Die Spätzle-Shakerin

Bei frisch gemachten Spätzle läuft Schwaben das Wasser im Mund zusammen. So auch Julien Hartung: Oft wünschte sich der Schüler aus Tübingen seine Leibspeise. Seine Mutter Susann, eine Modejournalistin, brachte das ins Schwitzen. „Das Spätzle-Machen ist aufwendig und für viele eine Riesensauerei“, sagt sie. Doch vor neun Jahren hatte sie eine Idee, wie sich das schwäbische Nationalgericht ohne klebrige Teigreste auf dem Kochgeschirr zubereiten lässt. Die Utensilien dafür: eine weiche Kunststoffdose mit Deckel, den Mutter und Sohn mit einer Bohrmaschine malträtierten, sowie zwei Murmeln. Das genügte für erste Experimente: Wasser, Mehl, Salz und Eigelb in den Behälter geben, die Zutaten schütteln – mit den Murmeln als Rührlöffelersatz – und den so entstandenen Teig durch die Löcher im Deckel in kochendes Wasser drücken. Das Resultat: leckere Schwabennudeln. Die Küche blieb sauber, der Spätzle-Shaker war geboren.

Auf dem Weg zum Produkt konnten die beiden auf Kontakte von Julien zur Baden-Württemberg Stiftung und zum Steinbeis-Transferzentrum bauen. Der Schüler hatte 2009 mit einem 3D-Domino aus magnetischen Holzbausteinen beim Artur Fischer Erfinderpreis den dritten Platz erreicht. Die Macher des Preises unterstützten nun das Tüftlerduo beim Patentschutz und ermöglichten ihm die Teilnahme an der Erfindermesse iENA in Nürnberg. „Das Interesse am Shaker war groß“, sagt Susann Hartung. „Das spornte uns weiter an.“ Feedback sammelte die Erfinderin auch bei einer Aktion mit dem Schwäbischen Tagblatt in Tübingen, bei der sie 250 Gratis-Shaker an Testnutzer verteilte – die dann über ihre Erfahrungen berichteten. Bereits zuvor hatten die beiden Erfinder den Teigschüttler zu einem nützlichen Küchenwerkzeug weiterentwickelt. So ist aus dem losen Deckel ein Schraubverschluss geworden. Die Glasmurmeln sind zwei Stahlkügelchen gewichen. Zudem ist das Rezept auf den Shaker gedruckt, samt Skala für die Füllmengen der Zutaten.

Allerdings: Als die Unternehmensgründung anstand, türmte sich ein Hindernis. Um nicht teure Gussformen für die Fertigung der Kunststoffteile anschaffen zu müssen, hatte Susann Hartung sich mit einem Fabrikanten für Fahrradwasserflaschen zusammengetan. „Doch der versuchte, mir die Rechte an der Erfindung streitig zu machen“, berichtet die Erfinderin, die daher vom gemeinsamen Projekt absprang und 2010 allein die Spätzle-Shaker UG gründete. Es folgte ein Schlagabtausch vor Gericht, den die Tübingerin gewann. „Das war eine harte Zeit“, sagt sie – zumal auch eine Kooperation mit dem Schwäbischen Tagblatt kurzfristig platzte. Doch die Gründerin ließ nicht locker. Hilfe fand sie bei ihrem Cousin, einem Modellbauer, der ihr Mut machte, eigene Gussformen bauen zu lassen, und einem kunststoffverarbeitenden Betrieb in ihrer Geburtsstadt Oberndorf, der die Produktion übernahm. Die Gussformen dafür stellt ein Unternehmen in Geisingen her, die Verpackungen eine Firma aus Alpirsbach, nur die Mixerkugeln kommen aus dem Ausland.

„Baden-Württemberg hat Start-up-Gründern Geniales zu bieten“, sagt Susann Hartung. „Es gibt hier eine breite Infrastruktur an kompetenten Firmen, auf die man bauen kann, wenn man ein neues Produkt an den Markt bringen will.“ Die meisten Betriebe seien offen für Kooperationen. „Ein idealer Nährboden für Existenzgründer – und ein riesiger Standortvorteil.“ Susann Hartung führt heute mit ihrem Sohn ein florierendes Unternehmen. Über Amazon verkaufen die beiden ihren Spätzle-Shaker in ganz Deutschland und in etlichen anderen Ländern. 2017 wird der Umsatz wohl bei rund 350.000 Euro liegen – Tendenz: steigend. „Seit Frühjahr 2017 sind wir selbst direkter Lieferant beim TV-Shoppingkanal QVC“, sagt Susann Hartung. Im Sommer bezog die Firma neue Räume für das stark gewachsene Warenlager.

Als Unternehmerin ist Susann Hartung in ihrem Element. Ihre Tätigkeit als Kommunikationsberaterin für Bekleidungskonzerne hat die Gründerin längst aufgegeben und widmet sich mit Leib und Seele ihrem Start-up – in den Bereichen Management, Marketing, PR und mit kreativen Einfällen. Inzwischen gibt es auch Shaker für Butter, Yorkshire-Pudding, Pfannkuchen oder Crêpes – mit einem selbst entwickelten Rührelement aus verschlungenen Federn. „Für 2018 sind neue Produkte in Vorbereitung“, verrät Susann Hartung. Ein Wunsch liegt ihr am Herzen. „Die Steuer bremst mich mächtig aus“, sagt sie. Der Aufwand dafür und die Kosten für den Steuerberater seien Motivationskiller. „Ich zahle meine Steuern gern“, betont die Firmenlenkerin, „doch eine deutliche Vereinfachung wäre eine enorme Erleichterung – für mich und viele andere Kleinunternehmer.“

Text: Rolf Metzger. Fotos: Tom Ziora

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