Endlich frei

In Baden-Württemberg verletzt sich jeder fünfte Jugendliche regelmäßig selbst. Celine war eine von ihnen. Frau Hummel hat ihr geholfen. Die Sozialpädagogin hat eine Fortbildung besucht. Drei Perspektiven …

Text: Anette Frisch. Foto: Christian Mader

Celine heißt tatsächlich Celine. Sie hat sich an ihrer Schule bei Cornelia Hummel Hilfe geholt.

Celine, 15, Schülerin
„Ich ritze mich nicht mehr, das ist alles Vergangenheit. Letztes Jahr war ich noch mittendrin. Ich wusste eigentlich die ganze Zeit, warum ich das mache. Ich habe mich nicht wohl gefühlt in meiner Haut. Und immer das Gefühl gehabt, ich kann nichts, ich mache alles falsch. Da war immer dieser Druck, etwas schaffen zu müssen. Ich dachte, ich muss irgendwas machen, damit andere stolz auf mich sind. Ich war immer eine gute Schülerin, aber ich dachte, ich müsste noch besser sein.

Mit dem Ritzen geht der Druck schnell weg. Ich nehme mir was, mit dem ich mich schnell verletzen kann und mach’ es einfach. An den Armen, das sieht man nicht so schnell. Danach hatte ich ein schlechtes Gewissen meiner Familie gegenüber. Ich wollte es nicht mehr machen, das hat dann aber nicht geklappt. Ich habe mich einsam gefühlt. Und das hat die ganze Situation schlimmer gemacht. Meine Zwillingsschwester hat die Wunden irgendwann entdeckt und versucht, mich davon wegzukriegen. Sie wollte mit mir sprechen, aber ich habe komplett geblockt. „Lass mich in Ruhe, das geht dich nichts an!“, habe ich sie angebrüllt. Irgendwann hat sie es meiner Mutter gesagt. Meine Mutter war nicht sauer, aber schon irgendwie traurig und von sich enttäuscht, dass sie es nicht gemerkt hat. Sie dachte, es sei alles in Ordnung. Ich bin dann zu Frau Hummel gegangen. Meine Freundinnen haben mich begleitet. Ich habe tolle Freundinnen! Ich liebe sie! Sie sind mein Ein und Alles! Ich glaube, ohne sie wäre ich nicht so gut durch die Zeit gekommen. Frau Hummel und ich haben ein paar Termine gemacht. Ich habe angefangen zu reden. Das tat richtig gut!

Klar, ich habe immer mal wieder Druck, aber ich gehe jetzt anders damit um. Ich laufe nicht ins Zimmer und schließ mich ein, um mich zu ritzen. Ich telefoniere mit einer Freundin oder gehe zu meiner Schwester. Und ich fahre Longboard. Damals, als es mir so schlecht ging, bin ich oft damit gefahren, so schnell ich konnte. Einfach raus aus der Atmosphäre. Ritzen ist eine Krankheit. Die muss behandelt werden. Wenn man Schnupfen hat, geht man auch zum Arzt. Wenn man das nicht macht, kann es schlimmer werden. Und am Ende ist man vielleicht tot, weil man sich zu tief geschnitten hat. Deshalb spreche ich offen darüber. Ich möchte verhindern, dass irgendjemand stirbt. Vielleicht hilft es jemandem, der das Problem hat und das hier liest. Das ist meine Hoffnung. Reden ist wichtig. Man darf das nicht in sich hineinfressen.“

 

Cornelia Hummel hat an einer Fortbildung der Ulmer Klinik für Kinder- und Jugend-psychiatrie teilgenommen, in der es um selbstverletzendes Verhalten und Selbstmord-gedanken von Jugendlichen ging

Cornelia Hummel, 52, Sozialarbeiterin der sozialpädagogischen Beratungsstelle für Schüler, Lehrkräfte und Eltern
Ritzen gehört ja schon ein bisschen zum Schulalltag. Jeder fünfte Schüler verletzt sich, wobei es mehr Mädchen als Jungs sind. Als Celine zu mir kam, haben wir erst einmal miteinander gesprochen. Meine Intention ist es, recht schnell mit den Schülerinnen und Schülern in ein Nachdenken zu kommen: Was tut dir gut? Wo hast du Ressourcen? Dann ändert sich das Selbstbild langsam und die Bereitschaft steigt, vom Ritzen abzulassen. Bei Celine ging das recht schnell.

Im März 2016 war ich in Mannheim beim Workshop der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm. Ich finde es gut, dass die Ulmer mit ihrem Angebot auf die Schulen und Lehrer zugegangen sind. Denn wir erleben die Jugendlichen ja sechs bis acht Stunden am Tag. Wir können viel zur Prävention beitragen, weil wir frühzeitig einschreiten können.

