Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Nein, darf man nicht!

Ein Kommentar von Michel Abdollahi

Renate Künast hat sich neulich Hasskommentaren gestellt. Sie hat die Leute, die sie im Internet wüst, obszön und sehr hässlich beschimpft haben, besucht. Das Ergebnis war für viele überraschend. Die Leute haben sich nämlich geschämt, als Renate Künast sie mit ihren Kommentaren konfrontierte, als sie ihnen die widerlichen Worte selbst vorlas, als der Familienvater aus gutbürgerlichen Verhältnissen sich bewusst wurde, was er getan hatte. Das passiert oft.

Je wüster Leute schimpfen, desto freundlicher schreibe ich zurück, und dann sind Verwunderung und Scham oft groß: „Sie haben das wirklich gelesen? Ich dachte, das kommt gar nicht bei ihnen an. Das ist mir jetzt aber unangenehm. So habe ich das gar nicht gemeint. Ich habe auch gar nichts gegen Sie, ganz im Gegenteil, usw. usw.“ Das Phänomen scheint neu, ist es aber nicht. Schon Harald Schmidt besuchte in den 80ern Menschen, die ihn in Leserbriefen übelst beschimpften, mit laufender Kamera zu Hause und las ihnen ihre Brieflein vor. Auch sie waren beschämt, verlegen und plötzlich ziemlich kleinlaut.

Schauen wir auf die widerlichen Ereignisse, die sich rund um den Tag der Deutschen Einheit in Dresden abgespielt haben: Wenn ein Schwarzafrikaner von Affenlauten begleitet als „Bimbo und Nigger“ beschimpft wird, während er zum Gottesdienst geht, wenn Kanzlerin und Bundespräsident als „Fotze und Volksverräter“ beleidigt werden, wenn „Judensau“ wieder öffentlich gerufen werden kann, ohne dass jemand darauf reagiert, dann muss man feststellen, dass wir, gelinde gesagt, unsere Manieren verloren haben. Viele sehen gerade darin eine Befreiung von politischer Korrektheit und Genderwahn. Zwei Begriffe, die insbesondere von der neuen Rechten als „böse, linksversifft und grün“ propagiert werden. Sicher gab es diese Meinungen auch früher, aber erst seitdem sich die neue Rechte selbst als Stimme der angeblich Unterdrückten auserkoren hat, fühlen sich diese Menschen dazu verpflichtet, ihre neugewonnene Freiheit auch öffentlich auszuleben, während die Politiker es ihnen vorleben. Wenn wir uns Kommentarspalten im Internet anschauen, dann potenziert sich im Lichte der scheinbaren Anonymität der Hass um ein Vielfaches. Als Mensch, der viel im Internet unterwegs ist, muss ich leider zugeben, dass ich wohl aus Selbstschutz mittlerweile abgestumpft bin. Mit der völlig enthemmten Gesellschaft im Netz habe ich mich längst arrangiert. Beleidigt man, wird man gesperrt. Es ist das schnellste Mittel, was mir zur Verfügung steht.

Es ist gefährlich, Hass und Anfeindungen in Online und Offline zu unterteilen. Zudem ist es meiner Meinung nach unmöglich, heute bereits einordnen zu können, inwieweit Soziale Medien populistische Strömungen tatsächlich begünstigen. Neben der aktuellen Debatte, das linke, gebildete Bürgertum sei durch seine angebliche Arroganz für das Erstarken der Populisten verantwortlich, suchen viele Experten derweil auch gerne rückblickend die Schuld für falsche Voraussagen bei Facebook und Co. Prominentestes Beispiel der letzten Zeit war sicher die „überraschende“ Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, morgen ist es vielleicht das Wahlergebnis der AfD bei den Bundestagswahlen.

Wir leben in einer Zeit, in der Hass und Hetze salonfähig geworden sind und in der viele, die diese Salonfähigkeit unterstützen, in ihrer eigenen Blase leben. Die Frage, die sich uns stellen muss, ist folgende: Setzt sich der Familienvater nach Renate Künasts Besuch wieder an den Computer und postet weiter Feindseligkeiten, oder hat die Begegnung dazu beigetragen, die Welt wieder etwas differenzierter zu betrachten und die Blase zu verlassen? Sprich – sitzt der Hass bereits so tief, dass man ihn mit einfachen Gegenmaßnahmen nicht wegbekommt, oder hat die Facebook-Blase Schuld? Erst wenn wir diese Frage geklärt haben, können wir beginnen, diese neuen Manieren langfristig wieder zu verbannen. Als ersten Schritt müssen wir erkennen, dass niemand Populismus und Fremdenhass ernst nehmen, sondern benennen und für alle sichtbar machen muss, damit jeder weiß, wer da vor einem steht. Wer zur AfD läuft, weiß wo er ist – bei Rechtsradikalen, und die Menschen erkennen das immer mehr. Das reicht aber nicht. Denn solange wir nicht geklärt haben, wo die Ursachen für diese Strömungen liegen, können wir unsere Kraft nicht gezielt einsetzen, um tatsächliche Probleme wirklich zu lösen.

