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Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut und Manager Ulrich Dietz sprechen über den Gründerstandort Baden-Württemberg

Frau Hoffmeister-Kraut, Sie haben viele Initiativen angestoßen, einen Start-up-Gipfel veranstaltet, eine große Kampagne gestartet, um den Gründergeist im Land anzukurbeln – gibt es so viel nachzuholen?

Nicole Hoffmeister-Kraut: Als ich vor gut einem Jahr ins Amt gekommen bin, hatte ich schon den Eindruck, dass sich das Land im Dornröschenschlaf befindet.

Ulrich Dietz: Dornröschenschlaf? Ich weiß nicht. Man vergisst leicht, dass die hiesige Gründerkultur in den 1980er-Jahren entstanden ist. Mit dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth. Der hat zahlreiche Technologiezentren gegründet und damit die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft ermöglicht.

Hoffmeister-Kraut: Ich habe den Dornröschenschlaf eher auf das Engagement der Politik bezogen, nicht auf die Start-up-Szene an sich. Da passiert ziemlich viel, das Problem ist nur: Niemand bekommt es mit.

Woran liegt das?

Hoffmeister-Kraut: Baden-Württemberg ist ein Flächenland. Wir haben neun Start-up-Ökosysteme mit unterschiedlichen Schwerpunkten an Branchen. Anders als Berlin zum Beispiel ist die Start-up-Szene in Baden-Württemberg regional zersplittert. Mit unseren Initiativen möchten wir das ändern, möchten die Gründerzentren stärker miteinander vernetzen und die vielfältigen, erfolgreichen Aktivitäten bekannter machen.

Dietz: Eine Ergänzung zu Berlin: In der Hauptstadt entwickeln Start-ups eher Produkte für Verbraucher, in Baden-Württemberg stärker für die Industrie. Berliner Geschäftsmodelle wie Zalando oder Trivago lassen sich besser vermarkten, weil sie greifbarer sind als zum Beispiel eine Software für die Industrie 4.0. Der ganze Hype in Berlin hat aber Energien freigesetzt – auch in Baden-Württemberg. Die wollen sich hier nicht den Schinken vom Brot nehmen lassen.

Hoffmeister-Kraut: Müssen sie auch nicht. Wir können sehr selbstbewusst sein. Natürlich herrscht hierzulande eine andere Gründerkultur als in der Hauptstadt. Der Erfindergeist in Baden-Württemberg ist im 19. Jahrhundert aus der Armut entstanden. Anders als im Ruhrgebiet zum Beispiel gab es hier keine Bodenschätze. Also mussten sich die Menschen etwas Neues einfallen lassen. Das ist auch heute noch so. Herr Dietz, Sie sind das beste Beispiel dafür. Sie haben als junger Mann den Schritt in die Selbständigkeit gewagt.

Dietz: Ja, aber im Wesentlichen, weil ich dazu animiert worden bin. Ich habe Anfang der 80er-Jahre im Technologiezentrum in St. Georgen gearbeitet und 1987 GFT zusammen mit einem Professor von der Hochschule gegründet. Die politischen Rahmenbedingungen waren für uns damals sehr hilfreich.

Hoffmeister-Kraut: Das interessiert mich, wie wurde Ihnen geholfen?

Dietz: Wir konnten die Räume der insolvent gegangenen Firma Dual für eine Mark pro Quadratmeter mieten. Außerdem half uns der Geschäftsführer des Technologiezentrums bei kaufmännischen Fragen. Und wir konnten auf studentische Hilfskräfte zugreifen. Das war eine gute Basis, um Schritt für Schritt ein Unternehmen aufzubauen.

Hoffmeister-Kraut: Genau das ist der Geist, den wir brauchen. Zu dieser Form der kooperativen Zusammenarbeit und des Netzwerkens möchten wir mit unseren Initiativen beitragen. Zum Beispiel mit den Digital Hubs. Verschiedene Akteure bekommen so die Möglichkeit, sich auszutauschen oder sich auf dem Weg zur Gründung beraten zu lassen.

Was die Gründungen in Baden-Württemberg betrifft, so sind die ja eher rückläufig …

Hoffmeister-Kraut: Das muss man differenzierter betrachten. In den Regionen Baden-Baden, Mannheim oder Ulm hat es 2016 überdurchschnittlich viele neue Start-ups gegeben. Die Gründung kleinerer Betriebe hingegen ist um 12,8 Prozent zurückgegangen. Unternehmen, die um die 20.000 Euro Startkapital brauchen, haben es bei den Banken schwer. Für die sind Kleinkredite nicht rentabel. Deshalb haben wir MikroCrowd ins Leben gerufen. Mit diesem bundesweit einmaligen Programm möchten wir auch die Gründungsdynamik im Bereich lokaler oder regionaler Geschäftsideen erhöhen. Auch in Branchen, die nicht so leicht an Fremdkapital kommen, zum Beispiel in der Kreativwirtschaft.

Dietz: Aber was hilft das, wenn es an Unternehmergeist mangelt? Es passiert noch zu selten, dass junge Leute sagen „Ich sehe eine tolle Chance und mache daraus eine neue Firma“. Viele Ingenieure oder Betriebswirte gehen nach dem Studium lieber in die Festanstellung. Wir leben in einer Gesellschaft, die nach Sicherheit strebt.

