Gründen ist Freiheit

Sie waren 15 Jahre, als sie damit anfingen, Nachhilfevideos auf Youtube einzustellen. Heute sind sie 22 und Arbeitgeber von 28 Mitarbeitern. Wohin die Zukunft ihres Start-ups TheSimpleClub führt …

Perspektive: Hat euch beim Gründen von TheSimpleClub auch eigener Leidensdruck in der Schule motiviert?
Nicolai Schork: Nein, gar nicht …
Alex Giesecke: … wir waren eigentlich ganz gut in der Schule …

Eigentlich?
Alex: Ok, wir hatten beide einen sehr guten Notendurchschnitt.
Nico: Wir hatten richtig gute Mathelehrer, und der Stoff ist uns immer leichtgefallen. Deshalb haben unsere Mitschüler auch relativ oft gefragt, ob wir ihnen schnell was erklären können.
Alex: Zu der Zeit gab es auf Youtube immer mehr Beiträge, in denen Mathethemen erklärt wurden. Meistens stand da ein Lehrer vor einem Whiteboard …
Nico: … und hat fürchterlich langweilig die Dinge erklärt. Wir haben uns die Frage gestellt: Warum soll ich mir das anschauen, wenn es das ist, was ich morgens schon erlebe?
Alex: … und da haben wir uns halt vorgenommen, richtig coole Nachhilfevideos zu machen. Das war in der elften Klasse.

War das so einfach, wie es sich jetzt anhört?
Alex: Naja, es hat noch ziemlich gedauert, bis wir wirklich gutes Material hatten. Da gab es viele Fehlversuche. Die ersten Videos waren unglaublich schlecht.
Nico: Nachdem wir das technisch im Griff hatten, haben wir jeden Monat etwa vier Videos online gestellt. Die Klicks sind anfangs ganz langsam gestiegen. Man braucht etwa tausend Abos auf Youtube, dann beginnt ein Video sich gut zu verbreiten.

Was gefällt den Menschen an euren Videos?
Alex: Ich denke, es ist der ganze Stil. Wir sprechen eine lockere Sprache, so wie junge Menschen sich untereinander eben unterhalten. Wir erklären die Themen so einfach wie möglich. Und wir bedienen das modernste Medium.
Nico: Anfangs war uns gar nicht so bewusst, dass wir den Kids enorm helfen. Erst als wir immer mehr super Feedback bekommen haben, wurde uns klar: Da steckt ganz viel drin, das ist mehr als ein Hobby.

Kein Spielzeug mehr

Wann wurde klar, dass ihr gründen wollt?

Nico: 2013 haben wir Abi gemacht und mit dem Studium begonnen. Etwa ein Jahr später haben wir angefangen, Videos auch für andere naturwissenschaftliche Fächer zu machen: Bio, Chemie und Physik. Und weil wir das alleine nicht mehr geschafft haben, sind erste Kollegen mit an Bord gekommen. Freunde, Leute aus dem Studium. Im Laufe dieser Zeit wurde stand fest: Wir gründen.
Alex: Das haben wir 2015 getan. Und ab da war das auch im Kopf kein Spielzeug mehr (hier gehts zum ausfürhlichen Gründerporträt der beiden).

Wie geht das: studieren und gründen?
Alex: Mit Effizienz. Du investierst nur das Nötigste ins Studium, nach dem Pareto Prinzip …
Nico: Wir lernen erst zwei Wochen vor einer Klausur gezielt den Stoff. Während des Semesters vergessen wir, dass wir studieren. Dann gehören hundert Prozent der Zeit TheSimpleClub.
Alex: Daran sieht man, wie veraltet das Studiensystem ist. Obwohl wir in keine einzige Vorlesung gehen und den Namen unserer Profs nicht kennen, schaffen wir unser Studium genauso wie unsere Kommilitonen.
Nico: Das ist wie die Fortsetzung der Schule: pauken, Klausur schreiben, vergessen.

Bedient ihr nicht genau das Prinzip mit euren Videos …
Nico: Ja und nein. Anfangs haben wir die Kids hauptsächlich dabei unterstützt, auf eine Klausur hin zu lernen. Inzwischen beschäftigen wir uns viel damit, wie Menschen lernen. Und mittlerweile funktioniert unser Angebot so, dass das Wissen über das Lernen für Klausuren hinausreicht. Aber natürlich funktioniert es nach wie vor so gut, weil das System Schule in Deutschland ziemlich mies ist.

