„Frauen sind mutiger“

Holger Ondra, 60 Jahre, Arbeitspädagoge, seit 2015 in der JVA Adelsheim //

„Sport ist mein Ding. Früher habe ich einige Jahre lang geboxt. Mit der Arbeit im Programm Reset habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich bin ein Seiteneinsteiger: viele Jahre erst in der Werbebranche gearbeitet, dann auf Arbeitspädagoge umgesattelt. Nach einem Praktikum im Vollzug bin ich direkt nach Pforzheim in den Knast. Dann wurde aus dem Strafvollzug in Pforzheim eine Abschiebehaft und ich bin nach Adelsheim.

Wir versuchen hier, die Jungs wieder runterzubringen, wenn sie negativ aufgefallen sind. Klar sind da Aggressionen im Spiel. Das ist in dem Alter oft so. Außenstehende legen schnell ein hartes Maß an. Vielleicht weil sie vergessen haben, wie sie selbst in dem Alter waren. Ich war als junger Mann auch nicht der einfachste. Nur zu strafen, das nützt nichts.

Wir machen hier viel Sport, und wir sprechen viel. Über Toleranz, Empathie, Anabolika, Umweltverschmutzung, Sexualität – alles, was anliegt. Ich bin jeden Tag mit den Jungs zusammen, auch in den Arbeitseinheiten. Dabei ist es nicht so wichtig, was sie leisten. Der Schwerpunkt liegt auf sozialer Interaktion: im Team arbeiten, respektvoll miteinander umgehen. Wir setzen da an, wo die Familie und das soziale Umfeld versagt haben.

Beim Training machen wir alle Übungen gemeinsam: Seil springen, Liegestütze, Sit-ups, auspowern am Boxsack. Das schweißt zusammen. Die Jungs bekommen klare Anweisungen und eine klare Struktur, und dann läuft das. In den vier bis sechs Wochen, die wir zusammen sind, werden die Jungs ruhiger, machen sich Gedanken über sich selbst. Die meisten gehen friedlicher zurück in ihre Hafthäuser. Manchmal ist einer zwei, drei Mal hier.  Es gibt keine Garantie, aber wir sind mit unseren Ergebnissen zufrieden.

Widerstände innerhalb der Belegschaft gegen Reset gab es natürlich auch. Aber die Anstaltsleiterin hat meine Arbeit von Anfang an unterstützt. Frauen sind mutiger, die trauen sich mehr.“


Die Baden-Württemberg Stiftung unterstützt die JVA Adelsheim seit einigen Jahren dabei, neue Ansätze im Jugendvollzug zu erproben. Mit dem „Start-Up“-Programm, das im so genannten Q-Bau abläuft, erfahren psychisch auffällige Jugendliche eine intensive Beziehungsarbeit. Hier wird u.a. mit tiergestützter Pädagogik gearbeitet.

Ein weiteres Programm, mit dem Namen Reset, richtet sich an Jugendliche, die durch ausgesprochen aggressives Verhalten auffallen oder die Arbeit verweigern. Dabei verlassen die Insassen für vier bis sechs Wochen ihr gewohntes Umfeld und werden in einer kleinen Gruppe besonders intensiv betreut.

Diese neuen Ansätze verändern die Arbeit der Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt immens. Was motiviert die Menschen, im Knast neue Wege zu gehen? Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.