Veränderung verinnerlicht

Wie aus dem traditionsbewussten Verlagshaus Haufe ein flexibles Softwareunternehmen wurde – und wie es nun Start-ups beim Sprung in den Markt unterstützt.

Für Malte Steiert war der Roadtrip durch die USA ein Abenteuer – und ein Lehrstück über die Unterschiede in der Gründerkultur diesseits und jenseits des Atlantiks. Steiert ist Mitgründer von Foodguide, einem sozialen Netzwerk für Liebhaber guten Essens. Vier Wochen lang tourte der Hamburger Jungunternehmer mit dem Wohnmobil durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Begleitet hat ihn Florian Schmitt. Der 30-Jährige ist bei der Haufe Gruppe in Freiburg „Start-up-Relations-Manager“ und hat sich die Tour ausgedacht. Im Rahmen des Förderprogramms lexRocket unterstützt er seit Anfang 2016 junge Firmengründer auf ihrem Weg an den Markt.

Der Roadtrip startete Anfang April 2017 in San Francisco und führte die Deutschen über Los Angeles, Las Vegas, Denver und Chicago bis nach New York an die Wall Street – die Börse, ein Sehnsuchtsort vieler Start-up-Gründer. Mehr als 5.000 Kilometer ließen die beiden hinter sich. Im Gepäck die Frage, warum es Gründern in den USA viel häufiger als in Deutschland gelingt, aus der Garage an die Weltspitze zu gelangen.

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„Wir lernen durch die Start-up Unterstützung eine Menge über die Bedürfnisse junger Firmen.“ – Florian Schmitt

Ihre Suche führte Steiert und Schmitt an verschiedene Orte, sie sprachen mit unterschiedlichen Menschen und nahmen an Workshops teil. Beispielsweise an einem Bootcamp in San Francisco, wo sie die amerikanische Unternehmermentalität kennenlernten und viel über die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA erfuhren. Steiert und Schmitt besuchten außerdem die US-Unternehmen Salesforce und Dropbox. Die Konzerne bieten, wie Foodguide, Dienste übers Web an und sind in kurzer Zeit große Player am Markt geworden: ein Ziel, das auch Malte Steiert verfolgt. Über Mitarbeiter des deutschen Generalkonsulats in Los Angeles erhielt er zudem interessante Einsichten in die amerikanische Gründerwelt. „Die Gespräche waren inspirierend und extrem spannend“, sagt Malte Steiert begeistert. „Ich konnte viele neue Kontakte knüpfen und habe jede Menge darüber erfahren, wie sich erfolgreiche Gründer präsentieren und vermarkten.“ Das sind wichtige Erkenntnisse für den Start-up-Unternehmer, der das Online-Angebot von Foodguide in Zukunft auf Metropolen in den USA ausweiten will.

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„Den Takt für das, was wir tun, geben unsere Kunden vor.“ – Christian Steiger

Kreative Unterstützung aus Freiburg

Florian Schmitt ist bei Haufe dafür zuständig, sich so ungewöhnliche Ideen wie den Roadtrip auszudenken. Mit seinen kreativen Einfällen sorgt der quirlige Start-up-Förderer für Wirbel in der Szene. So rief er Mitte 2016 bei der Haufe Gruppe das Format „Start-up des Monats“ ins Leben. Ein Förderprogramm, auf das sich junge Unternehmen bewerben können – und bei dem im November 2016 Malte Steiert mit Foodguide überzeugte. Wer aus den mehreren Dutzend Bewerbern ausgewählt wird, wird vielfältig unterstützt. Zum Beispiel mit einem Coaching durch das lexRocket-Team von Florian Schmitt – selbst ein erfahrener Gründer mit vielen Kontakten in die Szene. In Workshops vermittelt er den jungen Unternehmern sein Wissen über Vertrieb, Marketing, Netzwerken oder Finanzen. Regelmäßig führt Schmitt auch ausgewählte Firmenlenker zu Messen und Start-up-Events.

