Simulieren geht über studieren

Dr. Anne Herrmann-Werner ist Leiterin des Tübinger DocLabs, und entwickelt dort Schulungsmodule für angehende Ärzte. Ihr neuestes Projekt unterstützt Gespräche mit vorinformierten Patienten.

Text: Cornelia Zeiger. Fotos: Ralf Klohs

Vom Gelände der Kliniken Berg am Tübinger Schnarrenberg aus hat man eine wunderbare Aussicht. Unten im Tal liegt friedlich die Stadt, dahinter sieht man bis zur Schwäbischen Alb. Gleich neben dem DocLab grasen Schafe. Im Gebäude mit Blick ins Grüne sitzt Patientin Jutta M. einer Ärztin gegenüber und klagt über starke Knieschmerzen. Sie befürchtet, eine Arthrose zu haben und sich einer größeren Operation unterziehen zu müssen.

Im Simulations-Notarztwagen SIMON üben angehende Ärzte, wie sie Patienten auf dem Weg ins Krankenhaus behandeln können

Die Liste der Krankheiten, die Jutta M. in den letzten elf Jahren schon hatte, ist lang. Meist ereilt sie jede Woche ein anderes Übel: von Arthrose über Herzrhythmusstörungen und Unterbauchschmerzen bis hin zu Leukämie. Frau M. leidet nicht etwa unter Hypochondrie. Sie ist Simulationspatientin und spielt angehenden Ärzten eine Krankheit täuschend echt vor, damit diese den Umgang mit Patienten üben können. Der gelernten Physiotherapeutin macht dieser Nebenerwerb großen Spaß. Das Drehbuch zu ihrer Patientenrolle schreibt Jutta M. manchmal vor, in Tränen auszubrechen, wenn sie erfährt, dass sie Krebs hat. Manchmal soll sie sogar aggressiv werden. Im Projekt von Dr. Anne Herrmann-Werner, die ihr gerade gegenübersitzt, spielt sie aktuell die Rolle einer Patientin, die sich vor dem Arztbesuch im Internet schon eingehend über ihre Symptome informiert und Krankheitsbilder mit ihren Symptomen abgeglichen hat – sie tritt als sogenannte E-Patientin auf.

Die vorinformierte Patientin spielt sie wie all ihre Rollen mit großer Überzeugung und viel Ehrgeiz. Deshalb setzt Dr. Herrmann-Werner sie auch für ihr neuestes Projekt ein. Dazu dreht die Medizindidaktikerin ein Vortragsvideo und mehrere Schulungsvideos, die sie anschließend mit angehenden Ärzten im Praktischen Jahr in einer Pilotstudie ausprobieren möchte. Mithilfe der Videos möchte sie die Kommunikation zwischen Arzt und Patient verbessern und Ärzten die Grundprinzipien im Umgang mit E-Patienten vermitteln. Diese Kompetenz werde immer wichtiger, findet sie. Natürlich sehen das nicht alle Ärzte so: Eine Umfrage aus dem Jahr 2016 zeigt, dass viele ihrer Kollegen den Umgang mit vorinformierten Patienten kritisch einschätzen und als Belastung empfinden.

Zuhören zahlt sich aus

Voraussetzung für ein gelingendes Gespräch mit dem Patienten ist erst einmal die wertschätzende Grundhaltung des Arztes. Er sollte sich darüber freuen, dass sein Patient sich für seine Gesundheit interessiert und selbst aktiv am Diagnoseprozess teilhaben will. „Ihm zuhören, ihn ernst nehmen und seine recherchierten Informationen gemeinsam mit ihm bewerten, all das kostet natürlich Zeit, schafft aber auch Vertrauen“, ist Herrmann-Werner überzeugt. „Ich denke, dass es sich unterm Strich auszahlt, diese Zeit am Anfang zu investieren und dafür zu sorgen, dass der Patient sich gut aufgehoben fühlt.“ Sie weiß genau, wovon sie spricht, schließlich ist sie neben ihrer Arbeit im DocLab auch noch praktizierende Oberärztin in der Psychosomatik.

Patient wird zum „Junior-Doktor“

Sie sieht in der Zukunft der Medizin ein Arzt-Patienten-Verhältnis auf Augenhöhe: mit Kranken, die selbstverständlich digitale Medien nutzen, um sich über Symptome und Heilungsmethoden zu informieren. Und mit Ärzten, die ihre Patienten gleichberechtigt als „Junior- Doktoren“ behandeln, die dem Arzt zuarbeiten – als kompetente Experten in Bezug auf ihre eigenen Körper. Die Schulungsvideos sollen einen Beitrag dazu leisten, dass Ärzte ihre kommunikativen Kompetenzen ausbauen. Das Modul, das Dr. Herrmann-Werner gerade entwickelt, wird nach der Testphase fest im Lehrplan an der Universitätsklinik Tübingen verankert.

Im Simulations-OP wird unter sterilen Bedingungen geübt

Sollte man als Patient überhaupt googeln? „Ja, unbedingt“, sagt die Medizindidaktikerin, „die Patienten sollen sich gern selbst im Netz informieren, das ist in unserer digitalisierten Welt sowieso nicht mehr wegzudenken.“ Wichtig ist ihr aber, dass Patienten wissen, wo sie sich im Netz gute medizinische Informationen beschaffen können. Zum einen sind nicht alle Quellen seriös, zum anderen stehen oft Pharmakonzerne mit ihren Interessen hinter medizinischen Informationsseiten, die keine objektive Sichtweise einnehmen. Eine kritische Bewertung der digitalen Quellen ist für Dr. Herrmann-Werner unerlässlich und diese Bewertung nimmt sie auch gern im Gespräch mit dem Patienten gemeinsam vor. „Was auf dem Tisch ist, damit kann ich arbeiten. Die Patienten sollen mir ruhig erzählen, was sie für Informationen aus dem Netz gezogen haben. Viel schlimmer ist es doch, wenn sie mir wichtige Dinge verschweigen, zum Beispiel dass sie ein Medikament eigenständig abgesetzt haben“, erklärt sie. Ein langer Tag im DocLab geht zu Ende, die Videos sind abgedreht, die Schafe haben sich satt gefressen und sind weiter gezogen. Dr. Herrmann-Werner hängt ihren Kittel auf und ist froh, dass sie diesen wichtigen Teil ihres Projekts im Kasten hat. Nun geht es zu ihren beiden Kindern nach Hause. Sie freut sich schon auf die jungen Ärzte im praktischen Jahr, mit denen sie ihr Modellprojekt bald ausprobiert. Auch Jutta M. wird dabei wieder zum Einsatz kommen, Krankheiten simulieren und die vorinformierte Patientin spielen. Sie hofft, dass die angehenden Ärzte nach der Schulung durch Dr. Herrmann-Werner sehr positiv auf ihr im Netz gefundenes medizinisches Wissen reagieren und sie als E-Patientin ernst nehmen werden.

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