Um das vergiftete Klima aber dennoch erst einmal präventiv einzudämmen, sollten wir uns beiden Optionen stellen, indem wir sowohl die Algorithmen überwachen, als auch den direkten Kontakt zu den Menschen suchen. Und vielleicht statt den Hasskommentator zu sperren, sollten wir eine polizeiliche Anzeige in Erwägung ziehen, damit wieder klar wird, dass Hass und Hetze, ob im Internet oder im realen Leben, eben keine „Meinung“ sind, sondern sehr häufig Straftatbestände unserer Gesetzgebung.

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Michel Abdollahi kämpft sich furchtlos durch den Social Media Dschungel und setzt sich gegen Fremdenhass und Falschmeldungen ein. Foto: Tim Brüning

Michel Abdollahi ist deutscher Moderator, Journalist, Künstler und Literat iranischer Abstammung. Für seine Reportage „Im Nazidorf“ (NDR) erhielt er 2016 den Deutschen Fernsehpreis. Seine Kunstinstallation „Der Schwamm“ als Symbol gegen Hass und Rassismus sowie deren Zerstörung durch Brandstifter erregten große Aufmerksamkeit.

 

4 Gedanken zu “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Nein, darf man nicht!

  1. Hat dies auf Querdenkmal rebloggt und kommentierte:
    Kluge Gedanken eines deutschen Journalisten über Hater im Netz und IRL.
    Ich würde es allerdings drastischer formulieren:
    Diese Leute sind nicht nur verlogen, sondern auch erbärmliche Feiglinge. Eine große Klappe riskieren sie nur in ihrer Filterblase oder – wenn schon draußen im richtigen Leben – inmitten einer Horde Gleichgesinnter. Vielleicht sollte man sie einfach mal fragen: „Warum sind Sie so feige?“.

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  2. Hat dies auf vink twice rebloggt und kommentierte:
    Wenn ein „deutscher Michel“ von Manieren und Anstand spricht, dann hätte ich das vor Jahren noch als typisch teutonische Bevormundung interpretiert. Doch die Zeiten haben sich geändert, und ein neuer Kontext tut sich auf: der Verlust von Manieren in der Anonymität des Internetzeitalters – ein Phänomen mit Zerstörungspotential, das uns gerade über den Kopf zu wachsen droht. Ach, und noch was hat sich geändert: der deutsche Michel heißt mit Nachnamen Abdollahi 🙂

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  3. „Wer zur AfD läuft, weiß wo er ist – bei Rechtsradikalen, und die Menschen erkennen das immer mehr.“ Das ist vielleicht keine illegale Hetze, aber eine grobe Verallgemeinerung. So etwas führt meiner Meinung nach dazu, dass viele Leute sich auch nicht mehr trauen, ihre eigene Meinung frei zu äußern – da man sehr leicht in die rechte Ecke gedrängt wird. Kaum einer kann heutzutage noch mit reinem Gewissen sagen, dass er einhundertprozentig hinter einer Partei steht. Jeder Bürger wählt die Partei, die sich seiner Meinung nach am Besten um die Themen kümmert, die ihm wichtig sind. Viele sehen in der AfD das, wofür das A steht: eine Alternative. Viele sahen das in Trump auch – eine Alternative zum (politischen) Establishment. Das er natürlich ein weltfremder Psychopath ohne jegliche Erfahrung in einem politischen Amt ist, wird zur Nebensache, weil es Protest-(Nicht-)Wählern darum geht, den Status Quo zu verändern.

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  4. Was Renate Künast getan hat finde ich nachahmungswürdig. Die Unterscheidung zwischen diskiminierender Hetze und freier Meinungsäußerung muss unbedingt gemacht werden.
    An dieser Stelle ( weil sonst keine andere Möglichkeit) möchte ich mich für mein Verhalten im Messenger im August 2016 zutiefst endschuldigen.Ich war zu dem Zeitpunkt erkrankt und nicht Herr meiner Sinne..es ist mir wichtig, dass Sie dies wissen Hr.Abdollhai Ich schätze Sie und ihren politischen Einsatz und ihre Meinung sehr.

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