinter sich. Er starb im Alter von 90 Jahren an einem Magendruchbruch – mehr als zehn Jahre, nachdem erste Symptome der Krankheit bei ihm sichtbar geworden waren. Seinen runden 90. Geburtstag durfte er noch im Kreis seiner großen Familie feiern. Ob er das Fest genießen konnte und was ihm dabei durch den Kopf ging, hat nie jemand von ihm erfahren. Doch er wirkte zufrieden. Und selbst sein Lachen hat er nie ganz verloren. Das konnte ihm auch die Alzheimer-Krankheit nicht nehmen.

Die drei Stadien von Alzheimer

  • Frühes Stadium
    In diesem Stadium fällt das Lernen allmählich schwer. Die Betroffenen vergessen Namen, Termine und Dinge, über die sie zuvor geredet haben. An lang vergangene Ereignisse können sie sich dagegen meist gut erinnern. Erste Schwierigkeiten beim Sprechen treten auf und komplizierte Aufgaben lassen sich zunehmend schwerer meistern. Die meisten erkrankten Menschen sind sich in diesem Stadium bewusst, was in ihnen vorgeht, viele leiden deshalb unter Depressionen.
  • Mittleres Stadium
    Aktuelle Erlebnisse bleiben nur noch kurz im Gedächtnis haften, und auch die Erinnerung an Vergangenes fällt nun schwer. Die Probleme beim Sprechen nehmen zu, der Gang wird wackelig und die Handschrift schwach. Die Patienten können kaum noch selbst ihren Tagesablauf planen und Entscheidungen treffen. Und sie schaffen es nicht mehr, sich in einer fremden Umgebung zu orientieren. Viele Betroffene befällt eine starke Unruhe, manche leiden unter wahnhaften Vorstellungen.
  • Spätes Stadium
    Der Wortschatz umfasst nun nur noch wenige Wörter. Die Erinnerung an das eigene Leben erlischt weitgehend oder vollständig. Die Patienten brauchen Hilfe beim Essen, Anziehen und im Bad. Viele werden inkontinent. Die innere Unruhe wächst, der Schlafrhythmus gerät durcheinander. Teilweise versteifen die Muskeln und die körperliche Beweglichkeit geht verloren. Am Ende ihres Lebens sind viele Alzheimer-Kranke bettlägerig und anfällig für Infektionen. Die häufigste Todesursache ist eine Lungenentzündung.


 

Kaffeetrinken hilft

Studien deuten darauf hin, dass Kaffeegenuss Alzheimer vorbeugen kann. Das liegt vermutlich am Koffein. Um den Schutzeffekt zu verstärken, haben Forscher der Universität Bonn ein „SuperKoffein“ entwickelt. Es ist leistungsfähiger als der herkömmliche Kaffee-Inhaltsstoff, ist aber frei von dessen Nebenwirkungen wie Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Auch grüner und schwarzer Tee scheinen Alzheimer vorzubeugen.

 

Bonusmaterial:
Tipps für ein langes, gesundes Leben von Stuttgarter Bürgern finden Sie hier.

Außerdem haben wir fünf Portraits von Hundertjährigen für Sie!
Lesen Sie hier über das lange Leben von:
Margarete Erben
Fritz Klumpp
Luzia Heckner
Käthe Hauser
Irmgard Daser

 

 

 

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