Politik braucht Geschichten, die von konkreten Werten handeln

Dr. Elisabeth Wehling forscht zu Werten, Sprache und Kognition an der Universität Berkeley in Kalifornien. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie das Buch „Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“. Was sagt die Wissenschaftlerin zu Sprache und Politik, zur AfD, zu etablierten Parteien und zu alternativen Fakten?

Interview: Iris Hobler

Frau Wehling, Donald Trump ist jetzt seit wenigen Wochen Präsident. Ist er in seiner Art des Auftritts und der Sprache dem Wahlkämpfer Trump treu geblieben?
Ja, das ist er ohne Frage. Frei nach dem Prinzip don’t fix what’s not broken! Seine Rhetorik bleibt spaltend und autoritär. Der Wahlkampf hat ihm gezeigt, dass viele Amerikaner diese Herangehensweise an die Politik befürworten.

Was sagen Sie zu den „alternativen Fakten“?
Eine typische Nebelkerze Trumps, ebenso wie die Debatte um Besucherzahlen bei der Inauguration. Leider fallen viele Medien darauf herein. Tagelang wird öffentlich breit über diese Themen diskutiert, und Trump macht im Hintergrund weiter seine Politik. Er reduziert die Mittel für Frauengesundheit weltweit, er dreht die Gesundheitsversorgung für Amerikaner zurück, er nimmt Obamas Entscheidung gegen die Keystone-Pipeline zurück. Das sind die Inhalte, die in den Medien viel stärker diskutiert werden sollten.

Trump lenkt also erfolgreich ab?
Sicher, er und seine Berater wissen genau, dass alternative Fakten nichts anderes sind als Lügen. Es wäre dumm anzunehmen, dass ihnen ein Versehen unterlaufen ist oder es irgendein sprachlicher Lapsus war.

Sie sagen, dass viele Politiker naiv mit der eigenen Sprache umgehen…
Weil sie oft so tun, als seien Inhalte von der Sprache getrennt. Wer politisch tätig ist, muss sich bewusst sein, dass Sprache genauso Teil des politischen Auftrags ist wie das Entwickeln von Maßnahmen. Die Politik konzentriert sich oft sehr auf die Inhalte. Tatsächlich beginnt jedes politische Programm mit Ideen und also mit Sprache.

Hat eine Partei wie die AfD das besser verstanden?
Die Politikerinnen und Politiker der Alternative sprechen klarer über Werte als etwa Sozialdemokraten, Christdemokraten, Liberale oder Grüne. Das ist übrigens nicht nur in Deutschland so. Auch in anderen Ländern Europas sind die Werte, die der politischen Gestaltung zugrunde liegen, bei vielen Parteien des Mainstream und bei den Populisten relativ gleich. Aber die Populisten sind diejenigen, die ihre Werte öffentlich viel klarer und konkreter formulieren.

Und damit setzen sie sich in den Köpfen der Menschen besser fest?
Ja, sie setzen ihre Framings deutlich gezielter ein.

Da kommt Ihre Disziplin ins Spiel, die Kognitionsforschung. Was genau bedeutet Framing?
Sobald wir Menschen ein Wort hören, aktiviert unser Gehirn Schaltkreise, die sogenannten Frames. Nun ist das Hirn so beschaffen, dass es sich dann freut, wenn Fakten gut in diesen Frame hineinpassen. Bei allen Fakten, die nicht hineinpassen, bockt das Gehirn. Dieser Prozess läuft automatisch, er kann nicht ein- oder abgeschaltet werden. Wir können nicht ohne Frames denken. Das ist unspektakulär, wenn wir uns über Katzen unterhalten oder den Bausparvertrag. Interessant wird es bei politischen Diskussionen. In ihnen werden Fakten nämlich verschieden interpretiert – und dann sollte man sich klar sein, welche Worte man wählt, weil sie es sind, die bestimmte Frames aktivieren.

Haben Sie ein Beispiel für einen Frame der AfD?
Die Geschichte von der Diktatur der Eliten ist so einer. Er besagt, dass die Demokratie am Boden läge, die Lügenpresse das Volk in die Irre führe und die Altparteien sich weit vom Bürger entfernt hätten. Dass alle sogenannten etablierten Politiker von den Bürgern demokratisch in ihre jeweiligen Positionen gewählt wurden, das wird dabei komplett ausgeblendet. Aber die Geschichte von Ungerechtigkeit und Unterdrückung funktioniert gut.

