Kampf um den Arztkittel

Mawada ist acht Jahre alt und gerade auf dem Weg zu ihrer Schule in der sudanesische Hauptstadt Karthum, als ihre unbeschwerte Kindheit mit einem Schlag endet. Bei einem Verkehrsunfall wird sie so stark verletzt, dass sie sich über Jahre immer wieder Operationen unterziehen und teilweise lange Zeit an Krücken gehen muss. Sie ist mit ihren Cousins auf dem Heimweg von der Schule, als ein Auto sie erfasst und zweimal über ihren Fuß fährt. Im Krankenhaus sagt man ihr, dass sie für ein komplettes Schuljahr ausfallen wird, aber dank der Unterstützung ihrer Familie sitzt sie drei Monate und fünf Operationen später wieder auf der Schulbank. „Never give up“, „Niemals aufgeben“, das wird damals zu ihrem Motto.

Nach dem sechsten Eingriff, Mawada ist mittlerweile 16, bekommt sie Gehhilfen, auf denen der Schriftzug „Made in Germany“ steht. Die Krücken sind besser als alle anderen davor, aber Deutschland? Von diesem Land hatte sie noch nie gehört. Sie setzt sich an den Familiencomputer, recherchiert und liest viel über dieses Deutschland – über die florierende Wirtschaft, über die deutsche Pünktlichkeit und über Goethe. Dass die medizinische Ausbildung dort sehr gut ist, interessiert die wissbegierige Schülerin besonders, denn zu diesem Zeitpunkt weiß sie schon lange, dass sie Ärztin werden will.

Schicksal als Chance

Mit 17 Jahren beginnt Mawada, in der sudanesischen Hauptstadt Khartum Zahnmedizin zu studieren. 2011 ist es dann endlich so weit: Im Rahmen eines studentischen Austauschs reist sie zum ersten Mal nach Deutschland. Sie verbringt einen Monat in Erlangen und nimmt Kontakt zu Professor Michael Kirschfink aus Heidelberg auf, den sie in Khartum über die International Association of Dental Students kennengelernt und der ihr seine Hilfe angeboten hatte. „Als ich zum ersten Mal dort war, habe ich wie Goethe mein Herz an Heidelberg verloren“, sagt die junge Frau lächelnd.

Einfach war es nicht, nach Deutschland zu kommen. Die Deutsche Botschaft im Sudan weigert sich zunächst, Mawada ein Visum zu geben. Die Begründung empfindet die Studentin als fadenscheinig. Sie legt Beschwerde ein, erläutert auf vier Seiten, warum sie es verdient, sich in Deutschland weiterzubilden, was für eine ausgezeichnete Studentin sie ist, wie vielen Menschen sie später als Ärztin im Sudan würde helfen können. Damit hat sie Erfolg. Auch ihren Vater, der Frauenarzt ist und selbst im Ausland studiert hat, muss sie überzeugen, damit er zustimmt, dass sie allein in ein fremdes Land geht. Schließlich ist er einverstanden und steht voll hinter seiner mutigen Tochter. 2014 verlässt Mawada den Sudan, lässt Familie und Freunde hinter sich, mit dem festen Ziel, eine Facharztausbildung in Deutschland zu machen und vielleicht sogar zu promovieren. Egal wie, sie weiß, dass sie es schaffen wird, denn sie ist nicht jemand, der einfach aufgibt.

Heidelberg als Wahlheimat

Drei Jahre sind vergangen, seit Mawada nach Heidelberg gekommen ist. In der Praxis des Kieferorthopäden Dr. Heiligers wirft die Sudanesin ihren Kittel über, der auch in Größe S viel zu groß scheint, so schmal ist die junge Frau. Aber der übergroße Kittel kann nicht über ihre Stärke hinwegtäuschen. Ihre warmen brauen Augen leuchten, wenn sie erzählt, jeder Satz ist lebendig, voller Lebensfreude. Sie ist eine unglaublich starke Persönlichkeit, jemand, der an Herausforderungen wächst, der allem etwas Positives abgewinnen kann. Ihr Handy summt und surrt permanent. Mawada hat viele Freunde in ihrer neuen Heimat gefunden, sie kümmert sich um Neuankömmlinge, verabredet sich, geht in die Moschee und lernt immer wieder neue Menschen kennen. So auch Dr. Heiligers, den sie bei einer Mitfahrgelegenheit traf, weswegen sie jetzt hier ist. In seiner Praxis macht sie derzeit ein Praktikum.

Überleben statt lernen

Ihr Herz schlägt noch immer für Heidelberg, diese schöne alte Stadt. Aber sie stellt fest, dass ihre Liebe nicht unbedingt erwidert wird. In Deutschland wird der Sudanesin nichts geschenkt. Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch. „Mein Zimmer im Wohnheim kostet jeden Monat 300 Euro“, sagt Mawada. „Dafür kann man in meiner Heimat ein großes Apartment mit Garten mieten.“ Um sich über Wasser zu halten, nimmt die Studentin jeden Job an: Nachhilfe, Übersetzungen, Laborarbeiten, Datenerfassung, Putzen. Ihr Ziel, die Approbation, rückt immer weiter in die Ferne. Sie müsste an einem Fachsprach-Kurs für Zahnmediziner teilnehmen, aber den gibt es nur in Berlin und Freiburg. Die Sehnsucht nach ihrer Familie im Sudan ist riesengroß. Vor allem wenn das Wetter kalt und grau ist, vermisst sie ihre Heimat, das warme Klima dort und die Warmherzigkeit der Menschen. So einfach wäre es, zurück nach Khartum zu gehen. Aber sie macht weiter, denn sie glaubt daran, dass sie es schaffen wird, so, wie sie immer alles geschafft hat, was sie sich in den Kopf gesetzt hat.

Zurück auf Kurs

Im November 2016 erfährt Mawada vom Stipendienprogramm Berufliche Anerkennung und bewirbt sich noch am selben Tag. Sie erhält die Zusage und bekommt 720 Euro monatliche Unterstützung. Das Geld fließt vor allem in den Fachsprach-Kurs für Zahnmediziner, den sie an der Freiburg International Academy besucht und den sie für ihre Anerkennung benötigt. Seit sie Stipendiatin ist, ist alles viel einfacher für sie. „Jetzt ist endlich Ruhe in meinem Kopf eingekehrt“, sagt sie, „denn ohne Geld steht man permanent unter Stress. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles ohne die finanzielle Unterstützung geschafft hätte.“ Im Sommer macht sie ihr Examen, dann kommt die Approbation. Sie ist endlich wieder auf Kurs. Mawada möchte promovieren, vielleicht noch eine Ausbildung zur Mund-Kiefer-Gesichtschirurgin machen. Sie wird schaffen, was sie sich vornimmt, daran besteht kein Zweifel. Never give up!

Text: Cornelia Zeiger. Fotos: Tom Ziora

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