Eine Klasse für sich

Erwachsene zerbrechen sich den Kopf, wie das jetzt nur alles weitergeht. Mit der EU, mit den USA, mit der Demokratie überhaupt. Aber was geht in Jugendlichen vor? Was denken sie darüber? Wir haben eine Klasse in Stuttgart-Degerloch bei einem Projekttag zum couragierten Handeln gegen Diskriminierung begleitet.

Ein Stimmungsbericht von Anette Frisch, Fotos: Tom Ziora

Martin vom „Netzwerk für Demokratie und Courage“ leitet den Workshop in der Klasse 8b

Salman versteht nicht ganz, was gerade diskutiert wird. Es geht auch um ihn. Der 16-Jährige ist aus Pakistan, über den Oman und Dubai nach Deutschland gekommen. Er hat einen dreimonatigen Sprachkurs absolviert und ist seit zwei Monaten in der achten Klasse des Wilhelms-Gymnasiums im Stuttgarter Stadtteil Degerloch. Mitschüler aus der Oberstufe helfen ihm beim Lernen: Dreimal die Woche geben sie ihm nachmittags Unterricht. Wenn Salman Deutsch bald gut beherrscht, spricht er fünf Sprachen fließend.

An diesem Mittwoch findet im Wilhelms-Gymnasium ein Projekttag statt. Die Klassen acht und neun beschäftigen sich sechs Stunden mit Themen, die aktueller nicht sein können: Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Rechtsradikale. Und damit, wie man sich der Macht des Bösen mutig entgegenstellt. Und den Mund aufmacht, für jemanden einsteht, der schwächer ist.

Martin G. und seine Kollegin Juliane B. vom „Netzwerk für Demokratie und Courage“ veranstalten den Workshop in Klasse 8b. Das Netzwerk setzt sich dafür ein, dass Jugendliche sich über demokratische Werte wie Meinungsfreiheit, Gleichheit, aber auch Respekt und Courage verständigen. Mit Rollenspielen, Übungen, Diskussionen oder Filmen. Warum die beiden ihre vollständigen Namen nicht abgedruckt sehen möchten, hat Gründe, die später wichtig werden.

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Salam (16) und Hannah (13). Sie sagt: „Es ist wichtig, nicht auf seiner Meinung zu bestehen.“

Martin trägt Jeans, schwarzes T-Shirt und Turnschuhe. Seit 14 Jahren ist er für den Verein ehrenamtlich tätig – fast so lang, wie der Verein existiert. Mit 37 Jahren ist der Karlsruher für einen Projektleiter eigentlich zu alt. Normalerweise stünde an seiner Stelle ein Jugendlicher, der die jugendkulturellen Codes und Interessen besser versteht als er. Vor zwei Jahren wollte der Medienpädagoge kürzertreten. „Doch dann kamen Pegida und AfD“, erzählt Martin, „und da habe ich meine Stunden wieder aufgestockt.“

Hitler auf der Lokomotive
Salman sitzt zwischen seinen 27 Mitschülerinnen und Mitschülern. Sie haben einen Stuhlkreis gebildet. Martin und Juliane bereiten eine Übung vor, in der es um „menschenverachtende Einstellungen“ geht, wie es im Jargon des Netzwerks heißt. Dafür verteilen die beiden Fotos und Texte oder Zitate. Die Achtklässler sollen Kleingruppen bilden und sich für ein Motiv entscheiden, das sie später den anderen vorstellen. Auf einem Ausdruck ist eine Lokomotive zu sehen, auf deren Schnauze ein Hitler-Bart gezeichnet ist. Darüber steht: „Jew, Jew, Jew, die Eisenbahn, wer will mit nach Auschwitz fahrn.“ Ein anderes Foto zeigt den Umschlag eines Kinderbuches aus den 1970er-Jahren: „Zehn kleine Negerlein.“

Marius gehört zu der Gruppe, die sich für dieses Motiv entscheidet. Er ist dunkelhäutig und findet es „krass“, dass Schwarze in den 1970er-Jahren noch als Neger bezeichnet wurden. „Das ist ja voll rassistisch“, sagt er. Unlängst stand er in der überfüllten U-Bahn an der Tür. Ein älterer Mann, der aussteigen wollte, brüllte ihn an: „Scheiß schwarzes Kind, geh mal weg hier!“ – „Ich wusste in dem Moment gar nicht, was ich dazu sagen sollte.“