Florian Schmitt möchte mit seinem Engagement „die Region Freiburg zu einem Ökosystem für Start-ups zu machen“. Ihm schwebt ein Silicon Valley im Südbadischen vor. „Wir brauchen hier eine gute Gründerszene“, sagt er. Die Voraussetzungen seien dafür exzellent: „Es gibt gute Hochschulen, Kapital, einen großen und interessanten Markt und viele junge Talente.“ Er sieht seine Aufgabe darin, die Verbindung zwischen Haufe und der Gründerszene zu stärken und den Austausch untereinander zu intensivieren. „Wir lernen dadurch eine Menge über die Bedürfnisse junger Firmen. Zum Beispiel über die Art, wie sie mit großer Geschwindigkeit auf neue Herausforderungen reagieren und welche innovativen Technologien sie dafür nutzen.“ Das Wissen, das sich aus dieser Zusammenarbeit ergibt, nutze Haufe, um selbst geschickter auf die ständig wechselnden Ansprüche seiner Kunden zu reagieren, so Schmitt.

Agile Teams sorgen für Innovation

Szenenwechsel: die Abteilung „Innovationsbereich“ bei der Haufe Gruppe in Freiburg. Sie ist die Bühne, die Christian Steiger für die stetige Erneuerung des Unternehmens bereitet. Der dynamische Informatiker sprüht vor Ideen und vor Begeisterung für eine neue Form des Arbeitens, die er hier geschaffen hat. Steiger hat den „Innovationsbereich“ 2010 gegründet, als Antwort auf die neuen Bedürfnisse des digitalen Zeitalters. Heute arbeiten gut 60 Mitarbeiter in der Abteilung und entwickeln in agilen Teams neue Produkte. Beispielsweise eine Buchhaltungssoftware, die mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet und deshalb lernfähig ist.

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Der Hamburger Malte Steiert (2. v. li) ging 2015 mit Foodguide an den Start – einer App für findige Restauranttipps

Früher war Haufe ein Fachverlag für juristische Fachinformationen. Das Geschäftsmodell geriet durch die zunehmende Digitalisierung ins Wanken. Haufe reagierte darauf mit einem radikalen Wandel: Das Unternehmen verabschiedete sich vom reinen Verlagsgeschäft und setzte auf die Entwicklung von Software für Steuer und Buchhaltung. Nicht nur das Produktportfolio änderte sich, sondern auch die internen Strukturen. „Wir mussten einen immer komplexer werdenden Markt und ein sich stetig änderndes Nutzerverhalten ins Bewusstsein unseres Unternehmens bringen“, sagt Steiger, der bereits seit 1999 bei Haufe ist.

Das Unternehmen hat gelernt, die Welt aus der Sicht des Kunden zu betrachten und seine Prozesse und Produkte danach auszurichten. Es sind auch die Bedürfnisse von Kunden mit skalierbaren Geschäftsmodellen, wie Start-ups. „Und die sind ständig in Bewegung“, sagt der tatkräftige Medieninformatiker. Um die Dynamik zu erkennen und sie in passende Produkte umzusetzen, sind bestimmte Mitarbeiterqualitäten gefragt. Zum Beispiel die Bereitschaft, stets Neues lernen zu wollen. „So wächst Agilität“, sagt Steiger. „Agilität ist eine Kombination aus Beweglichkeit und Anpassungsvermögen.“ Sie erlaubt es, auf die Veränderungen am Markt und die sich wandelnden Bedürfnisse von Kunden schnell und flexibel zu reagieren.

Beweglichkeit erfordert ein Höchstmaß an Entscheidungsfreiheit für die Mitarbeiter und demokratische Prozesse anstelle hierarchischer. Steiger schafft dafür den Rahmen. Der reicht so weit, dass beispielsweise über Neueinstellungen nicht er entscheidet, sondern das gesamte Team. Der Mut, Dinge anders zu machen, neue Wege zu gehen – auch das ist eine Qualität, die sich die Haufe Gruppe aneignen musste. Die Digitalisierung hat die gesamte Unternehmenskultur verändert. Und das so weit, dass sich Freigeister wie Florian Schmitt in dem modernen Traditionsunternehmen wohl fühlen – und Ideen spinnen, die wohl anderswo aus Kostengründen abgeschmettert würden. Davon hat der Hamburger Gründer Malte Steiert bereits mehrfach profitiert: Ein paar Monate vor dem gemeinsamen Trip durch die USA hat er Florian Schmitt auf einen Segeltörn begleitet. Mit an Bord: Investoren, mit denen der Foodguide-Chef ganz locker ins Gespräch kommen konnte.

Text: Rolf Metzger. Fotos: Michael Bamberger, Haufe-Lexware


Der Roadtrip von Christian Steiert und Florian Schmitt ist unter dem Titel „Starting Up USA: Von der Garage zum Unicorn in 5000 km“ in ausgewählten Kinos zu sehen. Der Trailer gibt einen kleinen Vorgeschmack…

 

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