Ene, mene, MINT

Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Zukunftsakademie sind Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik ein Kinderspiel

Text: Claudia Bitzer. Fotos: KD Busch

Ein sonniger Samstagvormittag Ende Mai in Winnenden bei Stuttgart. Der blaue Himmel draußen ist gut zu sehen, denn beim Reinigungsspezialisten Kärcher sind die großen Fensterscheiben blitzblank. Die 23 Schüler, die hier im luftigen Konferenzraum sitzen, haben für das Frühlingswetter allerdings wenig übrig. Gerade durften sie im Kärcher Experience Center mit verschiedenen Reinigungsmaschinen Probe putzen. Jetzt gilt ihre Aufmerksamkeit Hartmut Jenner, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG, der Schülerfragen beantwortet. Was er mitbringen sollte, um später einen Job als Ingenieur zu finden, will ein Jugendlicher wissen: „Tut das, was ihr macht, aus Überzeugung und mit Freude“, sagt Jenner spontan. Er sitzt den Jugendlichen in Jeans und Trachtenjanker gegenüber und wirkt eher wie ein erfahrener Ratgeber denn wie der Firmenchef.

Es gibt einen Grund, warum die Schülerinnen und Schüler an diesem Samstag nicht gemütlich ausschlafen, sondern Jenner Fragen stellen und am Nachmittag Roboter programmieren werden: Es ist ihre Leidenschaft für naturwissenschaftliche und technische Fächer.

„Zukunft MINT“ ist der Titel des dreitägigen Workshops, der die 15- bis 18-Jährigen zusammenführt. Er findet im Rahmen der Zukunftsakademie der Stiftung Kinderland statt, die es zweimal im Jahr gibt. Die Jugendlichen erhalten über Vorträge, Exkursionen und Gruppenarbeit einen näheren Einblick in wichtige Zukunftsthemen. Wie MINT. Laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft sind in Baden-Württemberg mehr als 1,2 Millionen Menschen in MINT-Berufen tätig. Damit arbeiten hier mehr als ein Viertel aller Angestellten  beispielsweise  als Industriemechaniker, Techniker, IT-Spezialist  oder Ingenieur. Diese Quote ist in keinem Bundesland höher.

Gemeinsame Lieblingsfächer

MINT ist die Zukunft, zumindest ihre eigene, das ist für die Jugendlichen der Zukunftsakademie klar. Einige haben schon bei „Jugend forscht“ teilgenommen, sind in einer Wissenschafts-AG oder engagieren sich als Mentoren und geben anderen Schülern Nachhilfe in Mathe, Chemie oder Physik. Wohin sie ihre Leidenschaft beruflich führen wird, ist bei den meisten aber noch offen.

Deshalb schätzen sie den Blick hinter die Kulissen: „Es ist toll, dass wir Unternehmen wie Kärcher kennenlernen können, zu denen wir sonst vielleicht nicht so einfach Zugang hätten“, sagt die 17-jährige Kirsten. Henriette, 15 Jahre alt, findet es gut, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieselben Themen spannend finden. „Das ist in der Schule nicht so.“

Mit Vollgas zum Roboter-Fahrzeug

Wie sehr die gemeinsame Begeisterung beflügelt, zeigt sich am Nachmittag im Seminarraum der Baden-Württemberg Stiftung in der Stuttgarter Innenstadt: Tim Loges und Benedikt Engel vom Jugendhaus Stuttgart-Degerloch sind gekommen. Sie haben viele Kisten „Lego Mindstorm“ dabei. Daraus sollen die Schüler in Zweierteams ein sensorgesteuertes Fahrzeug bauen, quasi ein Roboterfahrzeug. Die Workshop-Leiter Loges und Engel kündigen zum Abschluss einen „Robo-Battle“ an. Große Erheiterung bei den Schülern, als sie erfahren, dass sie mit ihrem Fahrzeug das des Gegners aus dem Ring werden schubsen dürfen. Tim Loges zeigt den „Ring“: Der besteht aus einer weißen, runden Pappplatte mit etwa einem Meter Durchmesser, darunter Lego-Kisten. Wer die schwarze Randmarkierung überfährt, dessen Fahrzeug ist raus – und fällt gute zwanzig Zentimeter auf den Boden.

 

Kaum haben die Workshop-Leiter noch ein paar Worte zur Programmierung gesagt, sind die Jugendlichen schon mit Feuereifer dabei. Gezielte Handgriffe, prüfende Blicke, fachkundige Kommentare: Hier baut keiner zum ersten Malein sensorgesteuertes, motorgetriebenes Fahrzeug. Auch Anna Lena und Marina arbeiten konzentriert über ihr Fahrzeug gebeugt. Sie sind zwei von insgesamt acht Teilnehmerinnen. Der Mädchen-Anteil der „Zukunft MINT“-Gruppe liegt bei rund 30 Prozent – und ist damit ungewöhnlich hoch: Laut einer aktuellen Statistik der Bundesagentur für Arbeit sind gerade mal 15 Prozent der Beschäftigten im naturwissenschaftlich-technischen Bereich weiblich. Ist das „Mädchen und Technik geht nicht“-Klischee also immer noch ein Thema? „Das kommt manchmal schon noch. Aber das ist kein Problem für uns, denn da können wir uns schön darüber lustig machen“, sagt Anna Lena selbstbewusst.

Wenig später stehen Marina und Anna Lena mit ihrem Fahrzeug am Ring. Sie wollen testen, ob alles funktioniert. Einige andere Teams machen eine Probefahrt. Die Freude ist groß, wenn ein Vehikel vor der Kante anhält, und noch größer, wenn dabei ein anderes Fahrzeug abgedrängt oder aufgegabelt wird. Das Roboterfahrzeug von Marina und Anna Lena erkennt jedoch die Begrenzung noch nicht und fährt darüber hinweg. Schnell wird der Lichtsensor umgebaut und neu probiert. Noch ein Absturz. Kein Problem, die beiden programmieren, bis es klappt.

Nach knapp zwei Stunden hat sich jedes Team zu seiner ganz eigenen funktionsfähigen Lösung getüftelt. Genau das ist es, was Workshopleiter Tim Loges immer wieder fasziniert: „Die Jugendlichen sind mit großer Begeisterung bei der Sache. Sie entwickeln ein unglaubliches Durchhaltevermögen und finden für jede Aufgabe hundert verschiedene Lösungen.“ Damit beschreibt er ziemlich genau das, was sich Kärcher-Chef Jenner für einen guten Ingenieur gewünscht hat: Hingabe und Freude bei der Arbeit. Deswegen hat wohl auch keiner gemerkt, dass der Himmel draußen mittlerweile grau geworden ist.

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