Frankreich ist mein Sehnsuchtsort

Die Schauspielerin und Drehbuchautorin Oona von Maydell hat einen Teil ihrer Jugend in Elsass-Lothringen verbracht. Vielleicht vermitteln ihre Filme auch deshalb ein wenig französisches Lebensgefühl – im süßen wie im bitteren Sinn.

Frau von Maydell, Sie haben gerade Ihren Film „Plume“ (Feder) abgedreht. Wie war es für Sie, mit Kolleginnen und Kollegen von der Filmschule La fémís Paris zusammenzuarbeiten?

Oona von Maydell: Es waren sehr intensive vier Monate. In diesem Fall war ich die Autorin. Ich spreche und schreibe zwar gut Französisch, aber meine Drehbuchsprache ist Deutsch. Und ich war unsicher, ob meine Dialoge auch auf Französisch funktionieren. Deshalb habe ich den Kontakt zu einer Drehbuchautorin aus dem dritten Jahr an der fémís gesucht und auch gefunden: Margaux Dieudonné. Sie hat mich unterstützt, wir sind mittlerweile Freundinnen. Hannah Katharina Weissenborn hat Regie geführt. Das war toll, aber auch schwierig.

Inwiefern?

Die Arbeiten von Hannah bewegen sich zwischen Fiktion und Dokumentation. Das bedeutet besondere Anforderungen an die Recherche. Wir hatten ursprünglich vor, eine Geschichte über einen Clown zu erzählen, unter anderem weil meine Mutter an der Clownschule bei Jacques Lecoq war. Wir dachten, wir rennen dort offene Türen ein. Aber das ist eine sehr elitäre Szene, wertfrei ausgedrückt. Leute wie Philippe Gaulier, einer der berühmtesten Clowns weltweit, haben uns gar nicht empfangen können – ich hoffe, das war zeitlich bedingt. Wir mussten also ein anderes Thema suchen.

Was haben Sie gefunden?

Wir sind auf eine große Bewegung in Paris gestoßen, mit vielen – vor allem jungen – Frauen, die diese Zirkus- und Artistenwelt aufbrechen wollen, weil sie sich von Männern dominiert fühlen. So ist die Idee entstanden, einen Film über eine Akrobatin zu machen. Wir haben viel in der Off-Szene recherchiert. Das war auch für La fémis spannend, weil das ein Milieu ist, über das noch nicht besonders viel erzählt wurde. Wir haben nicht mit Schauspielern gearbeitet, sondern haben echte Akrobaten gecastet. Das war schwierig. Es gab tolle Typen, die eine wahnsinnige physische Kraft ausgestrahlt haben, aber nicht sprechen konnten. Wir hatten viele schlaflose Nächte, haben dann aber doch eine weibliche und eine männliche Figur besetzen können.

Und wovon handelt die Geschichte?

Es geht um eine Akrobatin, die ihren Körper lange selbst misshandelt, ihm Leistung abverlangt. Sie hat einen Exfreund, der sie physisch attackiert. Aber sie ist stark und schafft es, sich gegen ihn durchzusetzen. Sie lernt, ihren Körper zu respektieren. Wir wollen zeigen, dass Frauen, auch wenn ihnen etwas Schlimmes passiert ist, nicht zum Opfer werden müssen. Unser Film soll jungen Frauen Mut machen. Nicht so wie bei einem Marvel-Film, aus dem du rausgehst und denkst, du bist auch Superheldin. Aber es geht in die Richtung.

Sind Ihnen bei den Dreharbeiten kulturelle Unterschiede aufgefallen?

Franzosen sind schon ein bisschen anders, was das Zeitmanagement angeht – Termine wahrnehmen und so. Dann trinkt man noch einen Kaffee und kommt eben eine Stunde später. Ich finde das grundsätzlich sympathisch. Aber für Menschen, die anders mit Zeit umgehen, kann das schwierig sein.

Sie haben Ihre Jugend in einem Dorf an der deutsch-französischen Grenze verbracht. Hat es geholfen, dass Sie die Sprache sprechen?

Ja, auf jeden Fall. Es war ein internationales Team: Franzosen, Deutsche und auch zwei Argentinier waren dabei. Die Franzosen sprechen schon Englisch, aber viel lieber Französisch. Unsere Treffen im Team haben auf Englisch angefangen und endeten meist damit, dass alle Französisch gesprochen haben.

Die Franzosen kümmern sich mehr umeinander– auch bei so einem Dreh. Es gab immer einen Apéro fürs ganze Team: Säfte, Wasser, Wein und kleine Sandwiches. Sie sind sehr daran interessiert, dass man miteinander spricht. Man nimmt sich mehr Zeit für die Zwischentöne. Die Zusammenarbeit hatte immer etwas wahnsinnig Verbundenes, Familiäres.

