„Ein mulmiges Gefühl hatte ich noch nie“

Anja Kraus, 40 Jahre, Sozialarbeiterin, seit 2016 in der JVA Adelsheim //

„Für die Hafthäuser ist Reset eine große Erleichterung – dass einer, der deutliches Fehlverhalten zeigt, für eine Zeit raus ist. Dem Betroffenen tut es erst mal weh. Von einem auf den anderen Moment ist seine vertraute Gruppe weg. Er muss seine privaten Klamotten abgeben, bekommt Anstaltskleidung. Erklär‘ mal Deinen Angehörigen, warum Du beim Besuch nicht Deine Sachen trägst. Das ist vielen sehr unangenehm.

Dann merken sie, dass sie hier mehr Ansprache haben. Die Gruppe ist kleiner, es ist abwechslungsreicher als im normalen Arbeitsbetrieb. Wir haben Gesprächsgruppen, Kreativangebote, viel Sport. Ich höre Jungs oft sagen, dass sie im Reset beginnen, ihren Körper wieder zu spüren. Das steht oft am Anfang eines Prozesses, in dem einer sein Verhalten verändert. Nicht von heute auf morgen, aber allmählich entdeckt er neue Perspektiven.

Als ich in Adelsheim angefangen habe, konnte ich direkt Reset mit entwickeln. Das war eine tolle Aufgabe. Seit zweieinhalb Jahren bin ich in der Untersuchungshaft. Ich kann mir keine schönere Arbeit vorstellen. Jeden Tag erlebe ich Neues, habe mit vielen Charakteren zu tun. In der Untersuchungshaft sehe ich den Start vieler Jungs und kann die weitere Haftzeit gut beobachten. Manche identifizieren sich mit dem Knast-Dasein; andere sind motiviert, aus ihrem Leben was zu machen.

Ein mulmiges Gefühl hatte ich in diesem Job noch nie. Wenn jemand zu mir kommt, möchte er ja was von mir und benimmt sich entsprechend.“


Die Baden-Württemberg Stiftung unterstützt die JVA Adelsheim seit einigen Jahren dabei, neue Ansätze im Jugendvollzug zu erproben. Mit dem „Start-Up“-Programm, das im so genannten Q-Bau abläuft, erfahren psychisch auffällige Jugendliche eine intensive Beziehungsarbeit. Hier wird u.a. mit tiergestützter Pädagogik gearbeitet.

Ein weiteres Programm, mit dem Namen Reset, richtet sich an Jugendliche, die durch ausgesprochen aggressives Verhalten auffallen oder die Arbeit verweigern. Dabei verlassen die Insassen für vier bis sechs Wochen ihr gewohntes Umfeld und werden in einer kleinen Gruppe besonders intensiv betreut.

Diese neuen Ansätze verändern die Arbeit der Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt immens. Was motiviert die Menschen, im Knast neue Wege zu gehen? Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.