Die Autoflüsterer

Philip Blatter, Martin Kern und Robin Schönbeck kennen sich seit Jahren. Regelmäßig treffen sich die drei Informatiker zu Gesprächen über Themen, für die sie eine Leidenschaft teilen: IT und Autofahren. Das bringt Ende 2014 eine Idee hervor, die beides vereint. Die drei Baden-Württemberger beschließen, die PACE Telematics GmbH zu gründen. Ihr Ziel: auch älteren Fahrzeugen den Weg in die digitale Zukunft ebnen.

„Viele Neuwagen kommen heute mit eingebauter ‚Intelligenz‘ auf die Straße und sind ständig online“, sagt Martin Kern. Mehrere Hundert Euro lassen sich die Käufer die Ausstattung kosten. Warum, fragten sich die drei, sollten sich nicht auch Fahrzeuge, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben, zu „Smartcars“ aufrüsten lassen – für einen günstigeren Preis?

Datencheck mit Stecker und App

Die Antwort fanden sie in einem Adapter, der sich an die On-Board-Diagnoseschnittstelle andocken lässt. Die meisten Autos ab Baujahr 1996 haben diesen Anschluss, den Mechaniker in der Werkstatt nutzen. Die Schnittstelle gibt Einblick in den Zustand des Wagens.

PACE_2

Blatter, Kern und Schönbeck entwickelten einen schlauen Stecker, der die Fahrzeugdaten per Bluetooth an das Smartphone des Fahrers überträgt. Dort macht eine App daraus nützliche Informationen, Tipps und mobile Dienste. So können PACE Link und PACE App aktuelle Leistungswerte wie Drehzahl und Querbeschleunigung anzeigen. Ein Spritspartrainer unterstützt beim sparsamen Fahren. Auf Wunsch weist das System den Weg zur günstigsten Tankstelle. Und ein automatischer Notruf alarmiert nach einem schweren Unfall eigenständig den Rettungsdienst.

Im Frühjahr 2015 ging PACE an den Start. Doch seine Gründer passen nicht zum Klischee des jungen und ungestümen Start-up-Unternehmers. Bevor sie mit der neuen Firma Gas gegeben haben, nahmen sie sich Zeit, um die Zusammenarbeit zu testen. Die drei stellten fest, dass sie sich ideal ergänzen: Blatter ist Experte für Big Data, Schönbeck für Vertrieb sowie Unternehmensrecht, und Kern ist auf Marketing sowie Finanzen spezialisiert. Alle drei brachten Know-how im Aufbau von Unternehmen mit. So hatten Blatter und Schönbeck unter anderem eine App-Agentur aufgebaut. Kern hat mit Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel den Online-Reifenshop Tirendo.com eröffnet.

Finanzspritze durch Crowdfunding

Erfahrung und Reife – Blatter ist Jahrgang 1982, Kern Jahrgang 1973 und Schönbeck Jahrgang 1966 – halfen den drei PACE-Gründern bei einer der größten Herausforderungen: der Finanzie-rung ihrer Firma. „Zunächst haben wir die aus eigener Kraft gestemmt“, berichtet Kern. Doch bald fand das Team zwei Investoren. Inzwischen ist auch die L-Bank mit an Bord. Der Kontakt kam über das Karlsruher Cyberforum zustande. Das Start-up-Netzwerk zeichnete PACE 2016 mit dem Cyber-Champions-Preis als besten Newcomer aus.

„Die zweite große Herausforderung war die Technologie“, sagt Kern. Immerhin wollte das Trio ein anspruchsvolles Produkt anbieten, das in allen älteren und neuen Autos funktioniert. Bei der Entwicklung der Hardware dafür half ein etablierter deutscher Automobilzulieferer. Die letzte Hürde vor dem Sprung an den Markt nahm das junge Unternehmen mit einer Kampagne auf der Crowd-funding-Plattform Kickstarter im April. Interessenten konnten das – noch unfertige – Produkt dort preisgünstig vorbestellen. „Unser Ziel war, schnell an potenzielle Kunden zu kommen – und von Testnutzern wertvolles Feedback zu erhalten“, sagt Kern. Der Erfolg war beeindruckend: Nach drei Wochen waren 3.500 Vorbestellungen verbucht. Sie brachten einen Ertrag von rund 340.000 Euro – viel mehr als erhofft.

Großes Potenzial in ganz Europa

Ab Herbst 2016 war der schlaue Stecker in einer Beta-Version lieferbar. Im April 2017 kam das Produkt offiziell auf den Markt. Man kann es online für 119 Euro bestellen. Künftig wollen Blat-ter, Kern und Schönbeck Link und App auch im Einzelhandel anbieten. Außerdem haben sie Geschäftskunden als Partner im Visier: etwa Werkstätten und Gebrauchtwagenhändler. „Das Potenzial ist riesig“, erklärt Martin Kern. „Allein in Europa sind rund 140 Millionen Autos zugelassen, die unser Produkt nutzen könnten.“ Auch viele Käufer von Neufahrzeugen sind erpicht darauf – etwa wegen des automatisch geführten Fahrtenbuchs oder wegen der Fehlerdatenanalyse: Wenn eine Warnlampe aufleuchtet, erklärt die App in einfachen Worten das Problem – und ob es nötig ist, eine Werkstatt anzusteuern.

Text: Rolf Metzger. Fotos: Tom Ziora

Ein Gedanke zu “Die Autoflüsterer

  1. Mittlerweile wird in den unterschiedlichste Bereichen auf Crowdfunding Plattformen zurückgegriffen, weil dies eine tolle Möglichkeit der Projektfinanzierung bietet. Dies sollte immer wieder genutzt werden.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s