„Und genau deshalb gibt es diese Veranstaltung“, sagt Tatjana Bause. Die Klassenlehrerin sitzt hinten im Raum und beobachtet das Geschehen. Sie möchte, dass der Workshop die Zivilcourage der Kinder stärkt. Dass sie lernen, sich zu wehren und Dinge zu hinterfragen. „Darin sehe ich meine Aufgabe als Lehrerin“, sagt die 29-Jährige. „Die Schülerinnen und Schüler als aufgeklärte und couragierte Bürger aus der Schule zu entlassen. Das ist wichtiger als irgendeine Mathe-Formel.“

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Simon und Ann-Kathrin (beide 13) sagen: „Es ist schwierig, mit Erwachsenen zu diskutieren.“

Ist das lustig oder nicht?
Die Gruppe mit der Hitler-Lokomotive ist an der Reihe. Martin erzählt, dass das Foto mehrere tausend Male auf Facebook geteilt wurde. Die meisten in der Klasse sind sich darüber einig, dass die antisemitische Anspielung überhaupt nicht lustig ist. Simon und Felix sehen die Sache nicht so eng.

Simon: „Ich finde, das ist schwarzer Humor.“

Martin: „Es sind im Dritten Reich mehr als sechs Millionen Juden ermordet worden. Das ist doch kein schwarzer Humor!“

Simon: „Es gibt aber Leute, die wissen das nicht, und die finden das dann lustig. Die machen eben einen Fehler.“

Martin: „Das ist für mich keine Entschuldigung.“

Simon: „Aber es wird sich doch über alle Gruppen lustig gemacht. Und ich kann mich doch über so was lustig machen, ohne gleich ein Antisemit zu sein.“

Martin: „Deshalb sind wir hier. Wir möchten euch zeigen, wie gefährlich es ist, wenn die Gesellschaft abstumpft. Dann sind solche Sachen möglich und keiner findet das mehr schlimm.“

Es klingelt zur Pause. Felix und Simon unterhalten sich über Martins Reaktion. Sie haben das Gefühl, dass er ihnen nicht richtig zugehört hat und nur seine Meinung zählt. „Obwohl er uns am Anfang dazu ermutigt hat, die eigene Meinung zu sagen“, murmelt Simon. Bei Felix ist hängen geblieben, dass man „ganz schön aufpassen“ muss, wenn man was politisch Unkorrektes sagt. „Ich glaube, das ist der Grund, warum Donald Trump so beliebt ist. Weil er nicht sofort auf jedes Wort achtet. Das will das Volk halt.“

Wie weit darf man mit seiner Meinung Einfluss auf die Schüler nehmen? Wann seine Meinung vertreten, wann sich zurücknehmen? Wie eine gute Streitkultur aussieht, gehört vielleicht zu den schwierigsten Fragen in der aktuellen politischen Debatte und begleitet auch die Diskussionen im Klassenzimmer wie ein unsichtbarer Untertitel.

Tatjana Bause findet es gut, dass Martin so deutlich Position bezieht und auf Konfrontation geht. „Die Kinder dürfen sich nicht daran gewöhnen, dass es Pegida gibt oder die AfD eine Partei unter vielen ist. Sie müssen wissen, welche Gefahren dahinterstecken.“

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Felix (13), links, findet: „Man muss aufpassen, was man sagt.“ Marius (13), rechts gibt zu: „Ich werde oft blöd angemacht.“

Der Herr in der Fußgängerzone
Martin zieht die Vorhänge zu, in Raum 309 wird es dunkel. Eine Kurzdokumentation über die Neonazi-Szene in Deutschland will er jetzt zeigen. Der Beamer projiziert die Bilder auf die Wand. In großen Aufnahmen sehen die Achtklässler, wie Männer und Frauen auf einer Massenkundgebung skandieren; sie folgen dem Reporter nach Köln-Mülheim und sehen die zerbombten Geschäfte der Keupstraße; sie begleiten das Filmteam in ein Freizeitlager, wo Rechtsradikale völkisches Brauchtum feiern. Sie erleben, wie ein freundlicher Herr an einem NPD-Infostand auf einem Marktplatz steht und Buntstifte an Passanten verteilt. Und sie hören, wie er sagt: „Ihr Enkel kann mit den Stiften die Deutschlandflagge ausmalen.“

Nach 20 Minuten ist der Film zu Ende. Martin zieht die Vorhänge auf. Es ist still im Klassenzimmer. Kaum einer spricht, keine Witze, das übliche Gezeter bleibt aus. Es ist, als müssten die Jugendlichen das Gesehene erst einmal sortieren. Das Netzwerk-Team verteilt Karten und bittet die Schülerinnen und Schüler aufzuschreiben, was ihnen aufgefallen ist. „Dass es so viele sind“, schreibt Marius auf seine Karte. Chiara ist erstaunt, „dass sie so harmlos wirken“, und benennt das Vorgehen: „Die Neonazis gehen auf die Menschen zu, verteilen Buntstifte und dann wählt die Oma die NPD.“

