Bloß keine Routine

Viola Schmidt absolvierte ein dreimonatiges Praktikum an der französischen Universität in Pau. Welche Vorstellungen sie vor ihrer Abreise hatte und wie es tatsächlich war – das erzählt die 27-Jährige selbst. //

3. Januar 2019, zwei Tage vor der Abreise nach Frankreich

Ich komme gerade erst von einem Praktikum in Brüssel zurück. Brüssel hat mir gut gefallen. Ich bin gespannt, wie es in Pau sein wird. Das ist anders als Brüssel eher eine Kleinstadt und sehr französisch, eben nicht so international. Ich frage mich natürlich, wie schnell bekomme ich dort Kontakt zu anderen. Ich bin gern unter Leuten, kann sein, dass es erst einmal einsam wird.

Meine Fachhochschule in Kehl kooperiert mit der Université de Pau et des Pays de l’Adour. Pau liegt an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien, nahe den Pyrenäen. Ich unterstütze dort ein Forschungsprojekt, in dem es um Kommunen in der Energiewende geht. Das Vorhaben ist noch ganz neu und wurde erst kürzlich gestartet.

An unserer Hochschule arbeiten wir generell sehr praxisnah; die Universität in Pau ist eher theoretisch ausgerichtet. Ich weiß allerdings noch nicht, wie ich im Team eingebunden bin. Ob ich integriert werde oder eine Aufgabe bekomme, die ich dann mehr oder weniger alleine erarbeiten soll. Ich habe auch kein Büro dort.

Ich habe mir von hier aus auch schon eine WG gesucht. Zurzeit leben dort eine Französin und eine Deutsche. Aber die Besetzung wechselt oft und wie diese final aussieht, wird sich noch rausstellen.

Wie mein erster Tag verläuft, also wann ich wo sein soll, das weiß ich auch zwei Tage vor meiner Abreise noch nicht. Es sind also noch einige organisatorische Fragen offen.

15. März 2019, zwei Wochen vor der Rückreise nach Deutschland

An meinem ersten Tag in Pau bin ich auf gut Glück zur Uni gegangen. Es hat niemanden gestört, dass ich, nach einigen Umwegen, erst um 9.30 Uhr ankam. Im Sekretariat wurde ich von Mitarbeitern und Professoren erst einmal entspannt zu einer Tasse Kaffee eingeladen.

Meine größte Sorge war ja, dass ich hier abgeschoben arbeite, also alleine. Aber es hat sich ergeben, dass ich einen Platz im Recherchesaal mit anderen Doktoranden habe. Einen kannte ich sogar schon, von einem Vortrag, den ich in Lyon gehalten hatte. Der war sozusagen mein Anker und ich war vom ersten Tag an in die Gruppe integriert.

Ich habe einige Jahre WG-Erfahrung hinter mir und kenne natürlich das Problem, wenn man mit Menschen aus anderen Nationen zusammenlebt. Interkulturelle Konflikte finden bei Themen wie Ordnung oder Sauberkeit statt. Meine französische Mitbewohnerin hat das stereotype Bild erfüllt. Sie lässt überall Sachen liegen oder läuft mit Straßenschuhen in der Wohnung rum, obwohl wir keinen Staubsauger besitzen. Das sind Momente, in die ich mich täglich hätte reinsteigern können, habe ich aber nicht. Menschlich sind wir total gut klar gekommen, waren im Kino oder haben zusammen gekocht.

Anfangs war ich nur mit Franzosen zusammen. Aber nachdem ich mich zum Badminton angemeldet hatte, lernte ich Studierende aus Amerika, Brasilien, Mexiko, Indien, Afrika und sogar aus dem Libanon kennen. Wir haben uns über den Sport hinaus zum Kochen verabredet. Das war wirklich sehr schön. Und im Vergleich zu Brüssel finde ich Pau sogar internationaler. In Brüssel trifft man überwiegend Europäer, in Pau ist die Mischung von Menschen globaler.

Was meine akademische Arbeit betrifft, so hatte ich am Anfang gewisse Abstimmungsschwierigkeiten. Mein deutscher Professor hatte klare Vorstellungen davon, was wir in Pau erreichen wollten. Aber das war hier ganz anders. Das Projektteam hat drei Jahre Zeit. Das heißt, die Kollegen fangen gerade erst an und schwimmen mit den Themen eher noch. Während ich nur drei Monate hatte und zu Ergebnissen kommen musste. Ich habe dann einfach meinen Plan durchgezogen und gleichzeitig mit meiner Masterarbeit begonnen. Ich fasse gerade die wichtigsten Thesen meiner Recherche zu den Bürgerbeteiligungsmodellen in der Energiewende auf Französisch für das Team zusammen.

Natürlich ging es bei meinen Aufenthalt darum, Wege und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den Universitäten zu finden und Wissen auszutauschen. Ich habe den französischen Kollegen zum Beispiel das deutsche Energierecht vermittelt und Passagen für sie ins Französische übersetzt. Meine Präsenz vor Ort diente allerdings hauptsächlich dem zwischenmenschlichen Austausch. Es ist schwierig, eine solche Beziehung über Telefonate oder Mails aufzubauen.

Pau zu verlassen, fällt mir schwer. Ich werde die Abwechslung, die Vielfalt und die Offenheit der Menschen vermissen. Das ist schon etwas, das ich sehr schätze. Andererseits mache ich gleich im Anschluss ein weiteres Praktikum und werde in Straßburg leben. So ganz in meine Routine komme ich also nicht zurück. Und das ist gut.


In Zukunft Europa

Viola Schmidt studiert im Master Europäisches Verwaltungsmanagement in Kehl und Ludwigsburg. Sie hat am Walter-Hallstein-Programm teilgenommen, das im Rahmen des Baden-Württemberg-STIPENDIUMs vergeben wird. Das Programm fördert Praktika im europäischen Ausland, um die innereuropäische Zusammenarbeit von Verwaltungen zu stärken.