Die Besserwisser

Rutschen soll es haben, bunte Sitzmöbel, Hängematten und eine Kletterwand. Ein bisschen wie bei Google, so stellen Alex und Nico sich ihr Traumbüro vor. Noch ist es ein paar Nummern kleiner. 100 Quadratmeter in einem renovierten historischen Gewerbehof, mitten in Berlin-Kreuzberg. Alter Backstein für neue Ideen. Sechs Schreibtische, acht Monitore und eine kleine Sitzecke.

Alexander Giesecke und Nicolai Schork, beide 22 Jahre jung, beginnen in Klasse 11 des Nicolaus-Kistner-Gymnasiums in Mosbach damit, den Grundstein für ihr Unternehmen zu legen. Ohne es zu wissen. Sie sind fit in Mathe, und ihre Mitschüler fragen sie regelmäßig um Rat. „Da ist die Idee entstanden, Mathethemen auf YouTube zu erklären“, sagt Alex. Das, was es dort an Videos gibt, haben zumeist Lehrer produziert. Die vor der Kamera wie im Klassenzimmer agieren. „Wir wollten coole Videos machen, die wir uns selbst gern anschauen würden“, sagt Nico. Die ersten Versuche – mit aus Karton gebastelten Funktionen und der Ausleuchtung durch Opas Baustrahler – sind alles andere als cool. Irgendwann entdeckt Nico online eine Software, mit der sich lebendige und dialogische Präsentationen erstellen lassen. Sie werden die Basis für qualitativ deutlich bessere Videos. Mit Alex Stimme, die den Kegelschnitt erklärt, Vektorgeometrie oder e-Funktionen. TheSimpleMaths, so das Label ihrer Filme.

Ein Hobby, aus dem mehr wird

Langsam, ganz langsam steigen die Klicks. „Anfangs hatten wir die falsche Vorstellung, dass wir mit YouTube sofort reich werden“, sagt Alex. Fast zwei Jahre lang, bis zum Abi, verdienen die beiden so gut wie nichts mit den vier Videos, die sie im Monat produzieren. Dann, etwa ab dem tausendsten Abonnenten, macht sich der Word-of-Mouth-Effekt bemerkbar. Die Sache wird lukrativer. Über die positiven Feedbacks ihrer Nutzer merken die beiden, „dass wir Menschen mit unseren Onlinetutorials echt krass helfen“. Die häufigste Rückmeldung: „Bei meinem Lehrer verstehe ich auch nach fünf Stunden Erklärung nichts, bei euch kapiere ich es in fünf Minuten …“. Das bestärkt sie darin, aus dem Hobby mehr zu machen – und das Studium lieber damit zu finanzieren als mit Kellnern (hier gehts zum Interview mit den beiden).

TheSimpleClub

Alex beginnt Anfang 2014 in Karlsruhe Maschinenbau zu studieren, Nico in München Medieninformatik. Kurz darauf erweitern sie ihr Angebot um Biologie, Chemie und Physik – und aus „TheSimpleMaths“ wird „TheSimpleClub“.

 

Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun

Die beiden holen erste Freunde und Bekannte mit an Bord, die sie dabei unterstützen, Video-Tutorials zu konzipieren. 2015 gründen sie eine GmbH. „Uns war klar, das ist jetzt kein Spielzeug mehr“, sagt Nico. „Da hängen Mitarbeiter dran. Also haben wir uns vorgenommen, zum coolsten Nachhilfeanbieter Deutschlands zu werden.“ Das Studium läuft eher nebenbei. Zwei Wochen vor einer Klausur gezielt den Stoff lernen, die übrige Zeit in das junge Unternehmen investieren – das ist ihr Prinzip. Im März 2016 geht TheSimpleClub mit einer eigenen Plattform online. „Die steigenden Nutzerzahlen haben uns darin bestärkt, nicht nur auf YouTube zu setzen“, sagt Alex.

Neue Fächer kommen dazu: Geschichte, Geographie, Wirtschaft und Informatik. Die Zahl der Abonnenten wächst auf 1,8 Millionen, und monatlich mailen bis zu 10.000 Nutzer ihre Kommentare. Ein Foto vom Sommer dieses Jahres zeigt eine Abiklasse mit einem großen Plakat, auf dem steht: Ohne TheSimpleClub wären wir alle nicht hier. „Da bekomme ich echt Gänsehaut“, sagt Nico. „Das gibt mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.“

Eine App, die das Lernen ändert

TheSimpleClub_Büro

Seit diesem Jahr arbeitet das Start-up, das 2017 für die Goldene Kamera nominiert war, mit seinen mittlerweile 28 Mitarbeitern profitabel. „Wir funktionieren so gut, weil wir online sind und Erklärungen auf Augenhöhe liefern“, sagt Alex. „Und weil die Art der Vermittlung im Schulsystem so unfassbar unmodern ist.“ TheSimpleClub wolle dazu beitragen, das abzuschaffen, was als „Bulimie-Lernen“ bezeichnet wird. Also das Prinzip „Pauken für eine Klausur – und danach ist das Gelernte direkt wieder raus aus dem Kopf“. Die Vision der beiden Gründer: ein Bildungssystem, in dem junge Menschen sich Themen aneignen, weil sie Spaß an diesen haben und Sinn darin sehen, Wissen eigenständig zu erfassen. Deshalb entwickeln sie zurzeit eine App, die spielerisch funktioniert und über Module sowie Playlisten individualisiertes Lernen erlaubt. Nico: „Wir wissen, dass wir mit unseren Ideen Lernverhalten verändern können, und damit auch die Institution Schule.“ Und das am allerliebsten von einem Büro aus, das eine Rutsche hat, Hängematten und bunte Sitzmöbel.

 

Text: Iris Hobler. Fotos: Fabian Zapatka


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