Keine Schikane in der Schule

Es zählt zu den wirksamsten Anti-Mobbing-Programmen der Welt: das Olweus Bullying Prevention Program. Seit Herbst 2015 wird das bundesweit einmalige Modellprojekt an ausgewählten Schulen in Baden-Württemberg erprobt. Wir haben das Heinrich Sigmund Gymnasium in Schriesheim besucht und dort unterschiedliche Menschen nach ihren bisherigen Erfahrungen mit Olweus befragt.

Text: Anette Frisch. Fotos: Tim Wegner

Der Coach
Daniel Hentschel, 34, unterrichtet Mathematik und Soziale Kompetenz. Er ist Olweus-Coach und an seiner Schule erster Ansprechpartner für das Programm.

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Daniel Hentschel sagt: Ich hätte gern mehr Zeit.

„Mobbing ist keine gesellschaftliche Umgangsform, sondern eine Art des Missbrauchs. Und richtet nachweislich große Schäden an, bei Betroffenen wie bei Tätern. Es war deshalb anfangs leicht für mich, die Kolleginnen und Kollegen für das Programm zu begeistern. Diese Begeisterung aufrecht zu erhalten, das ist allerdings schwierig. Denn Olweus ist aufwendig und anspruchsvoll. Man muss das Ganze als konsequente Selbstfortbildung verstehen, die über das übliche Engagement eines Lehrers hinausgeht. Die Kolleginnen und Kollegen treffen sich zum Beispiel alle zwei Wochen in Kleingruppen. Dann arbeiten sie das Olweus-Handbuch durch und besprechen individuelle Fälle. Und das alles außerhalb ihrer Arbeitszeit.

Ihnen klar zu machen, dass sich der Aufwand lohnt, ist relativ hart und führt immer wieder zu Diskussionen. Obwohl nicht alle so mitziehen, wie ich mir das wünsche, trägt das Programm erste Früchte. Die Schüler fangen langsam an, mit Lehrern über Dinge zu reden, die sie vorher nicht angesprochen haben. Ich hätte im Schulalltag gern mehr Zeit, um die Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen. Ich bin mir sicher, dann würden auch die Kritiker erleben, dass Olweus funktioniert.“

Die Lehrerin
Sibylle Zipperer, 48, unterrichtet Englisch und Kunst. Sie ist eine von sechs Olweus-Gruppenleiterinnen. Alle 14 Tage trifft sie sich mit zwölf Kolleginnen und Kollegen, um sich auszutauschen.

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Sibylle Zipperer sagt: Olweus macht uns zu besseren Lehrern

„Klar gibt es immer wieder Schubsereien auf dem Schulhof. Und es ist schwierig zu unterscheiden, ob die unter Freunden stattfinden oder nicht. Ich bin darauf angewiesen, was mir Schüler sagen. Und darum geht es in dem Programm. Dass wir Vertrauen zu den Schülern aufbauen und sie sich an uns wenden, wenn sie Zeugen von Mobbing werden. Vieles von dem, was Olweus empfiehlt, mache ich in der Praxis bereits. Es gibt aber auch Aspekte, die mir nicht bewusst waren. Zum Beispiel häufiger zu loben als zu tadeln. Wenn etwas schiefläuft, wird schnell gemeckert. Wenn es gut läuft, ist das nur normal. Ich versuche, diese Erkenntnis in meinem Unterricht zu berücksichtigen.

Auch der Umgang mit Kollegen hat sich seit Olweus verändert. Wir haben zum Beispiel festgestellt, wie anstrengend es ist, wenn ein Kollege durchs volle Lehrerzimmer ruft: „Du, deine Klasse hat wieder…“. Es entsteht das Gefühl, dass man bei seiner Erziehungsaufgabe versagt hat. Wir haben uns entschlossen, auf einen besseren Umgang miteinander zu achten. Ich finde, das Programm ist eine tolle Sache. Und habe das Gefühl, dass es uns zu besseren Lehrern macht.“

Die Siebtklässler
Leni, Julia, Dustin und Cosima gehen in die 7. Klasse. Über Filme, Rollenspiele und Diskussionen lernen sie, was Mobbing ist und wie es sich auswirkt.

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Dustin, Cosima, Julia und Leni finden: Mobbing fühlt sich überhaupt nicht cool an

Cosima: Ich muss sagen, Olweus hat auf jeden Fall was gebracht. Ich guck immer, falls jemand gehänselt wird. Dann geh ich zu dem hin und sag: „Lass den in Ruhe.“ Oder ich geh zur Lehrerin und sag Bescheid.

Julia: Es gibt Kinder, die werden ausgelacht, weil sie besser in der Schule sind.

Leni: Zum Beispiel Adrian (Name von der Redaktion geändert). Der war in der 5. Klasse Klassenbester. Jetzt schreibt er nur noch Zweien und Dreien.

Dustin: Echt?

Leni: Ja, der ist richtig runtergegangen.

Dustin: Wir hatten auch mal Cybermobbing. Ein Schüler hat einen anderen über WhatsApp beleidigt. „Dickes Schwein“ und noch viel Schlimmeres stand da.

Julia: In unseren Klassenräumen hängen Mobbing-Regeln.

Dustin: Aber manchen ist das egal. Dann denke ich: „Warum macht man das überhaupt, wenn die sich nicht dran halten?“

Cosima: Wir haben mal ein Rollenspiel gemacht. Einer stand in der Mitte und die anderen haben ihn beschimpft. Da haben manche erst begriffen, was sie dem anderen antun. Ich muss ehrlich sagen, aus eigener Erfahrung, das fühlt sich überhaupt nicht cool an.

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Von Experten empfohlen
Das Besondere – und Aufwendige – an Olweus: Es ist auf die gesamte Schule ausgerichtet. Lehrer werden zu Mobbing-Experten, das Thema hat einen festen Platz im Unterricht, und auch Schulsozialarbeiter, Sekretärinnen und Eltern kommen mit ihm in Berührung. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg begleitet das Modellprojekt wissenschaftlich.
Im Rahmen ihres Aktionsprogramms Psychische Gesundheit von Jugendlichen stellt die Baden-Württemberg Stiftung von 2015 bis 2018 460.000 Euro zur Verfügung. Insgesamt 20 Schulen nehmen derzeit am Programm teil, das dem baden-württembergischen Schulsystem angepasst wurde. In Ländern wie Norwegen und den USA, in denen schon lange mit der Olweus-Methode gearbeitet wird, ist ein signifikanter Rückgang an Mobbing erkennbar. Dieser zeichnet sich auch hierzulande bereits nach einem Jahr ab.

Weitere Informationen sowie ein Interview mit Dan Olweus finden Sie hier in unserem Geschäftsbericht 2015: bws_gb2015_olweus-2

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