Schwäbisch und flexibel

Vor vier Jahren denkt Ridha Azaiz, dass sein kleiner Roboter bald in Produktion gehen und Solaranlagen in aller Welt von Sand und Ablagerungen reinigen wird. Er irrt sich. Die Drohnentechnologie funkt ihm dazwischen

Text: Iris Hobler

Was macht ein Erfinder in so einer Situation? Er lässt sich vom Wandel inspirieren – und stellt viele Vorteile der neuen Technologie fest. „Im Vergleich zu meinem Roboter hat die Drohne weniger mechanisch bewegte Teile, eine längere Batterielaufzeit und einen höheren Grad an Automatisierung. Mein ganzer Business Case wurde damit günstiger.“ Also schwenkt der Maschinenbau-Ingenieur um. Robotik adé, einarbeiten in die Drohnentechnik. Im Februar 2014 ist sein Prototyp soweit, dass Azaiz die ersten Flugversuche starten kann. Den einprägsamen Namen für seine Erfindung behält er bei: Solarbrush.

2014 tut sich im Leben von Ridha Azaiz, der in Stuttgart geboren und im schwäbischen Fellbach aufgewachsen ist, aber noch viel mehr als der technologische Richtungswechsel. Er verlegt seinen Lebensmittelpunkt nach London und gründet hier sein Unternehmen Aerial Power Ltd. Warum keine GmbH in Deutschland? Ridha Azaiz: „Die deutsche GmbH ist sehr schwerfällig. Eine englischsprachige Firmenstruktur kann ich selber managen. Damit reduziere ich Kosten, etwa für Anwälte. Die sind gerade bei internationalen Patentanmeldungen enorm.“

Patente auf fünf Kontinenten

Der 32-Jährige schätzt, dass er rund 100.000 englische Pfund gespart hat, indem er sich selbst um die Patente gekümmert hat. Es dauerte teilweise zweieinhalb Jahre, bis die entsprechenden Genehmigungen vorlagen. Mittlerweile hat Aerial Power Patente in Ländern aller fünf Kontinente. Mit seinem Geschäftsmodell konzentriert Azaiz sich auf Forschung, Entwicklung und Patentanmeldung. „Die Drohne baue ich nicht selbst, sondern ich vergebe Lizenzen für die Produktion und den Betrieb.“

Das hat den Vorteil, dass Azaiz sich um die länderspezifischen Vorschriften rund um den Drohnenflug nicht kümmern muss. Die erste Lizenz, so hofft er, wird er Ende dieses Jahres verkaufen. Sein wichtigstes Argument für Solarbrush: Mit der Drohne lassen sich die Wartungskosten von Solaranlagen um bis zu 80 Prozent senken. Die Anlagen können also deutlich schneller profitabel arbeiten. Der Preisverfall bei Solarmodulen – allein im vergangenen Jahr mehr als 25 Prozent – trägt dazu bei, dass Energie aus Sonne gerade für Schwellenländer immer interessanter wird. Das kommt Aerial Power zugute. Azaiz: „Schon heute stammen unsere meisten Anfragen aus Ländern des Nahen Ostens und aus Indien.“

Ganz leichtes Gepäck

Das teure London kann Ridha Azaiz sich leisten, weil er in einer Wohngemeinschaft lebt, „in einem ziemlich kleinen Zimmer in Mile End“. Das gibt ihm die finanzielle Flexibilität, um seine Erfindung in allen möglichen Winkeln dieser Welt zu testen. 2014 verbrachte er mehrere Monate in der chilenischen Tarapacá-Wüste; 2016 ließ er Solarbrush im indischen Rajasthan in die Luft; für 2017 sind Tests in Australien geplant. Solange er mit Aerial Power noch kein Geld verdient, finanziert Ridha Azaiz diese Tests durch ein EU-Förderprogramm. Das nahm sein Start-up noch wenige Wochen vor dem Brexit auf.

Weil er bis zu sechs Monate im Jahr sowieso nicht in der britischen Metropole ist, übt Azaiz sich in dem, was er einen minimalistischen Lebensstil nennt. Das gesamte Mobiliar der Wohnung ist gemietet, er arbeitet in einem Coworking-Space samt Werkstatt, und wo immer möglich, digitalisiert er Besitz: Bücher, Dokumente, Bilder. „Mein Zielmarkt ist international“, sagt Ridha Azaiz. „Und für den Fall, dass ich von heute auf morgen für einige Zeit auf einem anderen Kontinent arbeite, kann ich meine gesamte Habe in einem Koffer unterbringen.“ Und er fügt hinzu: „Diese Effizienz ist wahrscheinlich das Schwäbische in mir.“

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