Langes Leben für den Lesestoff

Zwei Firmengründer aus Stuttgart vermitteln gebrauchte Bücher für Studium, Schule oder Ausbildung. Damit erleichtern sie den Zugang zum nötigen Fachwissen – und leisten einen wertvollen Beitrag zum Schutz der Umwelt.

Wer studiert, hat viel zu lernen – und verschlingt dazu riesige Mengen an Informationen. Die kommen trotz der allgegenwärtigen Digitalisierung noch immer vor allem aus Büchern. Vor allem vor Prüfungen türmen die sich auf dem Schreibtisch oder neben dem Bett. Doch egal ob Chemie, Medizin, Maschinenbau, Jura oder BWL auf dem Studienplan stehen: Gute Fachbücher sind teuer und für viele Studenten mit schmalem Geldbeutel kaum erschwinglich. Dazu kommt: Nach Ende des Semesters und erfolgreich absolvierter Prüfung verstauben die meisten Druckwerke unbenutzt im Regal oder wandern in einer Kiste unters Dach, bevor sie letztlich irgendwann im Müll enden.

Das ist keine effektive Art, kostbare und nützliche Lehrmaterialien einzusetzen, fanden Mihael Duran und Lutz Gaismaier. Die beiden jungen Wirtschaftswissenschaftler und ehemaligen Studenten in Tübingen und Hohenheim beschlossen, daran etwas zu ändern. Sie nahmen sich vor, den Zugang zu Fachbüchern für Studium, Wissenschaft, Aus- oder Weiterbildung zu erleichtern – und zugleich eine sinnvolle und lange Weiternutzung gebrauchter Literatur zu ermöglichen. Dazu gründeten die beiden engagierten und findigen Ökonomen 2015 in Stuttgart das Startup Studibuch.

Wir haben unser Unternehmen vor zwei Jahren im Wohnzimmer gestartet, sagen die beiden Studibuch-Gründer Mihael Duran (li) und Lutz Gaismaier (re).

Das Konzept des jungen Unternehmens ist simpel: Wer ein Fachbuch besitzt, das er nicht mehr benötigt, kann es zu einem fixen und fairen Preis an Studibuch abgeben, wo es dann anderen Studierenden zum Kauf angeboten wird. „Verkäufer müssen dazu nur den Titel oder die ISBN-Nummer ihres alten Buchs auf unserer Website eingeben oder per App einscannen – und das Buch per Post an uns schicken“, erklärt Lutz Gaissmaier. „Wir ermitteln dann seinen Wert, wobei wir neben dem Neupreis auch den Zustand und die Nachfrage danach berücksichtigen.“ Der Verkäufer wird von Studibuch bezahlt und das Buch wandert ins Online-Ladenregal.

Wie Studibuch funktioniert, zeigt dieses Erklärvideo.

„Bislang bieten wir die gebrauchten Bücher ausschließlich über Amazon an“, sagt Gaismaier. Der weltweit größte Internet-Händler managt auch die Abrechnung beim Verkauf. „Doch demnächst werden unsere Kunden auch direkt bei uns Bücher suchen und bestellen können“, verspricht Mitgründer Mihael Duran. „Dazu bauen wir gerade einen eigenen Online-Shop auf.“

Ein Großteil der finanziellen Mittel, die Duran und Gaissmaier gerade in den weiteren Aufbau ihres Startup-Unternehmens stecken, fließt da hinein. Das meiste Geld dafür stammt von Investoren: einem Kreditgeber aus dem familiären Umfeld und der Stuttgarter Volksbank. „Derzeit investieren wir vor allem die Weiterentwicklung unserer IT“, sagt Duran. Das Resultat sollen unter anderem ein neuer mathematischer Algorithmus sein, der die Berechnung der Buchpreise automatisiert, sowie ein System für den sicheren und zuverlässigen Betrieb des Online-Shops.

Das Interesse bei den Studierenden am Angebot von Studibuch ist groß. „Wir haben unser Unternehmen vor zwei Jahren bei mir daheim im Wohnzimmer gestartet“, berichtet Gaissmaier schmunzelnd. Dort türmten sich bald kistenweise alte Bücher – nicht nur zur Freude bei der Freundin des Gründers. Inzwischen haben er und sein Kompagnon mehrere Räume in einem großen Geschäftsgebäude im Stuttgarter Stadtteil Vaihingen angemietet: zwei Büros und ein Bücherlager. „Jeden Tag kommen dort im Schnitt rund 500 gebrauchte Bücher an“, berichtet Gaissmaier. Etwa 300 Pakete mit verkaufter Literatur verlassen täglich das Haus an Kunden. Tendenz: steigend. Der Warenbestand, der mittlerweile etliche Regale füllt, umfasst neben gebrauchter Fachliteratur fürs Studium auch immer mehr Bücher für den Schulunterricht. „Das ist ein aussichtsreiches zusätzliches Geschäftsfeld für die Zukunft“, sind die beiden Gründer und Inhaber des Start-ups überzeugt. 2017 erwarten Duran und Gaissmaier einen Umsatz von rund 60.000 Euro – eine Verzehnfachung gegenüber den Einnahmen im Jahr zuvor.

Mehrere studentische Hilfskräfte unterstützen das Duo bei Verwaltungstätigkeiten sowie beim Auspacken und Versenden der Ware. Zudem stieß im Sommer 2017 die erste fest angestellte Mitarbeiterin zu dem Team: Mariella Bussenius kümmert sich seither um Marketing und PR und betreut die Onlineseiten sowie die Präsenz in sozialen Medien wie Facebook und Instagram. Mihael Duran und Lutz Gaissmaier haben ihre bisherigen Jobs als wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Stuttgart inzwischen aufgegeben, um sich mit voller Kraft dem weiteren Aufbau ihrer Firma zu widmen.

Ihre Motivation schöpfen die beiden nicht nur aus der Aussicht auf einen wachsenden Erfolg ihres Unternehmens. Sie denken vor allem an den Nutzen ihrer Arbeit für die Gesellschaft und die Umwelt. „Wir verstehen uns zum einen als Dienstleister für Studierende“, sagt Duran. „Zum anderen wollen wir mehr Verständnis für den Wert gebrauchter Gegenstände wecken.“ Ziel des Gründer-Duos ist es, einen Kreislauf zu schaffen, der Bücher, auch wenn sie für ihren Besitzer ausgedient haben, nicht nutzlos werden lässt – sondern ihnen zu einer sinnvollen Wiederverwendung und einem langen Leben als Lesefutter und Lehrstoff verhilft.

Um ihr ökologisches Anliegen zu unterstreichen, ergänzen Mihael Duran und Lutz Gaissmaier ihr unternehmerisches Wirken durch greifbare Aktionen vor Ort. So ließen die beiden Ökonomen und Online-Buchhändler zum Tag des Baums im April 2017 in Nicaragua 333 junge Bäume pflanzen: als kleinen Ausgleich für das Holz, das weltweit zum Rohstoff für neue Bücher wird.

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