Roter Faden bis nach Afrika

Mit dem Baden-Württemberg-Stipendium für Berufstätige geht die Schneiderin Sarah Müller für sechs Monate nach Kenia. Dort bildet sie Berufsschülerinnen aus und gründet schließlich ihr eigenes Modelabel NYUZI.

Text: Cornelia Zeiger. Fotos: Sarah Müller

Nach Afrika zu gehen, ist schon immer ein Traum von Sarah Müller aus Echterdingen, schon als Schülerin. Die gelernte Modeschneiderin absolviert nach der Realschule ihre Ausbildung und ein Gesellenjahr bei Hugo Boss und macht anschließend eine Zusatzausbildung als Schnittdirektrice. Ihre Arbeit bereitet ihr großen Spaß, aber etwas fehlt: Sie will Mode mit sozialen Aspekten verbinden, nicht mehr für große Modeunternehmen schnelllebige Kollektionen en masse produzieren, sondern das Leben Einzelner mit ihrer Arbeit verändern. Über einen Berufsschullehrer aus Reutlingen erfährt sie von der Kenia-Hilfe Schwäbische Alb und ist begeistert von der Idee, in der dortigen Berufsschule und dem Kinderheim mitzuarbeiten. Mit dem Baden-Württemberg-Stipendium für Berufstätige wagt sie dann im September 2016 den großen Schritt und verbringt sechs Monate in Kikuyu, Kenia. Sie lernt ein wenig Kiswaheli, schließt viele Freundschaften, unterrichtet angehende Schneiderinnen und macht Erfahrungen, die sie für den Rest ihres Lebens prägen werden.

NYUZI

Das Leben in Kenia ist ganz anders als auf der Alb. Müller erfährt, was gesellschaftlicher Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung wirklich bedeuten. Hier lebt nicht jeder für sich, sondern alle sind in ständigem Austausch. Wo man sich nicht auf den Staat verlassen kann, wo es zum Beispiel keine Krankenversicherung gibt, helfen sich Nachbarn und Freunde gegenseitig. Mit dem wenigen Material, das vorhanden ist, wird sehr sparsam umgegangen, nichts wird verschwendet. Erste Entwürfe werden aus alten Mehlsäcken genäht, Reißverschlüsse aus kaputten Kleidungsstücken herausgetrennt und wiederverwertet. Sie könnte gefühlt nicht weiter weg sein von der westlichen Konsumgesellschaft.

Ein junges Mädchen spielt während ihres Aufenthaltes eine ganz besondere Rolle: Carolin Nyamburu war schon als Waisenkind im Kinderheim, hatte an der Berufsschule eine Schneiderausbildung gemacht und anschließend als Erntehelferin gearbeitet, weil es keine anderen Aufgaben für sie gab. Das ändert sich mit der Ankunft Sarah Müllers. Die Helferin aus Deutschland entwickelt einige Produkte, die vom Team der Schneiderinnen gefertigt und auf Märkten verkauft werden, zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt der Deutschen Botschaft in Nairobi. Unter anderem recycelt sie dabei alte Viehfutter- und Zementsäcke und verarbeitet sie zu Laptoptaschen und Rucksäcken.

Kollektion_Carolin

Dabei entsteht auch die Idee zur Gründung ihres eigenen Labels NYUZI. Das heißt „Fäden“ auf Kiswaheli. Carolin kommt dadurch weg vom Feld und zurück an die Nähmaschine. Heute ist sie gemeinsam mit Lehrerin Josephine verantwortlich für die Herstellung aller NYUZI-Artikel und in engem Kontakt mit Sarah Müller. Es gibt Taschen, Kleidungsstücke und verschiedene Accessoires. Die ersten Produkte kommen in Deutschland so gut an, dass die junge Schneiderin diesen Sommer gleich noch einmal für drei Monate nach Kenia fliegt, um weitere Artikel zu produzieren. Einige Großaufträge hat sie auch bekommen: Kleider für einen deutschen Gospelchor oder Geschenke für die Absolventen der Handwerkskammer werden nun in Kikuyu gefertigt.

Der Schritt in die Selbständigkeit war die richtige Entscheidung für Sarah Müller. Die 25-Jährige will den Faden, den sie in Kenia aufgenommen hat, weiterspinnen. Sie möchte weiterhin das Label ausbauen und den Kontakt nach Kenia halten. Sie liebt es, ihre eigenen Ideen umzusetzen und den kompletten Produktionsprozess in der eigenen Hand zu haben. In ihren Produkten verbinden sich beide Welten – das bunte Leben in Kenia und der Wunsch vieler Europäer, mit ihrem Kauf ein sinnvolles Projekt in einem Entwicklungsland zu unterstützen. All das hätte Sarah Müller sich nicht träumen lassen, als sie zum ersten Mal nach Kenia aufbrach.

 

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