Hoffmeister-Kraut: Stimmt. Wir haben Arbeitsplätze, die finanziell und inhaltlich hochattraktiv sind. Das ist einerseits ein enormes Pfund, andererseits wirkt dieser Wohlstand dem Gründungswillen entgegen.

Dietz: Deshalb müssen wir die Menschen früh fürs Gründen begeistern. In den Schulen zum Beispiel. Wir müssen die Themen Innovation und Technologie in die Lehr- und Ausbildungspläne bringen. Den Schülerinnen und Schülern vermitteln, dass es großartig ist, Unternehmerin oder Unternehmer zu sein.

Hoffmeister-Kraut: Ich war dieses Jahr in Israel. Da herrscht ein großes Engagement, die Gründerkultur ist extrem lebendig. Das hat mich inspiriert. Zum Beispiel wird in Israel schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in Start-ups investiert. Finanzierung funktioniert aus der Vergabe von Lizenzen und staatlichen Zuschüssen. An so etwas Ähnlichem arbeiten wir zurzeit. Wagemutige Köpfe mit innovativen Geschäftsmodellen dürfen nicht abwandern. Daher brauchen wir im Land ausreichend Venture Capital.

Dietz: Was das Thema Risikokapital betrifft, so habe ich vor Kurzem Folgendes erlebt: Ein Unternehmer aus dem Schwarzwald hat ein Produkt entwickelt. Da geht’s um Home Communication, wirklich bahnbrechend. Er hat aber keine Ahnung, wie er an Risikokapital kommt, um das Produkt in Serie herstellen zu können. Wären wir in Berlin, würden die Investoren bei ihm Schlange stehen. Aber er weiß gar nicht, wie er die finden soll, geschweige denn, wie er sich auf Termine vorbereitet.

Hoffmeister-Kraut: Für solche Fragen muss es Beratungs- und Informationsangebote geben. Unsere Kampagne dazu und unsere Maßnahmen haben wir im Juli auf dem Start-up-Gipfel vorgestellt. Wir richten beispielsweise einen zentralen Vermittlungsservice bei unserem landesweiten Netzwerk für Beteiligungskapital, kurz VC-BW, ein. Und es gibt flankierend mit der neuen VC-Vermittlungsplattform VentureZphere der Börse Stuttgart endlich auch ein leistungsfähiges Angebot im Internet.

Dietz: Die Politik muss nur gucken, dass die Dinge gut koordiniert werden. Viele Aktionen laufen parallel. Da besteht die Gefahr, dass die Unternehmen vor lauter Start-up-Euphorie am Ende gar nicht mehr wissen, was zusammenpasst.

Herr Dietz, Sie haben einmal gesagt, Politiker sollten nicht ins Silicon Valley reisen, sondern lieber das ZKM, das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, besuchen. Warum?

Dietz: Das Silicon Valley wird wie ein Mythos vermittelt. Die Politiker bekommen dort nur einen platonischen Einblick. Sie gehen zu Google oder Facebook und dann erzählt einer, wie toll die sind. Direkt mit den Leuten zu reden, das geht ja nicht. Ich denke, viel wichtiger wäre es, herauszufinden, wo in Baden-Württemberg Dinge neu gedacht werden, wo Avantgarde entsteht. Und ich finde, das ZKM ist so ein Ort.

Hoffmeister-Kraut: Grundsätzlich ist es wichtig, offen für Einflüsse zu sein, die aus ganz anderen Bereichen kommen. Kunst und Kultur können Quellen sein. Sie haben die Kraft, Denkstrukturen aufzubrechen. Weil sie Ideen liefern. Und genau sie prägen unser Denken, und nicht nur rein monetäre Aspekte.

Dietz: Für mich passiert das im ZKM in vielfacher Hinsicht. Die Studierenden widmen sich zum Teil total abstrakten Themen, die in erster Linie nicht monetär umsetzbar sind. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir manchmal vermeintlich Unnützes tun sollten, um Nützliches zu erreichen. Das ist übrigens bei allen innovationsbegeisterten Menschen der Fall. Sie beginnen mit einer Idee, weil sie von der Begeisterung geleitet werden, etwas Besonderes zu erforschen.

Interview: Anette Frisch. Fotos: KD Busch

 


 

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut

Die Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau kam 2016 ins Amt. Die Kommunalpolitikerin (CDU) und promovierte Betriebswirtin war zuletzt Mitglied des Aufsichtsrats im Unternehmen Bizerba, das ihre Familie vor gut 150 Jahren gegründet hat. Davor hat die 44-Jährige unter anderem als Analystin bei der Unternehmensberatung Ernst&Young in London und Frankfurt gearbeitet.

 

 

 

Ulrich Dietz

Der Diplom-Ingenieur baute 1985 ein Softwareunternehmen auf, aus dem die GFT Technologies SE hervorgegangen ist. Der 59-Jährige arbeitet in zahlreichen Gremien der Digitalwirtschaft mit. Unter anderem ist er Vizepräsident des Bitkom. Dietz hat 2017 seine Position als CEO der GFT nach 30 Jahren niedergelegt, um den Vorsitz des Verwaltungsrats zu übernehmen. Er widmet sich zudem verstärkt der regionalen Gründerszene.

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