„Ja, aber was sagen Sie einem, der die AfD wählen will?“, will Felix wissen. „Dem sage ich, er soll sich angucken, wie Deutschland 1945 aussah“, antwortet Martin. „Wie menschenverachtend Rechtspopulisten und Neonazis sind.“ Und dann erzählt er, wie Rechtsradikale im brandenburgischen Guben einen Flüchtling mit dem Auto verfolgten und dieser aus Angst durch eine Glastür sprang. Und dass bei einem Projekttag in der Nähe von Karlsruhe plötzlich Neonazis vor der Schule standen, die offensichtlich während des Workshops von einem Schüler kontaktiert worden waren. Und dass dies der Grund ist, warum seine Kollegin und er ihre vollständigen Namen nicht nennen. „Die Zeiten sind rauer geworden. Keiner von uns hätte gedacht, dass die AfD so viele Stimmen bekommt und Trump Präsident wird.“

„Mir macht das Angst“
Nach sechs Stunden ist der Projekttag zu Ende. Die Achtklässler schreiben noch schnell ihr Feedback auf grüne und rote Karten. Grün steht für „Das fand ich gut“, Rot für „Nicht so gut“. Tatjana Bause und das Netzwerk-Team gehen die Karten durch. Es sind viele rote dabei. „Martin hat zu viel geredet“, steht darauf. Oder: „Er hat nur eine Meinung zugelassen.“ Der Projektleiter ist mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Aber seine Meinung abzuschwächen, das schafft er einfach nicht – mehr.

„AfD, Trump, Polen, Ungarn, die Niederlande“ – die Wörter stolpern nur so aus ihm heraus. „Ich kann mich nicht wie früher zurücknehmen, ich will die Dinge offen ansprechen. Mir macht das Angst.“ Fragt man Salman auf dem Weg nach draußen, wie ihm der Tag gefallen hat, dann sagt er: „Ich habe nicht alles verstanden. Die Neonazis fand ich komisch. Ich fühle mich sicher und ich bin glücklich. Es ist besser, hier zu sein.“

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Salam (16) sagt: „Ich fühle mich hier sicher.“

Cecilia, 14 Jahre, über Vorurteile:
„Politik interessiert mich. Zum Beispiel der Krieg in Syrien, mit den Bomben und den Flüchtlingen. Es wäre Quatsch, wenn man sich dafür nicht interessiert. Weil es auch ceciliaDeutschland betrifft. Ich kann die Leute verstehen, die Flüchtlinge bei uns nicht wollen, aber persönlich empfinde ich das nicht so. Vielleicht haben die Leute einfach Angst vor denen, weil sie vielleicht nicht wissen, wer die Flüchtlinge sind. Aber die sollten schon tolerant sein und die anderen kennen lernen. Die haben ja auch viel erlebt und das bleibt einfach immer in deinem Kopf. Das verkraften die Menschen auch gar nicht, wenn man sie einfach wieder zurückschickt. Solange die Angst vor dem Krieg herrscht, müssen sie in ein Land, wo es Frieden gibt. Ich finde es wichtig, dass man einen Menschen erst einmal kennen lernt, bevor man ihn verurteilt.“


Was Hannah, 13 Jahre, denkt: „Whannahir brauchen verschiedene Meinungen. Sonst können wir ja gar nicht wirklich über die andere Seite nachdenken. Und verstehen, warum jetzt bestimmte Personen so reagieren, wie sie es nun mal tun. Und dann ist es auch wichtig, dass man nicht nur auf seiner Meinung be
steht und auch irgendwie der anderen Seite entgegenkommt. Dass man sich anhört und die Meinung des anderen bis zu einem gewissen Grad zulässt. Es kommt eben drauf an, wie weit das geht. Ich finde es beunruhigend, wenn man sagt, zu Deutschland gehören nur die wirklich Deutschen, sonst ist Deutschland nicht mehr rein. Das ist einfach komisch, wenn man überlegt, dass es das schon mal gab und sich das genauso wieder entwickelt. Und dass wir doch eigentlich darüberstehen müssten und sagen müssten: ‚Wir haben das schon mal durchgemacht. Wir sollten das jetzt besser hinkriegen als davor.“

 

 

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