Die neue Scheiterkeit

Beim Besuch einer „FuckUp Night“ trifft man auf Gründer, die Fehler gemacht haben und in aller Offenheit darüber reden, statt sie unter den Teppich zu kehren. Wir waren an einem Abend dabei, haben gelacht, gestaunt und einiges gelernt …

Text: Cornelia Zeiger. Fotos: Sebastian Schulz

Es ist kurz vor sieben. Die dritte Etage im ehemaligen Fabrikgebäude am Stuttgarter Feuersee füllt sich mit Gästen. In schickem Loft-Ambiente bieten die Accelerate Spaces hier seit 2012 Gründern Unterstützung, Büroräume und eine Plattform zum Austausch an. Hier geht die Stuttgarter Start-up-Community ein und aus. Und zum zwölften Mal findet hier heute die „FuckUp Night“, kurz FUN, statt.

Marthe-Victoria Lorenz und Gerald Holler sind Vollblutunternehmer. Sie haben Erfolg mit dem, was sie tun. Aber sie wissen: Wer gewinnt, muss auch verlieren können. Denn scheitern gehört zum Unternehmertum dazu. Dieses ungeschriebene Gesetz kennen alle, die bei solch einer Veranstaltung auf der Bühne stehen und ihre Geschichten in der Öffentlichkeit erzählen. Scheitern ist kein schönes Gefühl, warum also darüber reden? Viel besser wäre es doch, die eigenen Niederlagen möglichst schnell zu vergessen. „Von den Erfahrungen und Fails der Unternehmer können junge Gründer vieles lernen“, sagt Johannes Ellenberg, Geschäftsführer von Accelerate Stuttgart und selbst Gründer. „Es ist wichtig, dass wir in Deutschland offener mit diesem Thema umgehen und eine Kultur des Scheiterns etablieren. Dabei helfen auch Events wie dieses“, ergänzt der Start-up-Dienstleister.

Johannes Ellenberg
„Von den Erfahrungen und Fails der Unternehmer können junge Gründer vieles lernen.“ – Johannes Ellenberg

Von Schadenfreude ist an diesem Abend im Publikum nichts zu spüren, die Leute sind aus anderen Gründen gekommen. Tatsächlich steht die Neugier auf interessante Start-up-Geschichten mit allen Hürden und Erfolgen im Vordergrund. Auch das Lernen aus den Fehlern anderer hat viele der Gäste motiviert, zur FUN zu kommen. Einige von ihnen haben ebenfalls gegründet oder planen, ein eigenes Start-up auf die Beine zu stellen. Kurz vor Beginn sind alle 80 Sitzplätze belegt, weitere 30 Leute stehen hinter dem bestuhlten Bereich und warten gespannt darauf, was die Referenten zu erzählen haben.

Den Anfang macht Marthe-Victoria Lorenz, die Ende 2012 mit einer Crowdfunding-Plattform für Sport an den Start ging: fairplaid. Die sportliche Frau sprüht vor Energie. Ihr Unternehmen hat bereits über drei Millionen Euro Fördergelder an Sportler vermittelt und wächst kontinuierlich. Bei all dem Optimismus fragen sich die Zuschauer, ob die 29-Jährige womöglich bei der falschen Veranstaltung ist. Doch schnell wird klar, dass Lorenz auf ihrem Weg viele Hürden überwinden musste. „Von der Idee, die aus meiner Bachelorarbeit entstanden war, bis zum Launch der Plattform hat es fast zwei Jahre gedauert, danach noch einmal rund zwei Jahre, bis sich fairplaid etabliert hatte“, berichtet Lorenz.

Am Beispiel ihrer Geschichte wird klar, dass eine gute Idee allein nicht reicht, denn die junge Gründerin musste relativ lange nach Investoren und einem geeigneten Mitgründer suchen. Ihre Ausdauer kam der Basketballerin dabei sehr zugute. Als sich ihr Mitinhaber schließlich nach einem Jahr von der Firma trennen wollte, sah Lorenz zum ersten Mal die Gefahr, dass ihr Start-up scheitern könnte. Die beiden einigten sich schließlich auf einen fairen Ausstieg. Lorenz fand wenig später einen neuen Mitinhaber.

Die nächste schwere Phase ließ nicht lange auf sich warten: Ihr Körper weigerte sich zunehmend, die permanente Arbeitsbelastung hinzunehmen. Lorenz war überarbeitet und mit voller Fahrt in Richtung Burn-out unterwegs. „Ich war nur noch meine Firma“, sagt sie rückblickend. „Die Ausgeh-Marthe, die Basketball-Marthe, die Freundin-Marthe gab es nicht mehr. Mein Job war meine Identität, ich habe damals komplett vergessen zu leben und Spaß zu haben“, gesteht sie. Familie, Freunde und eine Auszeit, in der sie Distanz zur Gründer-Marthe herstellen und wieder Energie sammeln konnte, haben schließlich geholfen. Jetzt, nach fünf Jahren als Unternehmerin, hat sie die Balance zwischen arbeiten und leben gefunden und findet sogar wieder Zeit, selbst Sport zu treiben.

