Auf der Suche nach dem Ärger

Informationen beschaffen, auswählen und so aufbereiten, dass der Leser sie versteht und sich eine eigene Meinung bilden kann: Das ist die Aufgabe der Medien in einer Demokratie. Was aber, wenn Leser der Presse zunehmend misstrauen? Oder sogar auf dem Standpunkt stehen: Wer nicht meine Meinung wiedergibt, der lügt?

Begegnung mit einer Lokaljournalistin in Zeiten, in denen Diskurse schwieriger werden.

Text: Iris Hobler. Fotos: Markus Kirchgessner

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Cornelia Spitz arbeitet seit 23 Jahren als Lokaljournalistin beim Schwarzwälder Boten, seit 2012 ist sie Leiterin der Kreisredaktion in Villingen-Schwenningen.

Villingen-Schwenningen, rund 82.000 Einwohner, größte Stadt des Schwarzwald-Baar-Kreises. Drei eigenständige lokale Tageszeitungen gibt es hier: Südkurier, Neckarquelle, Schwarzwälder Bote. Drei Blätter, das ist eine große Seltenheit angesichts bundesweit nach wie vor rückläufiger Auflagen und schrumpfender Redaktionen. Für den „Schwabo“ arbeiten zwölf Redakteure, vier Pauschalisten, zwei bis drei Volontäre und drei Mediengestalterinnen. Sie produzieren in den Redaktionsräumen am zentrumsnahen Benediktinerring täglich bis zu 30 Seiten, sechs davon lokal für Villingen-Schwenningen. Dazu kommen Inhalte für die Online-Ausgabe und die Facebook-Seite.

Der Tag, an dem wir uns hier zum Gespräch treffen, ist keiner wie andere. Es ist der 9. November 2016. Seit wenigen Stunden steht fest, dass Donald Trump der nächste amerikanische Präsident ist. Einer also, der Journalisten als generell unehrlich, schmierig und schlecht bezeichnet. „Mich hat die Klarheit seines Sieges überrascht“, sagt Cornelia Spitz, die Kreisredaktionsleiterin des Schwarzwälder Boten, „ich hatte einen deutlich knapperen Ausgang erwartet.“ Wie erklärt sie sich die unzuverlässigen Wahlprognosen? „Es ist wie hier auch. Wenn wir die Leute auf der Straße direkt fragen, dann wählt keiner AfD. Aber an der Wahlurne, da machen viele das Kreuz dann doch bei ihr.“

Spurensuche in einem verunsicherten Viertel
14,8 Prozent waren es im März vergangenen Jahres, die im Wahlkreis 54 bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg AfD gewählt haben. Der Spitzenwert von 42 Prozent der Stimmen für die Alternative wurde im Schilterhäusle erreicht, einem Stadtviertel zwischen Villingen und Schwenningen.

Stadtviertel? Wer zum ersten Mal ins Schilterhäusle kommt, dem vermittelt sich eher der Eindruck von isoliertem Randbezirk. Wohnblöcke mit vier Etagen, sehr schmale Einfamilienhäuser, keine Geschäfte, keine Restaurants. Städtebauliche Ideenlosigkeit. Seit wenige hundert Meter von hier entfernt das neue Zentralklinikum steht, wird auf freien Flächen am Rande des Viertels weiter gebaut; ob es am Charakter der Gegend etwas ändert, wird sich zeigen. Entstanden ist das Schilterhäusle in den 1990er Jahren, errichtet vor allem für Menschen aus Russland, die dort keine Zukunft mehr sahen und nach Deutschland auswanderten.

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Redaktion Schwarzwaelder Bote, Redaktionskonferenz am 9. November 2016

„Warum die AfD bei Spätaussiedlern punktet“ – unter dieser Überschrift veröffentlichte der Schwarzwälder Bote einige Tage nach der Wahl seine „Spurensuche in einem verunsicherten Viertel“. Von existenziellen Ängsten ist die Rede, vom Mangel an Vertrauen in die etablierte Politik. Der Autor berichtet, dass es russischsprachige AfD-Flyer gab und der Wahlkreiskandidat der Alternative sogar im russischen Fernsehen aufgetreten ist, um die Spätaussiedler zu erreichen.