Haben Sie das als junges Mädchen auch so empfunden?

Das darf man nicht vermischen. Ich war zwölf, als meine Eltern Ende der 1990er-Jahre aus München nach Wittring zogen, ein kleines Dorf zwischen Saar und Saarkanal. Tagsüber bin ich nach Saarbrücken in die Waldorfschule gegangen, nachmittags waren wir angeln. Das klingt ganz idyllisch, war aber anfangs sehr schwierig für mich. Alsace-Lorraine war Anfang der 1940er-Jahre besetzt von den Nazis. Wir wurden nicht besonders gut von der Dorfgemeinde aufgenommen. Zumindest so lange nicht, bis sie gemerkt haben, dass wir keine Rechtsradikalen aus Bayern sind, die ihnen das Leben zur Hölle machen wollen. „Les sacres boches“ [Anm. d. R.: abwertende Bezeichnung für Deutsche], so nannten sie uns. Später an der Kunsthochschule in Rennes in der Bretagne, kurz vor der Sarkozy-Wahl 2007, ist mir das nicht nochmal passiert. Und jetzt ging es ja um einen Film, das war eine ganz andere Situation. Alle waren sehr freundlich zu uns.

Was ist Frankreich heute für Sie?

Ein Ort der Sehnsucht, wenn ich nicht da bin. Auf der anderen Seite ist Sehnsucht ja auch etwas Schönes. Durch das Programm „Atelier Ludwigsburg-Paris“ ist Frankreich noch mehr Teil von mir geworden. Die Möglichkeit, in Paris zu leben, war einfach toll. Ich liebe den französischen Lifestyle: Er ist entschleunigter und so viel reicher an Genüssen.

Spielt Frankreich in dem Projekt, an dem Sie aktuell arbeiten, wieder eine Rolle?

Auf jeden Fall! Es gibt eine Szene, die ich unbedingt in meinem Dorf drehen möchte.

Worum geht es?

Es geht um eine Kuratorin. Sie hat promoviert, ist erfolgreich, 50-Stunden-Woche, keine Wochenenden. Sie will ihre Beziehung meistern und eine gute Mutter sein. Darf sie sich nach zehn Jahren Beziehung in einen anderen verlieben? Ist es überhaupt Liebe oder einfach die Sehnsucht nach Neuem? Und bedeutet Liebe nicht Arbeit und Standhalten? Sie lernt, dass sie nicht alles gleich gut managen kann, sich entscheiden muss. Meine Heldin will es richtig machen und macht doch alles falsch.

In Ihren Filmen geht es häufig um starke Frauen, die es nicht einfach haben.

Ich arbeite gern autobiografisch – mit Themen, die mich beschäftigen. Auch ich bin zum Teil noch abends und an Wochenenden mit meinen Projekten beschäftigt – treffe mich mit Kollegen, führe noch ein Telefonat – und habe trotzdem manchmal das Gefühl, wenig erreicht zu haben an einem Tag. Ich pendele zwischen Ludwigsburg und Köln, wo mein Mann und mein Sohn leben. In Frankreich gibt es eine Ganztagskinderbetreuung, es ist viel selbstverständlicher, dass Mütter Vollzeit arbeiten. Ich will nicht sagen, dass das gut ist, aber es ist möglich. Und sie werden dafür nicht schief angesehen. Im Übrigen habe ich noch keinen Film über Frauen in der Menopause gesehen, darüber werde ich irgendwann eine Geschichte erzählen.

Aber noch nicht sofort.

(Sie lacht.) Nein, ich habe gerade einen anderen Traum. Als ich meinen Sohn Jacques bekommen habe, sind wir mit meinem Mann, der Lehrer ist, für ein Jahr nach La Réunion gegangen. Dieses Jahr auf der Insel war irre. Ich möchte in den nächsten drei Jahren ein Drehbuch schreiben, das auch verfilmt wird: über Eskapismus, Sehnsucht. Es sollte ein guter Kinderfilm werden – wie Pippi Langstrumpf.

Interview: Sepideh Honarbacht. Foto: Ulrike Rindermann


Zur Person

Oona-Léa von Maydell, 33, ist Schauspielerin, Autorin, Künstlerin und Kuratorin. Derzeit studiert sie an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Ihr Film „Plume“ wurde im April erstmals in Paris gezeigt, ein 30-köpfiges internationales Team hat daran gearbeitet. Dazu zählten neben Oona von Maydell (Autorin) u. a. Margaux Dieudonné (Co-Autorin, Drehbuch), Hannah Katharina Weissenborn (Regie), Ludwig Meck (Produzent), Konstantin Pape und Paul Nungesser (Kamera) sowie Quirin Grimm (Editor). Von Maydells erster Kurzfilm „La Ruche“ feierte 2018 auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken Premiere.