Keine Scheu

Direkt hinter dem Schweinfurter Bahnhof liegt die Ernst-Sachs-Straße. Sie führt quer durch ein weitflächiges Industriegebiet, in dem das Werk Nord des Automobilzulieferers ZF steht … Der Konzern stellt hier Kupplungen, Elektromotoren, Fahrwerks- und Antriebsteile her. Inmitten großer Produktionshallen: der Abfallsammelplatz. Fünf riesige Container stehen nebeneinander, sogenannte Mulden. Rot, grün, mit rostbraunen Flecken übersät. In ihnen werden Altpapier, Späne aus Stahl und Aluminium, Guss- und Schleifspäne gesammelt.

Unter dem Behälter mit den Stahlspänen schwimmt in einer Art Wanne eine schmutzig-schlierige Flüssigkeit. „Das ist Öl, das bei der Produktion an den Spänen haften bleibt“, erklärt Nadine Antic. Die Mulde steht hinten ein paar Zentimeter tiefer; gleichmäßig fallen hier die Öltropfen in die Wanne. Die Idee, das Zehn-Tonnen-Behältnis leicht zu kippen, hatte Nadine Antic, als sie den Abfallsammelplatz zum ersten Mal ausführlich untersuchte. Das war vor rund einem Jahr, zu Beginn der Zusammenarbeit zwischen Global Flow und ZF am Standort Schweinfurt.

 Experte für Abfall gesucht

2016 stehen auf der Agenda von Thorsten Rümmler, bei ZF im Einkauf für die Themen Abfall, Entsorgung und Wertstoffe zuständig, zwei wichtige Fragen: „Lassen sich unsere Abfallmengen reduzieren, und was können wir bei der Entsorgung besser machen?“ Denn in der Produktion der weltweiten Nummer drei der Automobilzulieferer entstehen enorme Mengen an Abfällen und sogenanntem Sekundärmaterial – Rückständen, die ZF weiterverkauft. „Wir waren sicher, dass hier Potenziale liegen. Und brauchten einen Experten, der uns dabei unterstützt, sie aufzuspüren“, sagt Rümmler.

Also sucht der Konzern einen geeigneten Partner und lädt neben drei namhaften, großen Beratungsunternehmen auch ein Start-up ein, seinen Ansatz zu präsentieren: GlobalFlow, Stuttgarter Dienstleister für Abfall- und Wertstoffmanagement mit neun Mitarbeitern, den die Wirtschaftsingenieurin Nadine Antic direkt nach ihrem Studium gegründet hat.

Die 32-Jährige hat vor der großen Aufgabe bei einem global player zwar Respekt – geht aber selbstbewusst ins Rennen. „Mir war klar, dass es eine komplexe Herausforderung ist, aber in den vier Jahren seit unserer Gründung hatten wir ja schon einiges an Erfahrung gesammelt und auch für größere Unternehmen gearbeitet.“

Zuschlag für GlobalFlow

Die Präsentation von GlobalFlow in Schweinfurt ist anders als die der großen Beratungen. Keine Folien mit komplexen Diagrammen, „dafür eine Inhaberin, die uns glaubhaft vermittelt hat, dass sie sich die Abfallströme im Detail vor Ort anschaut und auch schon mal in die Mulde kriecht, wenn es notwendig ist“, sagt Thorsten Rümmler. Der pragmatische Ansatz von GlobalFlow kommt gut an. Nadine Antic erhält den Zuschlag, und die Zusammenarbeit zwischen global player und Stuttgarter Start-up kann beginnen.

Rund zwei Wochen lang tauschen Nadine Antic und zwölf ihrer Mitarbeiter das Büro gegen Abfallsammelplatz und Produktionshallen in Schweinfurt. Schauen sich die konkreten Orte im Betrieb an, an denen die Abfälle entstehen. Verfolgen die Wege zur zentralen Sammelstelle, prüfen den Ausschuss, und steigen dafür auch schon mal in die riesigen Mulden. Schnell entstehen Ideen, was sich verbessern lässt. Beispiel Cyanidkonzentrat: Das giftige Abwasser fällt in zahlreichen Anlagen von ZF an. „Wir haben dem Kunden eine Technik empfohlen, bei der das Cyanid mithilfe von Wasserdampf konzentriert wird“, sagt Nadine Antic. Ein Verfahren, mit dem ZF die Menge des Sondermülls um stolze 80 Prozent reduzieren kann.

Lkw voll auslasten

Beispiel Kartonagen, von denen täglich tonnenweise in Schweinfurt zusammenkommen. Die wurden bislang in kleineren Containern gesammelt, zum Sammelplatz gefahren, gepresst und von dort aus an spezialisierte Abnehmer verkauft. GlobalFlow rät, sogenannte Ballenpressen dezentral zu installieren und die Kartonagen zu Ballen von rund 500 Kilogramm Gewicht zu komprimieren. Das vereinfacht nicht nur die Logistik innerhalb des Betriebs deutlich, sondern reduziert auch CO2. Denn die großen Ballen lasten einen Lkw mit 25 Tonnen voll aus, während die Wagen vorher mit lediglich zwei bis drei Tonnen Altpapier vom Gelände fuhren.

Aber auch kleine Ideen, wie das simple Kippen einer Mulde, haben Effekte: Je weniger Öl an den Stahlspänen haftet, umso reiner ist das Sekundärmaterial – und umso besser kann ZF es weiterverkaufen. Thorsten Rümmler sagt, dass er in den Monaten der Zusammenarbeit das Engagement und die Innovationsstärke von GlobalFlow schätzen gelernt hat. Bislang hat der Konzern durch die verschiedenen Maßnahmen einen mittleren sechsstelligen Betrag gespart. Wenn Mitte 2018 alle Teilprojekte abgearbeitet sind, „könnte am Ende eine siebenstellige Zahl stehen“, sagt Nadine Antic.

240 Standorte weltweit

Die Zusammenarbeit zwischen ZF und GlobalFlow ist damit nicht abgeschlossen. Thorsten Rümmler: „Schweinfurt war für uns ein Pilotprojekt. Danach wollen wir unser Wertstoffmanagement am Standort Saarbrücken optimieren.“ Weltweit hat das Unternehmen 240 Standorte – also noch viel zu tun? „Ja, und wir machen uns bereits Gedanken darüber, wie wir das Thema für die gesamte Gruppe sinnvoll gestalten können.“ Eine reizvolle Aufgabe für GlobalFlow. „An der Erarbeitung eines so großen Gesamtkonzeptes sind wir zum ersten Mal beteiligt“, sagt Nadine Antic. „Da können wir uns strategisch gut weiterentwickeln.“

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