Politik steht immer an zweiter Stelle

Eine Liebesbeziehung zwischen Links und Rechts

Sie ist Anfang 40 und bezeichnet sich als politisch links. Er ist Anfang 50 und hat bei den letzten Wahlen sein Kreuz bei der AfD gemacht. Beata und Klaus, so wollen sie für diesen Beitrag heißen, sind seit vier Jahren ein Paar.

Protokoll: Iris Hobler. Fotos: Tom Ziora

Eigentlich wollten wir uns mit Beata und Klaus an einen Tisch setzen. Es sollte ein Streitgespräch werden. Dann bat Beata um separate Termine; sie wolle sich nicht ärgern müssen. Aus einer gemeinsamen Debatte wurde die Aufzeichnung von zwei einzelnen Gesprächen.

Klaus: „Vor vielen Jahren war ich mal in der CDU. Bis ich realisiert habe, was Parteipolitik wirklich bedeutet. Seilschaften bilden, Pöstchen verschieben. Das war nicht meins. Später bin ich auf die Identitäre Bewegung gestoßen. Das ist keine Partei. Mir hat es gefallen, wie sie in Frankreich entstanden ist. Überwiegend durch junge Menschen, von unten und ohne Wortführer. Also habe ich sie über ihre Facebook-Seite kontaktiert und 2012 in Tübingen eine Identitäre Gruppe gegründet. Nach ein paar Tagen waren wir 30 Menschen. Jeder Gruppe blieb es selbst überlassen, wie sie sich organisiert.“

Beata: „Die Grünen waren lange Zeit meine Partei. Aber was sie hier in Stuttgart seit ein paar Jahren machen, das gefällt mir nicht. Die Verkehrspolitik zum Bei spiel: Es wird in den letzten Jahren immer teurer, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, obwohl der Oberbürgermeister ein Grüner ist. Ich überlege, ob ich beim nächsten Mal die Linke wähle. Ich finde es für jedes Parlament wichtig, dass es eine Partei gibt, die hineingrätscht.“

„Bei den Identitären haben sich ganz normale Menschen getroffen, ohne politischen Background. Unsere Botschaften? Erstens gefällt es uns nicht, dass der Staat Multikulti verordnet. Das verstehen wir als Rassismus uns Deutschen gegenüber. Und zweitens kritisieren wir, dass man die deutsche Geschichte auf zwölf Jahre Nationalsozialismus reduziert. Überall passiert das, in der Schule und in den Medien. Wir glauben, beides hat zum Ziel, einen neuen Menschen zu schaffen.“

„Als die Grünen 2011 in Baden-Württemberg stärkste Partei geworden sind, habe ich einen Post dazu auf der für alle Nutzer offenen Facebook-Seite meines Arbeitgebers veröffentlicht. Das hat einem seiner Freunde überhaupt nicht gefallen und er hat eine ewig lange Antwort verfasst: dass die CDU fast 60 Jahre erfolgreich regiert hat, dass Baden-Württemberg jetzt den Bach runtergeht und die Grünen keine Ahnung vom Regieren haben. Ich habe nur gedacht: ‚Oh je, was ist das für ein ätzender CDUler.‘ Ein paar Monate später bin ich dann wieder auf ihn getroffen. In einer virtuellen Gruppe, die sich mit Landespolitik befasst.“

„Der Verfassungsschutz hat angefangen, die Identitären zu beobachten und Telefonate abzuhören. Irgendwann fanden bundesweit Hausdurchsuchungen bei Sympathisanten ähnlicher Bewegungen statt. Da wusste ich: Jetzt hat der Staat den Schalter umgelegt. Jetzt macht er es wie Mao: Bestrafe einen, erziehe hundert. Da bin ich ausgetreten.“

„Klaus war natürlich für Stuttgart 21, ich dagegen. Irgendwann hat sich unsere virtuelle Gruppe im richtigen Leben getroffen. Ich war neugierig auf Klaus, gerade weil mich an ihm einiges gestört hatte. Aufgefallen ist mir dann, dass er seine Meinung klar sagt, aber bei aller Kontroverse nie persönlich wurde. Wir haben uns bei diesen Treffen intensiv ausgetauscht und es hat sich ziemlich schnell gezeigt, dass wir uns mögen.“

„Bei der letzten Bundestagswahl habe ich die Alternative für Deutschland gewählt. Die anarchische Gründung der AfD war mir sympathisch, so wie auch bei den Grünen damals oder den Piraten. Wirtschaftspolitisch gefällt mir vieles, und auch die Familienpolitik der AfD finde ich gut. Geld statt in Superbanken lieber so investieren, dass Frauen sich entscheiden können: Bleibe ich zuhause oder gehe ich arbeiten? Dann brauchen wir nicht mehr Leute aus dem Ausland, sondern machen selber mehr Kinder. Und Gleichstellungsbeauftragte halte ich in der heutigen Zeit für Quatsch. Ob ich in diesem Jahr wählen gehe, weiß ich noch nicht. Aber wenn, dann die Alternative.“

„Wir sind beide so eingestellt, dass man sich mit jedem Menschen, egal welcher Meinung er ist, kultiviert und höflich auseinandersetzt. Ich finde es bedenklich, dass immer mehr Menschen lautstark und polarisierend agieren. Der Populismus greift das auf und verstärkt es, wie man bei der Schlammschlacht in den USA gesehen hat. Gleichzeitig finde ich, dass man die Dinge beim Namen nennen können muss. Mit übermäßiger politischer Korrektheit ist niemandem gedient.“

