Keine Gründung ohne Risiko

Wir haben Prof. Dr. Andreas Kuckertz von der Universität Hohenheim getroffen. In seiner Studie „Gute Fehler, schlechte Fehler“ beschäftigt er sich mit der Einstellung der deutschen Bevölkerung gegenüber unternehmerischem Scheitern.

Wie steht es um die deutsche Gründungskultur?
Andreas Kuckertz: Durchaus gut. Das Ansehen des Unternehmers in Deutschland ist in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gestiegen. Gründen ist beinahe hip geworden. Besonders erfreulich ist, dass es bei uns in Baden-Württemberg trotz niedriger allgemeiner Gründungsraten besonders viele Chancengründer gibt, die eine innovative Idee umsetzen wollen. Genau solche Gründer brauchen wir! Die Politik tut seit Jahren eine ganze Menge, um Start-ups zu unterstützen. Es werden Schwerpunkte gesetzt, passende Programme aufgelegt und neue Finanzierungsmodelle geschaffen, wie zuletzt MikroCrowd, eine Mischung aus Förderdarlehen und Crowdfunding.

Trotzdem gibt es auch viele Start-ups, die scheitern. Was machen die falsch?
Wer etwas gänzlich Neues probiert, riskiert natürlich zu scheitern, denn es kann immer sein, dass er zum Beispiel die Produktnachfrage überschätzt oder andere wichtige Faktoren übersieht – zum Beispiel Wettbewerber, die bereits in den Startlöchern sitzen und ihn überholen.

Kann man dem Scheitern etwas Positives abgewinnen?
Selbstverständlich. Das große Scheitern mit Insolvenz und vielen verlorenen Arbeitsplätzen ist zwar niemandem zu wünschen, aber Fehler zu machen gehört nun mal zum Erfolg. Wichtig für den Unternehmer ist es, aus seinen Fehlern zu lernen. Idealerweise macht er es bei der nächsten Gründung dann besser. Wichtig ist, dass wir aufhören, gescheiterte Gründer zu stigmatisieren. Wir sollten eher ihre Bemühungen anerkennen, die unsere Wirtschaft und damit auch die Gesellschaft nach vorn bringen.

Woher rührt diese Stigmatisierung?
Für mich ist sie ein Zeichen dafür, dass die Deutschen ein Wahrnehmungsproblem haben: Fast die Hälfte der über 2.000 Befragten in unserer Studie sagten, dass man kein Unternehmen grün-den sollte, wenn die Möglichkeit besteht, damit zu scheitern. Das ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit! Es gibt keine risikolose Unternehmensgründung. Wir müssen also am Verständnis von Unternehmertum in der Bevölkerung noch sehr stark arbeiten. Dann wird auch die Haltung zum Scheitern besser.

Haben Sie Ideen, wie das funktionieren kann?
Beispielsweise, indem über den Zusammenhang von Gründen und Scheitern mehr gesprochen und in den Medien berichtet wird. Aber auch, indem unternehmerisches Denken in Universitäten und Schulen gefördert wird. Das könnte eine Art Gründerpraktikum für Schüler sein, oder ein „freiwilliges gefördertes Gründerjahr“, bei dem sich junge Menschen als Selbständige ausprobieren können. Solche Themen lassen sich leider nur schwer an Schulen herantragen, denn viele Lehrer befürchten, ihre Schüler zu „willfährigen Sklaven der Wirtschaft“ zu machen.

Aber es gibt doch häufig Schülerfirmen?
Sicher, aber die werden bestenfalls toleriert, selten aktiv gefördert. Dabei wollen wir doch alle selbständig denkende und handelnde junge Menschen heranbilden. Man darf Wirtschaft skeptisch und kritisch sehen, aber man muss Wirtschaft und Unternehmertum natürlich auch erst einmal verstehen.

Interview: Cornelia Zeiger. Foto: Felix Pilz/Universität Hohenheim

Wie Gründer von ihrem unternehmerischen Scheitern berichten, kann man auf einer Fuck-up-Night erleben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s