Der Tempomacher

Zeit – sie ist die wichtigste Währung von Christopher Essert. Das Gefühl, zu wenig davon zu haben, ist eines, das sich durch sein Leben zieht. Als er auf dem Gymnasium ist, wechselt er auf die Realschule. Nicht, weil er den Stoff nicht packt, sondern weil er mit Abitur und Studium einfach zu viel Zeit verlieren würde. Er ist hypnotisiert von dem, was im Silicon Valley passiert. Da gibt es 20-Jährige, die mit ihren Ideen schon Millionäre sind. Das fasziniert ihn, das will er auch. Nach der Realschule macht er eine Ausbildung zum Mechatroniker bei der Heidelberger Druckmaschinen AG und arbeitet anschließend in der Entwicklungsabteilung, wo er neue Maschinen programmiert und testet. Nach anderthalb Jahren hat der damals 21-Jährige das Gefühl, nicht frei genug arbeiten und gestalten zu können. „Vieles lief nach Schema F ab“ erzählt der heute 29-Jährige. Und dass er gern und viele Überstunden gemacht habe, kam bei den Kollegen nicht so gut an.

Essert ist 1,93 Meter groß und schlank, dennoch spannt das weiße Hemd, das er lässig über der Jeans trägt, an den breiten Schultern. Die Norm ist hier so wenig ein Maß für den Jung-unternehmer, wie sie es im Beruflichen ist: „Ich wusste, wenn ich einem normalen Job nachgehe, werde ich ein normales Leben führen. Das macht andere glücklich, mich aber nicht.“ Also kündigt der Zeitneurotiker seinen Job und besucht Fachmessen für Anlagen- und Maschinenbau. In der Tasche hat er selbst gestaltete Flyer dabei, mit denen er sich bei den Ausstellern als Roboterprogrammierer vorstellt. Seine Guerillataktik geht auf: Essert bekommt erste Jobs, es werden mehr und später so viele, dass er im Ubstädter Gewerbegebiet Räume mietet und Mitarbeiter einstellt. 2011 erwirtschaftet er – mittlerweile 23 Jahre alt – seine erste Million. Mission completed. Doch dann kommt Elon Musk ins Spiel.

Essert_Brille

Der südafrikanisch-amerikanische Unternehmer hat seine ersten Millionen mit dem Online-Bezahlsystem PayPal gemacht, es verkauft und sein Vermögen riskiert, um Neues anzustoßen. Zum Beispiel die Entwicklung der Marke Tesla. Oder das Projekt SpaceX, das zukünftig Privatreisen zum Mond anbieten soll. „Musk hat alles noch einmal überdacht und Neues gewagt.“ Bei Essert macht es Klick. Er nimmt sein gesamtes Privatvermögen und steckt dieses in die Entwicklung von Smart Services für Anlagenhersteller und hochautomatisierte Unternehmen. Zwei Jahre tüfteln Essert und sein Team an der ersten App und investieren einen Millionenbetrag, deutlich mehr als ursprünglich geplant. „Ich habe völlig unterschätzt, wie lange es dauert, bis Kunden das Produkt verstehen. Eine Finanzkrise hätte mich umgebracht“, sagt er und lacht die Erinnerung an die existenzielle Erfahrung weg.

Die Kunden haben das Produkt mittlerweile so gut verstanden, dass Essert für die nächsten zwei Jahre mit einem Umsatz von zehn Millionen Euro rechnet. Mit der Service-App und einer Datenbrille kann sich ein Mitarbeiter von einem Experten virtuell in der Produktion über die Schulter gucken lassen. Industrielle Apps, die reale und virtuelle Welten miteinander verbinden – Augmented-Reality-Anwendungen –, das sind Esserts Vermögenswerte.

Das „gazellenartige“ Wachstum, wie der 29-Jährige es nennt, hat die Firma stark verändert. Organisationsexperten haben Struktur ins Unternehmen gebracht, jetzt gibt es Teamleiter und eine Meetingkultur, die jenseits des Zurufs funktioniert. Coaches haben am Teamspirit gearbeitet und Anfang des Jahres fanden sich Investoren, um das Start-up international aufzustellen. Die Essert GmbH ist auf dem sicheren Weg, ein konventionelles mittelständisches Unternehmen zu werden. Und sie ist träger geworden. „Früher waren wir ein rasendes Schnellboot“, so Essert, und daran, wie er es sagt, merkt man, dass er das vermisst. Er braucht das Gefühl, dass die Zeit zumindest in seinen Händen ein anderes Tempo hat. Wie er das hinbekommt? Eine Idee hat Christopher Essert bereits: „Für die Zukunft möchte ich Start-ups beraten und in agile Geschäftsentwicklungen investieren.“

Text: Anette Frisch. Fotos: Tom Ziora


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