„Ich wusste, dass ich mich schnell wieder selbstständig machen musste, um die ganzen Schulden zu bezahlen.“ – Gerald Holler

Seine erste Firma hat Gerald Holler bereits im Alter von 18 Jahren gegründet und mit 20 „an die Wand gefahren“, wie er es formuliert. Damals hatte er ein Direkt-Marketing-Start-up gegründet und der Deutschen Bundespost in seiner Region Konkurrenz gemacht. Das Geschäftsmodell lief zwei Jahre lang extrem erfolgreich, 250 Austräger brachten seine Post an den Mann, Holler hatte eine Bank als Partner gewonnen und wollte gerade landesweit expandieren, als ihn ein Einschreiben erreichte. Zum ersten Mal erfuhr er dadurch, dass es das Briefpostmonopolgesetz gibt. Weder sein Rechtsanwalt noch die Banker, mit denen er regen Kontakt hielt, hatten ihn darauf hingewiesen, dass sein Geschäftsmodell illegal ist. Die Post drohte, den Jungunternehmer auf seinen Umsatz zu verklagen. „Das empfand ich als ganz fies, denn ich hatte ja selbst den Gewinn schon ausgegeben“, witzelt Holler. „Nach zwei Jahren Dauererfolgs dachte ich damals, mir kann nichts passieren. Aber jeden trifft es irgendwann, das habe ich in all den Jahren meiner unternehmerischen Arbeit gelernt“, sagt er.

Mit 20 Jahren war also von heute auf morgen alles weg: Geld, Auto, die 140 Quadratmeter große Wohnung und viele seiner Freunde. Er zog in sein altes Kinderzimmer zurück, einigte sich außergerichtlich mit der Post und schuldete um, so dass er eine Privatinsolvenz vermeiden konnte. „Ich wusste, dass ich mich schnell wieder selbständig machen musste, um die ganzen Schulden zu bezahlen. Das hätte ich aus der Insolvenz heraus nicht machen können“, erklärt er. Seinen Mut hatte Holler nach dem ersten Scheitern also nicht verloren.

Über einen kurzen Umweg zurück ins Angestelltenverhältnis hatte er zwei Jahre nach der Pleite die Chance, als Vertriebsleiter in eine Marketingagentur einzusteigen, die sich der New Economy verschrieben hatte – mit der Perspektive, die Agentur bald zu übernehmen. Das Geschäft lief extrem gut. Dann brachten zwei Flugzeuge das World Trade Center zum Einstürzen und nebenbei auch die New Economy. Rückblickend zieht Holler folgenden Schluss aus diesem Crash: „Es ist wichtig, dass man seine Idee ständig anpasst, denn Märkte ändern sich.“ Auch ein wenig „Speck auf den Rippen“, also liquides Kapital, ist aus seiner Sicht wichtig für jeden Unternehmer, der seine Firma durch Krisen bringen muss. Vor allem wenn er Verantwortung für Mitarbeiter trägt.

Mit seiner jetzigen Firma Compris ist er nun schon seit 15 Jahren im Channel Management erfolgreich, hat neben seinem Standort in Ludwigsburg sogar eine Niederlassung in England. Er beschäftigt 70 Mitarbeiter und macht im Schnitt fünf Millionen Euro Umsatz im Jahr. Aber nicht jedes Jahr ist gleich: „Unter Unternehmern gibt es einen Spruch: Auf drei gute Jahre kommt ein richtig schlechtes. Das bedeutet, man muss extrem flexibel und anpassungsfähig bleiben.“

Einen Seitenhieb auf die Politik kann sich Holler nicht verkneifen: „Dieses Land ist ziemlich innovationsfeindlich. Man zahlt hohe Steuern und kann Investitionen nicht immer abschreiben“, klagt er, und man merkt ihm an, wie sehr ihn die Steuergesetzgebung ärgert. Was ihn auch ärgert, sind Zweifler. Er will an diesem Abend jedem Mut machen, sich als Gründer zu probieren und sich seine Idee nicht von anderen ausreden zu lassen. Wenn er auf die Leute gehört hätte, die ihn nach seinem ersten Scheitern schadenfroh gefragt haben, warum er sich schon wieder selbständig mache, wo er doch noch all die Schulden habe, wäre er heute sicher nicht so erfolgreich. Sich Feedback holen und Mut machen lassen, das sollte man hingegen als Gründer unbedingt.

Könnte er nicht mittlerweile aufhören zu arbeiten? Ja, könnte er. Es gab sogar kürzlich ein attraktives Kaufangebot für Compris. Aber stattdessen feilt Holler gerade an einem völlig neuen Businesskonzept, das noch in diesem Jahr umgesetzt werden soll. Er ist noch immer mit vollem Engagement dabei, hat aber etwas gelernt, was auch für Marthe-Victoria Lorenz gilt: „Wichtig ist es, für den Job zu brennen, aber nicht zu verbrennen.“

Diese Diashow benötigt JavaScript.

FuckUp Nights – kurz FUN – wurden 2012 in Mexico erfunden. Die Idee über seine Fails zu sprechen, breitete sich schnell weltweit aus. #sharethefailure

Wie die deutsche Bevölkerung gegenüber unternehmerischem Scheitern eingestellt ist, weiß Prof. Dr. Andreas Kuckertz von der Universität Hohenheim.

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