Wie meinst Du das?
Nico: Die Art, wie Wissen in vielen Schulen vermittelt wird, ist einfach nicht zeitgemäß. Da werden festgelegte Themen in die Köpfe geschüttet, abgefragt, benotet. Ende.
Alex: Das wollen wir verändern…

… also keine Video-Tutorials mehr, mit denen ihr gerade euer Geld verdient?
Alex: In ein paar Jahren schaut sich niemand mehr Videos an, auch nicht unsere. Wir stellen uns eine Siri vor, die auf individuelle Anfragen reagiert, die genau die Grafiken und Bilder zeigt, die derjenige gerade braucht.

„Wir helfen den Kids, ihr Lernen anders zu organisieren“

Wie genau soll das gehen?

Alex: Künstliche Intelligenz, das ist die Zukunft. Der Zwischenschritt ist die App, an der wir gerade arbeiten. Sie bietet eine Bibliothek, Lernmodule, Suchfunktion – Basics halt. Das Kernfeature sind die eigenen Playlisten. Der Nutzer gibt an, mit welchem Thema er sich beschäftigen möchte und wir schlagen ihm Inhalte vor. Die kann er sich dann individuell zusammenstellen. Wir helfen den Kids also, ihr Lernen anders zu organisieren.

Braucht ihr dafür nicht noch viel mehr Inhalte als bisher?
Nico: Ja. Wir arbeiten gerade an unseren internen Prozessen. Es muss viel schneller gehen, neue Themen oder ein neues Fach günstig aufzubereiten.
Alex: Die Inhalte wollen wir viel spielerischer anbieten. Lernen geht leichter, wenn es Spaß macht und den Spieltrieb anfixt.
Nico: Und wir müssen die acht Fächer, die wir zurzeit abdecken, ergänzen. Beispielsweise um Sprachen.

Ein digitalisiertes schlechtes System

Schüler brauchen dann also nur eure App, um sämtlichen Stoff zu lernen?
Nico: Das ist unser Ziel. Wir wollen mit TheSimpleClub den gesamten Lernprozess abdecken. Immer mit dem Fokus darauf, wie das menschliche Gehirn am besten lernt.
Alex: Aber das muss nicht heißen, dass wir die einzige Lösung haben, um das Lernen besser zu machen. Nur weil wir digital erfolgreich unterwegs sind, bedeutet das nicht, dass alles auf Krampf digitalisiert werden muss. Die Diskussion über die Digitalisierung der Schule halten wir für ziemlich daneben. Wer ein schlechtes System digitalisiert, bekommt ein digitalisiertes schlechtes System. Es muss darum gehen, Lernen grundlegend zu verbessern. Und wenn im nächsten Schritt digitale Lösungen passen, dann ok.

TheSimpleClub will das Bildungssystem verändern …?
Nico: Das ist unsere Vision. Wir wollen Antworten auf die Frage entwickeln: Wie erreichen wir hundert Prozent individuelles Lernen? Denn daran mangelt es in unserem Bildungssystem gewaltig.
Alex: Wir wollen irgendwann jeden Nutzer individuell an die Hand nehmen und die Themen vermitteln, die zum Leben und zu der Zeit passen. Denn das ist in fünf Jahren wahrscheinlich anders als in 20.

Ihr kennt euch seit mehr als zehn Jahren und arbeitet seit fünf Jahren intensiv zusammen. Wie schafft ihr es, euch nicht auf den Wecker zu gehen?
Alex: Das fragen wir uns auch manchmal… Im Ernst: Wir wissen genau, was der andere kann und dass wir uns zu hundert Prozent vertrauen können.
Nico: Wenn ich für ein halbes Jahr ausfallen würde, dann wäre TheSimpleClub trotzdem da, wo wir es geplant haben. Ich kann mich auf Alex absolut verlassen.
Alex: Außerdem ist es psychologisch gesehen dumm, sich zu streiten. Wir beschäftigen uns viel damit, wie der menschliche Geist funktioniert – dabei haben wir auch gelernt, wie man konstruktiv mit Konflikten umgeht.

Eure wichtigste Botschaft für junge Menschen mit einer Idee fürs eigene Business?
Alex: Mach es! Es ist einfach genial, ein Gründer zu sein. Du hast großen Einfluss, siehst sofort Ergebnisse und bist nicht nur ein Rädchen unter tausenden.
Nico: Es gibt extrem viele falsche Annahmen rund ums Gründen. Bloß nicht gründen und studieren. Bloß keine Freunde einstellen. Bloß nicht remote gründen. Alles Quatsch. Als Gründer kannst Du Regeln brechen und eigene aufstellen. Das ist Freiheit.

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