Die Nachhaltigen

Eigentlich steht für Nadine Antic fest: Wenn ich mit dem Studium fertig bin, dann gehe ich als Ingenieurin in einen Automobilkonzern. Ein sicherer Job, ein guter Verdienst. Dann gibt es dieses Seminar im letzten Semester ihres Masterstudiums an der ESB Business School in Reutlingen. Die angehenden Absolventen sollen das eigene Start-up entwickeln, von der Idee bis zum Businessplan.

Nadine Antic muss nicht lange auf die Eingebung warten. Als Werkstudentin hat sie erlebt, wie man in der Automobilindustrie mit Abfallmaterialien wie Metallen oder Kunststoffen umgeht. „Ganz anders, als ich es im Energie- und Recyclingmanagement gelernt hatte“, sagt sie. In der Realität werde oft verkannt, welches Kostenpotenzial die Entsorgung birgt und dass Material viel häufiger und günstiger in den Kreislauf zurückgeführt werden könnte. Gemeinsam mit einer Kommilitonin entwickelt sie also einen Businessplan für ein Start-up, das Unternehmen dabei berät, ihre Entsorgung zu verbessern. „Weniger verschwenden und erkennen, dass in Abfällen oft wertvolle Reststoffe stecken: Darum ging es uns.“

Das Konzept kommt an: GlobalFlow – so der Firmenname – gewinnt den Businessplan-Wettbewerb an der Hochschule. In der Jury sitzt unter anderem der Leiter des Amtes für Wirtschaft und Immobilien der Stadt Reutlingen. „Nicht zuletzt diese Bestätigung durch externe Experten hat uns motiviert zu gründen“, sagt Antic. Wenige Wochen, nachdem sie ihren Abschluss als Wirtschaftsingenieurin in der Tasche hat, geht GlobalFlow an den Markt. Kunden sind von Anfang da. Der Einklang von Ökologie und Ökonomie, den das Start-up verspricht, kommt an.

Die Natur ist das ideale Vorbild

Anfang 2013 liegt ein Projekt auf dem Schreibtisch von GlobalFlow, bei dem es um große Mengen Tiereinstreu aus Stallungen geht. Üblicherweise wird die Streu verbrannt. „Ich wollte eine andere Lösung “, sagt Nadine Antic, „denn es waren hochwertige Holzflocken, viel zu schade zum Vernichten.“ Bei ihrer Recherche stößt sie auf Eisenia fetida, den Kompostwurm. Der ernährt sich von Abfällen pflanzlicher Herkunft und baut ganz nebenbei den Boden auf, in dem erlebt – und dessen Qualität auch für den Menschen extrem wichtig ist.

Ein perfekter Prozess der Natur also. „Warum industrialisieren wir den nicht einfach?“, fragt sich Antic. Sie arbeitet die Idee einer Produktionsanlage aus, in der zahllose Artgenossen des Kompostwurms sogenannte biogene Abfälle in Naturdünger verwandeln. „Zu dem Zeitpunkt hatte GlobalFlow bereits große Kunden aus der Lebensmittelindustrie. Und dadurch den perfekten Zugang zu Überresten wie Maische, Trester oder Rückständen von Zuckerrüben.“

Ein Start-up im Start-up gründen? Zusätzlich zu einer Beratung, die noch kein Jahr alt ist, einen produzierenden Betrieb aufbauen? „Ja, das war schon nicht ohne“, sagt die heute 32-Jährige. „Aber wenn ich einmal von etwas überzeugt bin, dann kann ich hartnäckig sein.“ Hilfreich ist, dass die Idee, beide Konzepte zu verknüpfen, die Jury des Darboven-Gründerwettbewerbs für Frauen überzeugt. 50.000 Euro Preisgeld unterstützen Nadine Antic dabei, Kunden zu akquirieren, die Finanzen im Blick zu behalten, Kapazitäten und passende Strukturen aufzubauen. Alles mal zwei.

„Wormanizer“ auch für Geschäftskunden

„Es war schon brutal viel“, sagt die Unternehmerin. Sie stemmt es, mit bis zu 80 Stunden Arbeit pro Woche. Und seit zwei Jahren auch mit der Unterstützung durch ihre Schwester (Hier gehts zum Interview mit den Antic-Schwestern). Anne Kathrin Antic ist direkt nach dem Abschluss ihres Studiums in die beiden Unternehmen eingestiegen – kurz vor der Markteinführung des Naturdüngers mit dem koketten Namen „Wormanizer“ im Juli 2016. Mittlerweile produzieren zwei Millionen Würmer im baden-württembergischen Korntal etwa 150 Tonnen Dünger jährlich. Die Population wird weiterwachsen, denn die Antics sind dabei, die Produktstrategie zu verändern: Haben sie bislang den Endverbraucher angesprochen, so wollen sie ihren Naturdünger ab Ende des Jahres auch Geschäftskunden anbieten, Gärtnereien etwa, Landwirten oder Weinbauern. Ein logischer nächster Schritt. Die Mengen an biogenen Abfällen, an die GlobalFlow gelangt, sind immens. Da gibt es schon mal Chargen von bis zu 40.000 Tonnen – was in etwa 20.000 Tonnen feinsten Düngers entspricht. Nadine Antic: „Was man lange Zeit wie Abfall behandelt hat, verbessert die Böden. Das ist perfekt.“

Text: Iris Hobler. Fotos: Tom Ziora

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