Was wäre ein kluger Umgang mit einem solchen Frame?
Auf keinen Fall aufgreifen und innerhalb des Frames dagegen argumentieren. Denn egal, ob Sie einen Frame bejahen oder verneinen – er wird immer wieder aktiviert und setzt sich in den Köpfen fest.

Man sollte sich also davor hüten, in einer Talkshow mit historischen Fakten zu belegen, warum die Diktatur der Eliten unsinnig ist?
Unbedingt. Da verheddert man sich nur. Stattdessen braucht man die eigene, klare Geschichte. Eine Geschichte, die von konkreten Werten handelt. Viel zu oft geht es um Fakten und Zahlen oder um abstrakte Ideen. Da wird dann gesagt: Wir stehen für Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Das sind keine Werte, sondern Leerformeln. Was ist Freiheit? Die Freiheit der Unternehmen, den Bürgern alles zu verkaufen? Oder die Freiheit, den Konsumenten vor Schadstoffen im Essen zu schützen? Sich abstrakte Ideen auf die parteipolitische Flagge zu schreiben, bringt rein gar nichts. Da sind die Populisten viel konkreter. Wir wollen keine Fremden. Wir halten Disziplin hoch. Oder wie Trump: America first. Das Eigeninteresse hochzuhalten, das funktioniert gerade richtig gut, auch in Europa.

Bleiben da möglicherweise die Fakten auf der Strecke?
Wir schauen im Wesentlichen alle auf die gleichen Fakten, unabhängig von der politischen Ausrichtung. Framing bedeutet, die unterschiedlichen ideologischen Perspektiven, die wir auf Fakten haben, wahrnehmbar zu machen. Und die Handlungsvorschläge, die wir daraus ableiten, in ein gutes Narrativ zu übersetzen. Die Politik muss sich mit ihrem moralischen Bauchgefühl begreifbar machen und den Menschen die Chance zu geben, sich zu identifizieren.

Gibt es hierzulande Politiker des – wie Sie es nennen – Mainstream, denen es gut gelingt, die Menschen zu erreichen?
Da ich die Linke mittlerweile ebenfalls zum Mainstream zähle, ist Gregor Gysi der Politiker, der mir da zuerst einfällt. Er kann in zwei Minuten wunderbar formulieren, wie Menschlichkeit und Grundwerte mit einer bestimmten Form der Flüchtlingspolitik zusammenhängen. Das gilt auch für Katja Kipping. Beide verstecken sich weniger hinter Floskeln und verheddern sich weniger im Politsprech. Beide sind moralisch bei sich und bringen das auch rüber. Damit tut sich beispielsweise die SPD viel schwerer.

Gilt das auch für den neuen Kanzlerkandidaten Martin Schulz?
Martin Schulz ist authentisch. Wir wissen aus der Kognitions- und Ideologieforschung, dass Authentizität unglaublich wichtig ist, um Wähler zu erreichen. Nun wird es darauf ankommen, den Wahlkampf zu nutzen, um das Weltbild der SPD wieder greifbarer zu machen. Denn im ersten Schritt ist Framing ein ideologischer Klärungsprozess: das eigene  politische Denken auf Herz und Nieren zu prüfen. Sich danach zu fragen: Ermögliche ich es den Menschen, meine politischen Werte zu verstehen? Erst dann folgt die Sprache: Wie bringe ich meine eigenen moralischen Überzeugungen klar rüber?

Drei Landtagswahlen und die Bundestagswahl stehen in diesem Jahr in Deutschland an – was empfehlen Sie Politikern?
Die moralischen Prämissen ihrer Politik so aufzubereiten, dass sie erzählt werden können. In demokratischen und progressiven Geschichten, mit Frames von Empathie und Miteinander, gegenseitiger Befähigung und Schutz.

Außerdem sehe ich die Chance, sich jetzt ehrlich zu machen und systemische Ursachen in einer Langzeitplanung anzugehen. Denn die Politik hat einiges versäumt: beispielsweise Unternehmen und Wirtschaft zu regulieren, für faire globale Bedingungen zu sorgen, ernsthaft etwas gegen die Klimakatastrophe zu tun.



wehling_titelElisabeth Wehling lehrt und forscht an der University of California in Berkeley. Ihr Buch Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht ist 2016 erschienen. Darin zeigt die Linguistin auf, wie Sprache die Politik bestimmt.

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