Die Revolutionärin

Saskia Biskup steht in ihrem Sprechzimmer vor einem Bild des Malers Dieter Krieg. Das Gemälde ist gut drei mal drei Meter groß, darauf Farbflächen, als hätte Krieg sie voller Wucht mit einem überdimensionalen Pinsel drauf gemalt: Blau, Braun Rot, verschwenderisch dick aufgetragen. Wer mag, kann die Kraft des Lebens in dem Werk entdecken. Und genau das ist es, was Saskia Biskup an Krieg gefällt: dass es in seinen Werken immer auch um das Leben geht. So, wie für sie. Schon mit sechs Jahren will sie Ärztin werden. Die gebürtige Frankfurterin studiert in Würzburg Medizin und Biologie, erwirbt in Heidelberg eine Zusatzqualifikation als Bioinformatikerin, und in Tübingen macht sie ihren Facharzt zur Humangenetikerin.

Humangenetik – das bedeutet, sich mit Fragen zu beschäftigen wie „Welche Genveränderungen sind für welche Erkrankung verantwortlich?“ oder „Wie wirken einzelne Gene zusammen und wie lassen sich daraus Therapien ableiten?“. Diese Fragen sind es, die Saskia Biskup faszinieren und die sie jeden Tag aufs Neue motivieren. Dass das Genom analysiert werden kann, ist noch gar nicht so lange möglich. 2001 ist es Forschern zum ersten Mal gelungen, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln. Es besteht aus rund 20.000 Genen und mehr als drei Milliarden Informationen, die auf den einzelnen DNA-Strängen liegen. 15 Jahre haben die Forscher dafür gebraucht, mehr als 200 Computer rechneten rund um die Uhr. Heute dauert die Analyse des Genoms eine Nacht – erledigt von einem sogenannten Hochdurchsatz-Sequenzierer.

Ein solches Gerät steht im Keller der CeGaT in Tübingen, dort, wo Saskia Biskup mit einer Kollegin die Praxis für Humangenetik führt. 2009 hat sie zusammen mit ihrem Mann das Unternehmen gegründet und damit „die Gendiagnostik auf den Kopf gestellt“, wie sie selbst es formuliert. Damals war ihr klar: Wenn sich das Genom mit der neuen Technologie innerhalb so kurzer Zeit entschlüsseln lässt, dann lässt sich die Ursache einer Krankheit ähnlich schnell herausfinden. Und genau das ist ihr Ziel: in wenigen Wochen Diagnosen zu erstellen, für die Mediziner bislang mehrere Monate brauchten.

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Das Ehepaar nimmt einen privaten Kredit über knapp eine halbe Million Euro auf, kauft den hochmodernen Sequenzierer und stellt ein kleines Team aus Medizinern, Biologen und Informatikern zusammen. Sie entwickeln ein Verfahren, mit dem sie mehrere hundert Gene gleichzeitig analysieren können, und nicht wie üblich einzelne Gene nacheinander. Mit den sogenannten Diagnostik-Panels ist CeGaT weltweit das erste Unternehmen, das diese Methode anbietet. Es wurde vielfach dafür ausgezeichnet: 2011 mit dem Deutschen Gründerpreis für Start-ups, 2014 mit dem EU-Innovationspreis für Frauen, 2016 mit dem Landespreis für junge Unternehmen.

Obwohl Biskup und ihr Unternehmen mit Preisen überschüttet werden, internationalen Ruf genießen und viele Aufträge aus dem Ausland erhalten – in Deutschland lehnen die Krankenkassen Biskups Diagnostik-Methode weitestgehend ab, weil es möglich ist, dass die umfassende Genanalyse auch Erkrankungen ans Licht bringt, die gar nicht untersucht werden sollten. „Zufallsbefunde“ heißt das in der Fachsprache. „Die Angst vor ethischen und rechtlichen Problemen überwiegt“, sagt Saskia Biskup. „Der Nutzen für den Patienten wird hierzulande dramatisch unterschätzt“.

Die 45-Jährige lässt sich vom Gegenwind aus dem Gesundheitssystem nicht entmutigen. Im Gegenteil: Wenn jemand sagt „Das klappt nicht“, ist das wie ein Schlüsselreiz für ihre Motivation. „Ich zweifle keine Sekunde daran, dass das, was wir heute machen, morgen Standard sein wird.“ Für Länder wie die USA, Kanada oder Schweden gilt das schon. Hier gehören Sequenzierungen von Genomen zum Klinikalltag. Saskia Biskup bezeichnet sich selbst als Optimistin. Sie sehe in allem immer das Gute. Irgendwo auf dem Server liegt die Auswertung ihres Genoms. Sie hat noch keine Zeit gehabt, sie anzuschauen. Angst, dass sie dabei ein Parkinson- oder Tumorrisiko entdeckt, hat sie nicht. „Ich gehöre zu denen, die wissen möchten, was sie erwartet“, sagt sie.

Text: Anette Frisch. Fotos: Tom Ziora

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