Was ist konservativ, was ist rechts?
„Es ist für uns eine ständige Herausforderung, immer wieder zu prüfen, was hinter den Behauptungen der AfD steckt“, sagt Cornelia Spitz. Ist es wahr, dass ein Geflüchteter finanziell besser gestellt ist als ein deutscher Hartz-IV-Empfänger? Dass die Kriminalität in der Stadt gestiegen ist, seit die ehemalige französische Kaserne als bedarfsorientierte Erstaufnahmestelle dient? Dass hiesige Schüler nicht mehr vernünftig unterrichtet werden können? „Verallgemeinerungen durch saubere Recherche zu entlarven, das ist unsere Strategie.“

Einige Wochen vor der Landtagswahl hatte der Schwarzwälder Bote beide Direktkandidaten der AfD im Schwarzwald-Baar-Kreis zum Redaktionsgespräch eingeladen. Dialog, wie er auch mit Politikern anderer Parteien üblich ist. Ein paar Tage nach dem Termin rief einer der beiden Kandidaten in der Redaktion an: Er wolle sich distanzieren von den Äußerungen und der Art des Wahlkampfes, wie ihn der jüngere Parteikollege führe. „Das haben wir ebenfalls publiziert“, sagt Cornelia Spitz, „denn es zeigte, dass in der AfD durchaus keine Einigkeit darüber herrscht, was konservativ und was rechts ist.“

Überhaupt hält die 37-Jährige nicht viel davon, Ereignisse zu ignorieren. Auch nicht, wenn es sich um SBH-Gida handelt, den Schwarzwälder Ableger der Pegida. Er war in Villingen-Schwenningen so aktiv wie sonst nirgends in Baden-Württemberg. Ob das auch damit zu tun hat, dass seit 1980 ein Vertreter der deutschen Liga für Volk und Heimat im Stadtrat sitzt? Cornelia Spitz: „In gewisser Weise ist durch den NPD-Mann Jürgen Schützinger die Berührung mit der rechten Szene alltäglicher. Und es stellte sich dann auch heraus, dass SBH-Gida vor allem ein Sammelbecken für Rechte ist.“

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Mit einem mulmigen Gefühl
Auf dem Platz am Münster, der katholischen Hauptkirche Villingens, und in den ringsum liegenden Straßen und Gässchen demonstrierten sie im ersten Halbjahr 2015 regelmäßig: die Patriotischen Europäer. Und ihre Gegner: Linke, Antifa, Bürgerinitiativen. Eine beschaulich-gemütliche Innenstadt im Ausnahmezustand. Hundertschaften der Polizei, die das Gebiet abriegelten und die Demonstrierenden der verschiedenen Lager voneinander trennten. Gewaltbereitschaft rechts wie links.

Auch hier sei es der Anspruch des Schwarzwälder Boten gewesen, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen und mehr über die jeweiligen Argumente zu erfahren. Pauschalisierungen zu vermeiden, etwa die von der „guten Linken“ und der „schlechten Rechten“.

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Redaktionsleiterin Cornelia Spitz im Gespraech mit Nicola Schuee auf dem Münsterplatz

„Mit Vertretern der SBH-Gida ins Gespräch zu kommen, das war nahezu unmöglich.“ Martina Zieglwalner weiß, wovon sie spricht. Die 51-jährige Redakteurin hat über mehrere Monate die Demonstrationen besucht und denen zugehört, die vor der Menge gestanden und geredet haben. Menschen zeigten ihr den Mittelfinger, manchmal rempelte einer oder zischte: Lügenpresse. Sie hat versucht, außerhalb von Kundgebungen an Geschichten zu gelangen. „Sobald ich jemanden auf seine Nähe zu SBH-Gida angesprochen habe, fiel die Klappe. Selbst deren Pressesprecherin verweigerte jeden Austausch.“

Beschimpfungen am Redaktionstelefon und anonyme Schreiben häuften sich. Bei einer der Demonstrationen wurden dann Namen von Menschen ins Mikro gerufen, die die SBH-Gida als „ihre Gegner“ bezeichnete. Auch der von Martina Zieglwalner. „Wenn ich in den Wochen danach in der Dunkelheit über den Hof zum Auto gegangen bin, dann hatte ich schon ein mulmiges Gefühl.“

Gemeinderat bezog keine Stellung
Einer, der bei dieser Kundgebung ebenfalls als „Gegner“ genannt wurde, ist Nicola Schurr. Schurr ist Vorsitzender des Ortsvereins der SPD und Mitbegründer der Initiative „VS ist bunt“. Die entstand als Reaktion auf die rechten Kundgebungen – und mit dem Ziel, geflüchtete Menschen zu unterstützen und Integration zu fördern. Innerhalb von gerade einmal fünf Tage schlossen sich im Januar 2015 Kirchen, Gewerkschaften und Vereine zusammen und organisierten ihre erste Kundgebung. Bei der brachten sie rund 1.000 Menschen auf die Straße – zehn Mal mehr als Pegida-Anhänger.

