Raus aus dem Büro

Den eigenen Job von jedem Ort dieser Welt aus zu tun. Das meint remote Arbeiten. Von der Zukunft dieser Arbeitsform ist Nadja Mütterlein felsenfest überzeugt. Mit ihrem Start-up möchte sie mobiles Arbeiten in Deutschland vorantreiben.

Ein Skype-Interview mit der Gründerin von Remote Talents

Perspektive: An welchem Ort der Welt sind Sie gerade?
Nadja Mütterlein: In Spanien, nahe Madrid. Wo es 40 Grad heiß ist und ich tatsächlich manchmal das deutsche Wetter vermisse.

Was tun Sie dort?
Ich arbeite hier ein dreiviertel Jahr für Bosch, meinen Arbeitgeber. Wie bereits in Stuttgart bin ich im Personalwesen tätig. Parallel entwickle ich Remote Talents weiter.

Sie fahren also zweigleisig?
Ja, vor drei Jahren bin ich bei Bosch eingestiegen. Als sogenannte HR Business Partnerin. Ich habe von Stuttgart aus etwa 550 Mitarbeiter betreut, hauptsächlich Führungskräfte, bei allen personalrelevanten Themen. Anfang 2016 bin ich dann im Netz auf ein Angebot aus Amerika gestoßen: Da sollte eine Gruppe zusammengestellt werden, die ein Jahr lang reist und den eigenen Job von anderen Orten aus macht. Das Programm hat mich sofort begeistert, ich habe mich beworben und bin angenommen worden. Und die Erfahrungen haben mich dann inspiriert, mein eigenes Unternehmen zu gründen.

War man bei Bosch denn sofort einverstanden damit, dass Sie von anderen Orten aus arbeiten?
Meine eigene Führungskraft war super offen. Natürlich gab es auch Bedenken, schließlich besteht mein Arbeitsalltag vor allem aus Meetings mit Menschen. Und ein Tag home office ist definitiv eine andere Nummer als der komplette Wechsel ins Ausland. Trotzdem war Bosch bereit, sich darauf einzulassen, auch um für den Konzern weitere Erfahrungen mit dem mobilen Arbeiten zu sammeln. Im Juni 2016 bin ich dann gestartet.

Insel, Hängematte, Laptop – sah es so aus wie im Klischee?
Nein, wir waren auf keiner Insel, sondern in europäischen Großstädten: etwa Prag, Belgrad, Lissabon, jeweils einen Monat. Dort habe ich meine ganz normalen Aufgaben via Laptop und Handy erledigt. Zumeist in Büros auf Zeit, also Coworking Spaces, aber ich habe auch in Cafés oder in Parks gearbeitet. Allerdings nur selten in der Hängematte liegend, ich sitze lieber im Gras …

Was war dabei für Sie die größte Herausforderung?
Mich selber zu strukturieren und zu organisieren. Mein gewohnter Rahmen war ja weg: kein eigener Schreibtisch, keine Kollegen, keine gemeinsamen Mittagspausen. Gleichzeitig war ich sehr stark an die Termine in Stuttgart gebunden. Dann ist da die Stadt, die Dich lockt und die Du kennenlernen möchtest. Du brauchst ein Fitnessstudio, einen Sprachkurs, Freizeitangebote. In relativ kurzer Zeit eigene Strukturen aufzubauen, das ist schon eine Herausforderung.

Das hört sich so an, als ob remote die Flexibilität von Mitarbeitern besonders fordert …
Auf jeden Fall! Ich habe das alles ja immer auch durch die Brille der Personalerin gesehen. Remote bedeutet, sich in fremden Umgebungen zurecht zu finden, sich schnell mit Unbekanntem zu arrangieren, Probleme eigenständig anzugehen. Es werden also viele enorm wichtige Fähigkeiten trainiert.

Haben Sie Neues über ihre eigene Arbeitsweise gelernt?
Tatsächlich weiß ich heute viel besser, welche Umgebung für mich zu welchem Inhalt passt. Konzeptionelle und kreative Arbeit kann ich viel besser unter freiem Himmel erledigen. Für Excel-Tabellen brauche ich einen geschlossenen Raum, und Schreiben geht gut im Zug oder im Flugzeug.

In welcher Stadt kam Ihnen die Idee für das eigene Start-up?
Nicht in einer bestimmten Stadt, es war auch kein Aha-Moment. Mit meiner Begeisterung für das Programm ging der Gedanke einher: Davon brauchen wir viel mehr in Deutschland, wenn wir die digitale Arbeitswelt gestalten wollen. Es muss sich was in unseren Köpfen und in unserer Mentalität wandeln. Und dann war es ein kleiner Schritt hin zu: Und ich will das mit vorantreiben. Also warum nicht gründen…

… und den Job bei Bosch aufgeben?
Gerade nicht! Das ist die alte Denke: Wenn Du im Unternehmen arbeitest, kannst Du kein Start-up sein. Beides geht. Ich habe nach dem Programm ein Sabbatical gemacht und damit begonnen, gemeinsam mit einem Geschäftspartner die Idee für Remote Talents auszuarbeiten. Er von Deutschland aus, ich von unterwegs.

