„Franzosen leben Freundschaft anders“

Freundschaft von zwei Seiten // Ramona Ritzmann und Olivier Renard

Ramona Ritzmann, 37, und Olivier Renard, 42 Jahre, sind seit sechs Jahren ein Paar. Sie ist habilitierte Sportwissenschaftlerin, forscht in der klinischen Biomechanik und zu Schwerelosigkeit und fliegt deshalb regelmäßig Parabelflüge; ihr Partner ist Hubschrauber-Pilot bei der französischen Gendarmerie. Aus beruflichen Gründen hat das Paar zwei Wohnorte und lebt teilweise in Metz und in Freiburg. Die beiden haben eine Tochter.

Über Freundschaft

Ramona: Freundschaft bedeutet Loyalität, absolutes Vertrauen und Ehrlichkeit. Eine Empfindung, die manchmal sogar Liebe ist. Die richtig guten Freunde sind auch Familie. Wenn man so will, eine andere Population von Familie.

Olivier: Mit Freunden kann man direkter sein als mit dem Partner. Vielleicht weil weniger Emotionen im Spiel sind und man weniger zu verlieren hat. Der Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe ist: Du kannst viele Freunde haben, das ist unproblematisch.

Über Unterschiede

Ramona: Ich habe keine französischen Freunde, was ich ganz interessant finde. Ich habe nur deutsche Freunde oder aus anderen Nationen wie Argentinien. Ich finde die Franzosen leben Freundschaft anders, weniger intensiv und häufig zweckmäßig.

Olivier: Aber deine Erfahrungen mit Franzosen haben ja mit dem Job zu tun. Da ist es logisch, dass dir die eher zweckmäßig vorkommen.

Ramona: Finde ich nicht. Weil dahinter sehr komplexe Dinge stehen. In Frankreich arbeiten Mutter und Vater zu 100 Prozent. Sie haben nicht den Habitus, die Kinder bei sich zu behalten, wenn sie zum Beispiel noch sehr klein sind. Sie arbeiten auch nicht Teilzeit, weil’s der Staat nicht unterstützt und weil es sich nicht schickt. Die Franzosen haben superwenig Zeit, um überhaupt Freundschaften bilden zu können.

Über Familie

Olivier: Unsere Familien sind sehr unterschiedlich. Ich komme aus einer postkolonialistischen Familie. Wir haben in Afrika gelebt, in Südamerika und Indonesien. Unsere Verwandten sind weit verteilt. Für Ramona ist Familie der Schwarzwald und Villingen. Sie hat mehr Verbindung zu einem Ort.

Ramona: Ich bin sicher näher an meiner Familie als du an deiner. Aber du bist auch ganz anders aufgewachsen als ich. Das ist vielleicht nicht typisch französisch, aber eben typisch deine Familie. Alle zwei Jahre umziehen ist ja kein Standard.

Olivier: Ich glaube, das ist nicht ganz richtig, dass du deiner Familie näher bist. Ich sehe meine Familie sehr gern und wir telefonieren auch regelmäßig. Meine Bindungen sind einfach anders. Ich habe als Kind zum Beispiel zwölf Jahre in Marokko gelebt. Da ist klar, dass du deine Großeltern vielleicht zweimal im Jahr siehst.

Über Kultur

Ramona: Ganz zu Anfang unserer Beziehung habe ich zu Olivier gesagt, „Komm, lass uns in die Sauna gehen!“ Das war für ihn ein Schockerlebnis, weil da natürlich alle nackt rumlaufen. Das macht man in Frankreich nicht, da trägt man eine Badehose. Die Situation war sehr lustig.

Olivier: Ich mag die Lebensqualität in Deutschland. Da geht man um vier oder fünf Uhr nach Hause, hat noch Zeit für die Kinder oder zieht bei Regen Gore-Tex an und geht raus…

Ramona (lacht): Das ist für Franzosen deutsch, nach draußen gehen in Gore-Tex…

Olivier: Ja, in Frankreich bleiben die Leute drinnen, wenn es regnet. Aber es ist doch interessant. Wir beide machen viele Fortschritte darin, die Kultur des anderen anzunehmen. Wir sind beide sehr neugierig, das hilft auch.

Ramona: Ja, man wird toleranter und reflektiert.

Über Europa

Olivier: Ich bin ein wenig stolz darauf, dass wir Europa konkret leben.

Ramona: Und zwar, weil wir es wollen, ganz ohne administrative Vorteile. Wir haben die ganzen komplizierten Papiersachen. Weil wir nicht verheiratet sind, in zwei Ländern leben und ein Kind haben. Wir machen das, weil wir das gut finden.

Olivier: Gerade in Frankreich sind die Menschen nicht glücklich mit der europäischen Verwaltung, mit Brüssel und Straßburg. Das funktioniert nicht gut. Ich glaube, das ist nicht Europa, das ist Administration. Wir sind Europa.

Protokoll: Anette Frisch Fotos: Wilma Leskowitsch und Fabian Fiechter