„Ich halte den rechten Populismus für wichtig. Er vertritt diejenigen, die sich sonst enttäuscht von dieser Gesellschaft abwenden würden. Dass Familien aus Kriegsgebieten bei uns Asyl erhalten, finde ich in Ordnung. Aber dass man in Griechenland am Kiosk einen syrischen Pass kaufen kann und wir dann plötzlich 800.000 Männer aus Syrien hier haben, das kann doch nicht sein. Gesprochen habe ich mit so einem Geflüchteten noch nie. Und wenn, dann würde ich ihn fragen: Warum bist du nicht zuhause und baust dein Land auf?“

„Ich kann verstehen, dass Menschen verunsichert sind durch die Veränderungen der letzten Jahre. Auf die Ängste muss man eingehen. Aber nicht wie die AfD. Die nimmt die Ängste, nutzt sie und macht sie größer. Das widert mich an. Und mich stört es, dass die AfD den Menschen sagt, wie ihr Privatleben aussehen soll. Das Idealbild der Familie mit drei Kindern. Homosexuelle oder getrennt Lebende oder Kinderlose passen da nicht rein. Ein völliger Anachronismus.“

„Ich schätze es, mich mit Beata intellektuell auszutauschen. Das ist mehr, als wenn man ein Hobby teilt. Wir diskutieren bis zu einem bestimmten Punkt, und dann akzeptiert jeder von uns, dass der andere seine eigenen Schlussfolgerungen zieht. Ihre kann ich gut stehen lassen.“

„Klaus denkt, dass Deutschland systematisch destabilisiert werden soll. Das ist so eine seiner Befürchtungen, die zu Ressentiments den Flüchtlingen gegenüber führen. Ich halte es für sinnvoller, auf die Menschen zuzugehen. Klar haben sie eine andere Kultur. Und klar gibt es Männer, die sich aus meiner Sicht Frauen gegenüber problematisch verhalten. Aber nun sind sie hier und da ist es besser, wir lernen uns kennen und ich zeige und erkläre ihnen, wie wir leben. Wenn ich sie stigmatisiere, dann nehme ich ihnen die Chance, sich zu verändern.“

„Beata ist mal mit zwei jungen Syrern einkaufen gegangen. Ich würde diesen jungen Männern, die gesund, wohlgenährt und im wehrfähigen Alter sind, am liebsten ein Ticket in die Hand drücken. Damit sie nach Hause fahren und ihre Heimat verteidigen. Und sie geht mit ihnen shoppen.“

„Klaus hat einen Aufstand gemacht, weil ich mit zwei Fünfzehnjährigen aus einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einkaufen war. Da habe ich ihm vorgeworfen, dass er ein Rassist ist. Ich habe nicht verstanden, wie er so reagieren konnte. Es sind doch Kinder. Nach zwei Tagen Funkstille hat er sich dann wieder gemeldet. Ich hätte ihn nicht angerufen.“

„Aus ihrem Bekanntenkreis gab es Leute, die mich wegen meiner politischen Einstellung rigoros abgelehnt haben. Ohne mich jemals gesehen zu haben. Anders bei meinen Freunden, da spielt das keine Rolle.“

„Viele Freunde waren anfangs total ungläubig. Eine Jugendfreundin hat mir gesagt: Ich kann es nicht fassen, dass du mit so einem Nazi zusammen bist. Das hat mich angewidert. Strukturell betrachtet, sind alle Ideologen gleich. In mein Privatleben habe ich mir noch nie reinreden lassen. Aber ich war auch sauer auf Klaus. Kann er denn nicht ein bisschen moderater auftreten?“

„Politik steht immer an zweiter Stelle. Das Zwischenmenschliche an erster. Worüber wir auch streiten, man muss in der Lage sein, sich so zu verhalten, dass eine Liebesbeziehung funktioniert.“

„Ich hatte noch nie einen Mann, der mich als Person so gut behandelt hat. Er ist ein warmer und umsorgender Charakter und er akzeptiert, dass ich im Zusammenleben kompliziert bin. Ändern will ich ihn nicht. Ich habe schmerzhaft gelernt, dass es nie gelingt, sich den Anderen passend zu machen. Wir gehen heute vielleicht vorsichtiger miteinander um. Er hält sich im Kreis von Bekannten oder Freunden stärker zurück, und ich umschiffe manche Themen. Ein bisschen Trotz ist auch dabei. Wir zeigen allen, dass es trotzdem geht.“


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Beata fragt sich: Kann Klaus denn nicht ein bisschen moderater auftreten?

Beata arbeitet als Bürokauffrau. Sie sagt, dass es ihr mal besser gelingt, mal weniger gut, die Balance innerhalb der Beziehung zu halten.

 

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Klaus sagt: Ich schätze es, mich mit Beata intellektuell auszutauschen.

Klaus ist selbstständiger Architekt. Für diesen Beitrag wollte er anonym bleiben, „um nicht an den Pranger gestellt zu werden“.

 

Ein Gedanke zu “Politik steht immer an zweiter Stelle

  1. Da möchte sich also jemand „intellektuell austauschen“, der Fünfzehnjährige in einen Krieg schicken möchte, in dem sie für einen Diktator kämpfen müssten, der nachweislich Kriegsverbrechen begangen hat – vielleicht sogar gegen sie oder ihre Familien. Ich denke, ein intellektueller Austausch setzt, wenn schon keinen Anstand, dann doch wenigstens Intellekt voraus.

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