Schurr sagt, ihn habe damals vor allem geärgert, dass der Gemeinderat nicht geschlossen gegen die Rechten Stellung bezogen habe. „Das hat in dieser Stadt leider Tradition. Der Nationalsozialismus ist nie aufgearbeitet worden, und nach wie vor wird der Infostand der rechtsradikalen Vereinigung Der III. Weg in der Innenstadt geduldet. So entsteht der Eindruck, dass fremdenfeindliche Gesinnung in Ordnung ist und irgendwie dazu gehört.“

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Cornelia Spitz sieht das ähnlich: „Viele Lokalpolitiker stecken den Kopf in den Sand. Sie müssten mehr mit den Bürgern reden und klar machen, welche Positionen sie vertreten.“ Das Redaktionsteam des Schwarzwälder Boten profitiert bei seiner Arbeit von der zivilgesellschaftlichen Initiative. „Ein so breites Bündnis mit vielen vernetzten Akteuren als Ansprechpartner zu haben, ist bei der Recherche extrem hilfreich.“

Schnell verengt sich der Blick
Anfang 2016 erlebte die Redaktion, dass Journalisten sich auch vergaloppieren können. In der Nacht auf den 29. Januar warfen Unbekannte eine Handgranate auf das Gelände der Flüchtlingsunterkunft. In den umliegenden Gebäuden schliefen zu diesem Zeitpunkt etwa 170 Geflüchtete. Die scharfe Granate detonierte nicht.

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Der Eingang zu den Gebäuden der Erstaufnahmestelle für Geflüchtete: Hier wurde im Januar 2016 nachts eine Handgranate geworfen, die zum Glück nicht detonierte

Sofort war die Rede von einem rassistisch motivierten Anschlag – der Schwarzwälder Bote berichtete entsprechend, wie nahezu alle Medien. Elf Tage später stellte sich heraus, dass der Anschlag von Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes verübt worden war. Und nicht den Geflüchteten galt, sondern der konkurrierenden Security. „Da habe ich gemerkt, wie schnell wir mit Zuordnungen bei der Sache sind“, sagt die Redaktionsleiterin, „und wie sich im Handumdrehen der eigene Blick verengt.“

Wie ist das mit dem wichtigsten Werkzeug der Journalisten, der Sprache: Wie verhindert man im schnell drehenden lokalen Alltagsgeschäft, dass sie eng und stereotyp wird? „Wir reflektieren mehr als früher“, sagt Cornelia Spitz, „und diskutieren immer wieder über Begriffe und ihre mögliche Wirkung.“ Ist jeder Teilnehmer an einer Demo der SBH-Gida ein Rechtspopulist? Was sagt das Etikett Wutbürger aus? Ist ein Rechtspopulist automatisch Nazi? Der AfD-Wähler ein Modernisierungsverlierer? „Wir transportieren über jeden einzelnen Beitrag Bilder, Urteile und Einordnungen. Da braucht es die Fähigkeit, Position zu beziehen ohne pauschal auszugrenzen.“ Und das, obwohl der Ton wütender, Beschimpfungen alltäglicher und das Feindbild des Journalisten populär geworden sind? „Gerade deshalb.“

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Ihr Journalisten bedient das System
Als Korrektiv zu den Sozialen Medien spielt der klassische Journalismus für Spitz ebenfalls eine wichtige Rolle. Auch der Schwarzwälder Bote hat ein Facebook-Profil – anders sind vor allem jüngere Zielgruppen kaum zu erreichen. „Aber seriöse Berichterstattung lässt sich nur über diesen Kanal nicht betreiben.“ Die extreme Dynamik, mit der sich falsche Meldungen in den sozialen Medien verbreiten, hält Cornelia Spitz ebenso wie ungestrafte Hetzerei für extrem gefährlich. „Da wird ohne Sinn und Verstand geteilt, geliked und geglaubt. Und im Handumdrehen wird aus einer Lüge die Wahrheit.“

Wie beispielsweise die Behauptung, Flüchtlinge hätten in Schwenningen Zelte in Brand gesteckt, weil sie mit ihrer Unterbringung unzufrieden gewesen seien. Großaufgebote der Polizei und der Feuerwehr hätten ausrücken müssen. Die Empörung im Netz kochte hoch. Als die Redakteure tags drauf recherchierten, stellte sich schnell heraus, dass weder Polizei noch Feuerwehr etwas von ihrem Einsatz wussten. Auf die entsprechende Berichterstattung reagierten manche mit dem Vorwurf: Ihr Journalisten bedient ja sowieso nur das System. Wie ist Cornelia Spitz zumute, wenn sie mit so viel Misstrauen konfrontiert wird? „Ich werde wütend, wenn ich keine Chance auf sachlichen Austausch bekomme. Und gleichzeitig stachelt es meine Motivation an. Ich will wissen: Wo ist der Anlass für den Ärger, den viele Menschen grad haben.“

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Rund um die Gebäude der Erstaufnahme steht ein Zaun. Bürger haben hier „Zaunkunst“ initiiert: Bilder von Betroffenen, die auf einfache und berührende Weise Aspekte von Flucht thematisieren.

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Videomaterial von unserem Tag in der Redaktion des Schwarzwälder Boten finden Sie hier.

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