Wir haben in den zwei Tagen viel praktisch geübt, zum Beispiel in Rollenspielen. Gerade in Situationen, in denen ein suizidaler Mensch vor einem sitzt, ist es schwierig. Wie soll man sich verhalten? Man muss lernen, diese Scheu abzulegen. Denn es ist wichtig, konkrete Fragen zu stellen wie: „Hast du Pläne?“, „Hast du konkret schon etwas unternommen?“ oder „Wer weiß davon?“. Ich kann die Fortbildung uneingeschränkt empfehlen. Sie
ist eine gute Mischung aus theoretischem Grundlagenwissen und

 

Prof. Dr. Paul Plener ist mit seinem Team für das Projekt „4S“ verantwortlich, das die Baden-Württemberg Stiftung fördert.

Warum verletzen sich Jugendliche ausgerechnet im Übergang zum Erwachsenenalter? Paul Plener: Mit 14, 15, 16 Jahren passiert im Körper junger Menschen neurobiologisch und hormonell sehr viel. Einerseits erleben sie Gefühle stärker, andererseits können sie ihre Emotionen noch nicht gut regulieren. Sie sind verletzlicher.

Eine Verletzlichkeit, die sich im Ritzen äußert? Ja, das kann passieren. In der Regel geht es Jugendlichen darum, intensive negative Gefühle wie Wut oder Trauer abzubauen. Jugendliche ritzen sich die Haut, um für einen Moment Erleichterung zu erfahren.

Es geht also nicht darum, sich umzu-bringen? Nein. Um einen Suizidversuch zu begehen, muss man eine gewisse Schwelle überschreiten. Denn der Wunsch zu leben ist tief im Menschen verankert. Wir wissen, dass diese Schwelle durch sich häufig wiederholende Selbstverletzung manipuliert wird. Das heißt, je häufiger sich Ju-gendliche verletzen, desto höher ist das Risiko, dass sie später einen Suizidversuch unternehmen. Es ist also wichtig, diesen Kreislauf frühzeitig zu beenden.

Und deshalb sind Sie mit Ihren Fortbil-dungen an Schulen gegangen … Ja. Die Schule ist oft der erste Ort, an dem Selbstverletzungen bemerkt werden. Doch Lehrkräfte wissen zum Teil wenig über selbstverletzendes Verhalten oder Suizidalität. Deshalb haben wir unser Programm für das Schulpersonal und die präventive Arbeit konzipiert.

Was machen Sie genau? Wir bieten zweitägige Fortbildungen an Schulen an, begleiten die Pädagogen aber auch über den Workshop hinaus. Beispielsweise beraten wir sie, wie sie an ihrer Schule bei einem Fall konkret vorgehen. Außerdem erreichen uns die Lehrkräfte über ein Hilfetelefon.

Und, kennen sich die Lehrerinnen und Lehrer nach den Workshops besser mit selbstverletzendem Verhalten aus? Ja. In den vergangenen zwei Jahren haben wir 447 Pädagogen ausgebildet und das Programm wissenschaftlich ausgewertet. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die Teilnehmer nach den Workshops signifikant mehr wissen. Auch nach sechs Monaten war ihnen das Gelernte noch präsent. Inzwischen wird unser Angebot von vielen Schulen in Baden-Württemberg genutzt.

Hat die Zahl der sich selbst verletzen-den Kinder und Jugendlichen eigent-lich zugenommen? Das ist wissenschaftlich betrachtet nicht zu beantworten. Einfach deshalb, weil die empirische Forschung sehr jung ist. 2002 erschien in Kanada die weltweit erste Studie, in Deutschland sogar erst 2006. Wenn man sich allerdings bei Lehrerinnen und Lehrern umhört, die länger im Geschäft sind, gibt es eine Tendenz, nämlich, dass selbstverletzendes Verhalten deutlich zugenommen hat.

Auch wenn die wissenschaftliche Basis fehlt – haben Sie eine Idee, warum das so ist? Derzeit untersuchen wir den Einfluss sozialer Medien auf selbstverletzendes Verhalten. Wir versuchen nachzuvollziehen, wie sich das Teilen von Fotos, zum Beispiel bei Instagram, auswirkt. Zumindest können wir empirisch nachweisen, dass Posts von Bildern, die Wunden zeigen, zu mehr Kommentaren und Likes führen. Je schwerer die Wunde, je tiefer die Schnitte, desto mehr Reaktionen gibt es darauf. Hier besteht meiner Meinung nach die Gefahr, dass sich Jugendliche von den Bildern anstecken lassen.

Trotz der besorgniserregenden Ent-wicklung kommt das Thema im Ausbil-dungsplan von Lehrkräften nicht vor. Ist das ein Versäumnis? Ich denke ja. Das spiegelt im Übrigen auch unsere generelle Erfahrung wider, dass psychische Belastungen von Kindern wenig Platz in den Ausbildungsplänen haben. Insbesondere in Deutschland, wo die Selbstverletzungs- und Suizidalitätsraten hoch sind, erscheint eine Fortbildung wie 4S deshalb dringend notwendig.

 


Wenn du dich betroffen fühlst, kannst du dich an folgende Stellen wenden: Bei Youthlifeline (www.youth-life-line.de) helfen dir Jugendliche persönlich und anonym per Mail. Und unter den kostenlosen Rufnummern der Telefonseelsorge bekommst du telefonisch Hilfe: 0800 1110111 oder 0800 1110222


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