„Eine andere Idee vom Sein miteinander“

Arne Ringlstetter, 51 Jahre, Psychologe, seit 2004 in der JVA Adelsheim //

„Vor fünf Jahren hat es in Adelsheim eine schwere Auseinandersetzung beim Hofgang gegeben. Eine der Konsequenzen war, dass wir das sogenannte Haus Q für psychiatrisch auffällige Jugendliche eingerichtet haben.

2016 haben wir mit der Arbeit begonnen. Durchschnittlich sind 28 junge Männer hier untergebracht. Sie leiden unter ganz verschiedenen Krankheitsbildern: etwa Schizophrenie, dissoziale Persönlichkeitsstörung, Depression, ADHS, Sucht. Pro Schicht arbeiten drei Mitarbeiter im mittleren Vollzugsdienst, das ist 50 Prozent mehr als in den anderen Hafthäusern.

Uns ist es wichtig, dass immer jemand ansprechbar ist, ob Vollzugsdienst oder Fachdienst, also Psychologen oder Sozialarbeiter. Das macht die Arbeit hier für alle Kollegen deutlich intensiver.

Viele Jugendliche haben keinerlei Struktur. Für sie ist es anfangs schon eine Überforderung, die Zelle sauber zu halten oder regelmäßig die Zähne zu putzen.

Oft sind die Jungs sehr verschlossen und nur schlecht über Sprache zu erreichen. Deshalb arbeiten wir mit drei Hunden und einem Pferd. Die Tiere reagieren ganz unmittelbar auf die Jungs. Geht einer aggressiv auf das Pferd zu, verweigert es sich. Tiere sind wie ein Türöffner zum Gefühlsleben. Da ist ein Lebewesen, das freut sich ganz offensichtlich, mich zu sehen: Das baut Selbstbewusstsein auf. Und das kann ich als Psychologe dann für meine weitere Arbeit nutzen.

Wir setzen gezielt darauf, Beziehungen aufzubauen. So bekommen die Jungs eine andere Idee vom Sein miteinander. Wenn man sich die Lebensgeschichten der meisten anschaut, dann haben sie kaum Chancen gehabt, stabile Beziehungen zu entwickeln.

Alle, die hier arbeiten, haben ihre Zeit gebraucht, bis sie sich umgestellt hatten: weg von einem sanktionierenden System, hin zu einem helfenden System. Das auch belohnt, wenn einer etwas gut macht.“


Die Baden-Württemberg Stiftung unterstützt die JVA Adelsheim seit einigen Jahren dabei, neue Ansätze im Jugendvollzug zu erproben. Mit dem „Start-Up“-Programm, das im so genannten Q-Bau abläuft, erfahren psychisch auffällige Jugendliche eine intensive Beziehungsarbeit. Hier wird u.a. mit tiergestützter Pädagogik gearbeitet.

Ein weiteres Programm, mit dem Namen Reset, richtet sich an Jugendliche, die durch ausgesprochen aggressives Verhalten auffallen oder die Arbeit verweigern. Dabei verlassen die Insassen für vier bis sechs Wochen ihr gewohntes Umfeld und werden in einer kleinen Gruppe besonders intensiv betreut.

Diese neuen Ansätze verändern die Arbeit der Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt immens. Was motiviert die Menschen, im Knast neue Wege zu gehen? Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.