Cola Taxi Okay

Einen Ort müsste es geben, der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft einlädt …Einen Ort, der sie ermutigen würde, eigene Ideen zu realisieren … Einen Ort, an dem Platz wäre für Kreativität und Begegnung …

Text: Iris Hobler. Fotos: Larissa Mantel

Solche Gedanken gehen der Studentin Larissa Mantel durch den Kopf, als sie im Sommer 2016 im Karlsruher Flüchtlingsheim ehrenamtlich mit Kindern malt und bastelt. Und je mehr Menschen sie dort, an der Kriegsstraße 200, kennenlernt, desto mehr wird aus „müsste“,„würde“, „wäre“: Wir tun das jetzt!

Den letzten Schubs gibt ein Fußballnachmittag. Larissa und Freunde organisieren ein privates Public Viewing, und viele Bewohner des Heims sind mit dabei. Mohammed, der in Syrien einen Falafelladen hatte, bringt alles mit, um für die Zuschauer Kichererbsen-Bällchen zuzubereiten. „Bei Mohammeds Eigeninitiative ist mir klargeworden, dass wir keine Ideen für tolle Projekte mit Geflüchteten entwickeln müssen“, sagt Larissa Mantel, „sondern dass einfach ein Ort mittendrin im Leben der Stadt fehlt. Ein Raum, in dem sich die alten und die neuen Karlsruher Bürgerinnen und Bürger treffen können und miteinander Aktionen planen und umsetzen.“

Sie ist nicht die Einzige, die das so sieht. Gemeinsam mit Gleichgesinnten bewirbt sich Larissa beim Programm Vielfalt gefällt! Orte des Miteinanders. Mitte August trifft die Zusage ein, Anfang September beginnt die Förderung. „Wir hatten also zwei Wochen Zeit, um einen Raum zu finden.“ Zwei Wochen, in denen Larissa täglich mögliche Orte in Karlsruhe abklappert. Zuerst versucht sie, potenzielle Vermieter von der Idee des Flüchtlingsprojektes zu überzeugen. Die meisten reagieren eher verhalten bis skeptisch. Deshalb spricht sie bald nur noch von einem Kulturprojekt.

Keine Liebe auf den ersten Blick

In der letzten Augustwoche erhält sie den Zuschlag für einen Raum in der Kaiserpassage, inmitten der Karlsruher City. Ein rund 100 Quadratmeter großer länglicher, kahler Schlauch mit kühl-funktionaler Beleuchtung. Es ist nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick. Trotzdem, beim ersten Treffen sprudeln die Ideen: von mehr als 60 Menschen – die eine Hälfte Geflüchtete, die andere Hälfte junge Bürger der Stadt.

In einem Workshop, den zwei Produktdesignerinnen der Uni Karlsruhe leiten, entwickeln einige der Aktiven Vorschläge für das Mobiliar. Anschließend bauen sie alle Möbel gemeinsam. Larissa, die gerade in der Endphase ihres Kommunikationsdesign-Studiums ist, gestaltet das visuelle Erscheinungsbild des Raumes. Parallel entstehen Webseite und Facebookauftritt. Und das Projekt bekommt einen markanten Namen: COLA TAXI OKAY. „Die Idee dahinter ist einfach“, sagt Larissa. „Wir haben 750 Wörter gesammelt, sogenannte Internationalismen. Sie bestehen alle aus vier Buchstaben und wahrscheinlich verstehen die allermeisten Menschen auf der Welt sie.“ Die Liste reicht von Amen, Beat, Club oder Demo bis zu Wrap, Yoga und Zoom. Jede künftige Aktion wird einen Namen bekommen, der aus drei dieser Vier-Buchstaben-Wörter besteht.

Rezepte per WhatsApp

MAKE MOMS FOOD ist so ein Aktionsname. Die Idee dazu hat Jehad Othman. Der 25-Jährige lebt seit 2014 in Karlsruhe. Er holt gerade sein Fachabitur nach; die drei Semester Elektrokommunikation, die er in Damaskus studiert hat, sind hier nicht anerkannt worden. „Was Mama zuhause kocht, ist etwas Besonderes“, sagt Jehad. „Ich wollte, dass Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen, Essen aus anderen Kulturen zubereiten und dabei ins Gespräch kommen.“ Jehad kann allerdings nicht selbst kochen. Deshalb lässt er sich die Rezepte für Weinblätter, Hummus und Salate von seiner Mutter, die nach wie vor in Damaskus lebt, per WhatsApp schicken. Zur Premiere von MAKE MOMS FOOD im Januar 2017 kommen rund 70 Menschen. Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre jung. Jehads Augen leuchten immer noch, wenn er von dem Abend erzählt, an dem unter seiner Anleitung ein syrisches Buffet entsteht. „Es hat gutgetan, etwas von meiner Kultur zu vermitteln, das mehr ist als Krieg und Flucht“, sagt er.

Kooperationen mit Kunsthalle und Agentur für Arbeit

Ein Grundprinzip von COLA TAXI OKAY: Jeder, der eine gute Idee hat, kann den Raum und das wachsende Netzwerk nutzen. So organisiert das Karlsruher „Kino ohne Grenzen“ von hier aus seine Filmvorführungen. Jeden Sonntagnachmittag treffen sich im BEST CITY CAFÉ Menschen, die neue Aktionen planen, Kontakte suchen oder ganz praktische Hilfen für den Alltag benötigen. In Zusammenarbeit mit der Kunsthalle und dem Staatstheater der Stadt ist im Frühsommer ein Theaterstück entstanden, in dem sich 20 junge Menschen aus verschiedenen Nationen mit dem Motiv „Reise“ auseinandersetzen: MOVE BASE STAY. Und eine Kooperation mit der Agentur für Arbeit – Aktionsname FIND NEXT STEP – hatte zum Ziel, junge Menschen und Jobangebote zusammenzubringen. „Es ist toll, dass wir mittlerweile auch etablierte Partner haben und uns in Karlsruhe immer mehr vernetzen“, sagt Larissa Mantel.

Nächstes Ziel: Honorare zahlen

Ein Jahr lang wurde COLA TAXI OKAY durch das Programm Vielfalt gefällt! der Baden-Württemberg Stiftung finanziert; jetzt sind Larissa Mantel und ihre Mitstreiter auf der Suche nach neuen Fördermöglichkeiten. Die sollten es dann auch erlauben, Honorar für die Projektleitung, für Übersetzungen oder Redner zu zahlen. Zurzeit läuft all das überwiegend auf ehrenamtlicher Basis. Larissa schätzt, dass ihr Engagement seit Projektbeginn den Umfang einer Halbtagsstelle hat. Das funktioniere, weil sie als freiberufliche Grafikerin auch mal Nachtschichten einlegen könne. Trotzdem, COLA TAXI OKAY loslassen will sie nicht. „Ich sehe, dass wir mit diesem Ort tatsächlich etwas bewirken. Aus einer Idee ist etwas Handfestes geworden. Das macht mich auch ein bisschen stolz.“

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