Reisen als Teil der Business-Entwicklung?
Ja, ich kann nur überzeugt von etwas sprechen, wenn ich es selbst erfahren habe. Also bin ich für sieben Monate als digitale Nomadin unterwegs gewesen. Marokko, Spanien, Thailand, Vietnam, Taiwan, fünf Länder Afrikas. Vor Ort habe ich mir Coworking-Spaces angeschaut, mit möglichen Kooperationspartnern gesprochen, Netzwerke geknüpft. In der Zeit hat sich der Kern von Remote Talents verdichtet: Professionals und ihren Unternehmen mit einem Programm über ein halbes Jahr die Chance zu geben, mobiles Arbeiten zu erleben. Vorteil für den Arbeitgeber: Er sammelt Erfahrungen und kann gezielt eine Veränderung seiner Kultur anstoßen.

Wohin soll die Reise führen?
Nach Asien. Chiang Mai, Kuala Lumpur, Saigon, um einige Städte zu nennen. Die komplette Organisation macht Remote Talents. Die Teilnehmer können neben ihrer laufenden Arbeit also komplett in die neue Umgebung eintauchen.

Hat das Programm schon seine Premiere gehabt?
Nicht in der Form, wie wir es zuerst geplant hatten. Wir haben zwar zahlreiche interessante Bewerbungen bekommen. Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass die allermeisten Arbeitgeber sehr zurückhaltend sind.

Was heißt das konkret?
Remote ist für die meisten Köpfe noch zu groß. Wenn wir mit Personalabteilungen oder Geschäftsführungen sprechen, ist da noch sehr viel Skepsis. Viele könne sich einfach nicht vorstellen, dass Mitarbeiter das können: die Welt kennenlernen und parallel zuverlässig ihren Job machen. Deshalb haben wir beschlossen, ein Pilotprojekt durchzuführen. Im Oktober dieses Jahres fährt eine Gruppe von Personalverantwortlichen aus verschiedenen Unternehmen für vier Wochen auf eine Finca nach Mallorca. Von dort aus erledigen sie ihre normalen Aufgaben, und gemeinsam entwickeln wir Remote Talents weiter. So bekommen wir eine Art Best Practice. Und gute Argumente von HR-Managern für ihre Kollegen.

Ihr Start-up ist also noch in der Entwicklung?
Ja, sowohl mein Geschäftspartner als auch ich sind in der komfortablen Situation, dass wir über feste Jobs abgesichert sind. Wir können Erfahrungen sammeln und müssen kein Geld mit unserem Baby verdienen …

.. was aber schon das Ziel ist?
Natürlich. Ich möchte daraus ein Business machen und irgendwann Mitarbeiter bezahlen. Trotzdem steht für mich im Vordergrund, dass ich vor allem die digitale Transformation und neue Arbeitsformen in Unternehmen vorantreiben will.

Hat Remote nicht auch Schattenseiten? Noch mehr beschleunigtes Arbeiten, weniger soziale Kontakte?
Das sind wichtige Themen, die wir in der Konzeption des Programms auch mitdenken. Beispielsweise wollen wir mit unseren Teilnehmern in der Gruppe reisen, damit es ein stabiles soziales Gefüge gibt. Ich habe viele digitale Nomaden kennengelernt, die sehr einsam und unglücklich sind. Ständig sind die Menschen, die sie treffen, morgen schon wieder weg.

Wie sieht es mit Ihrer eigenen Belastung aus? Vollzeitjob bei Bosch, abends und am Wochenende fürs Start-up aktiv?
Ich würde es vielleicht als belastend wahrnehmen, wäre ich von Remote Talents nicht 120 Prozent überzeugt. Außerdem achte ich sehr darauf, dass ich Zeit für mich habe. Mein miracle morning ist mir heilig, mit Lesen, Yoga, Meditation. Und auch wenn ich wie jetzt in Madrid bin, pflege ich meine Kontakte in Deutschland. Mit meinem Geschäftspartner spreche ich regelmäßig, mit Freundinnen verabrede ich mich zum Skypen und mit meinem Partner in Deutschland telefoniere ich fast jeden Abend. Zudem, und das ist der große Vorteil am mobilen Arbeiten, kann ich die Aufgaben für Remote Talents ortsunabhängig erledigen. So kommt das Reisen nicht zu kurz.

Das Interview führte Iris Hobler.

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