„Freundschaft ist ein Prozess, wie die Liebe“

Freundschaft von zwei Seiten // Jeanne und Friedemann Moll

Jeanne und Friedemann Moll sind seit mehr als 60 Jahren ein Paar. Jeanne Moll wurde 1935 in Naives-en-Blois geboren, einem kleinen Dorf südlich von Verdun. Sie ist die älteste von elf Geschwistern. Friedemann Moll wurde 1929 in Tuttlingen geboren. Das Paar hat sich während des Studiums an der Universität Tübingen kennengelernt. Friedemann Moll war Lehrer und Schulleiter, Jeanne Moll-Caré Deutschlehrerin und später Pädagogikprofessorin. Das Paar hat vier Kinder, acht Enkel- und ein Urenkelkind und lebt seit 1960 in Baden-Baden, unterbrochen durch mehrjährige Aufenthalte in Brüssel und Genf.

Über Freundschaft.

Jeanne: Freundschaft ist ein Prozess, wie die Liebe. Sie ist geprägt von einem Gefühl der Verbundenheit und vom erlebten gegenseitigen Vertrauen. Freundschaft braucht ähnliche Interessen und wiederholtes Wiedersehen.   

Friedemann: Freundschaft entsteht durch ein allmähliches Kennenlernen. Als Jeanne und ich uns 1956 trafen, haben wir uns mit unseren Vornamen angesprochen, uns aber dennoch gesiezt. Als Jeanne nach ihrem Auslandssemester zurück nach Frankreich ging, haben wir uns besucht und uns Briefe geschrieben. Aus dem Verliebtsein ergab sich so das Ja zur Ehe.

Über Anfänge.

Jeanne: Als ich 1946 auf die Oberschule kam, hatte ich einen tollen Deutschlehrer. Er eröffnete mir eine neue Welt, eine Kultur, die ich gierig aufsog. Ich wollte weg aus der Enge des Dorfs, in dem ich aufgewachsen war. Durch die deutsche Sprache und die Literatur, die ich später studierte, sind mir Flügel gewachsen. 

Friedemann: Verbunden mit der Forderung „Nie wieder Krieg! und dem Wunsch nach Völkerverständigung regte sich bei mir früh Neugier auf die Menschen und das Leben jenseits der Grenzen des besiegten Deutschlands. Ich habe dann Französisch, Englisch und Geschichte studiert. 

Über Sprache.

Jeanne: Eine unserer Töchter machte mich vor Jahren auf eine französische Fernsehsendung aufmerksam, die übersetzt soviel heißt wie: „Die Liebe liegt auf der Wiese“. Das deutsche Pendant ist „Bauer sucht Frau“. Zwei Aussagen zum selben Thema, zuerst metaphorisch und poetisch, dann direkt und nüchtern. Auch die deutsche Sprache spielt mit Metaphern. Der Philosoph Martin Heidegger zum Beispiel schreibt: „Die Sprache ist das erste Haus, das der Mensch bewohnt.“

Friedemann: Spannung gibt es zwischen uns in der Ehe gelegentlich aufgrund sprachlicher Missverständnisse. Es kehrt dann jeder kurz in seine Muttersprache zurück und versucht mit Rückfragen die Aussage anders und eindeutig zu formulieren. 

Über Vorurteile.

Jeanne: Innerhalb unserer Familien gab es mit unserer Partnerschaft keine Probleme. Meine Großmutter war froh, dass es kein Engländer war, den ich heiraten wollte. Denn die Engländer hatten Jeanne d’Arc auf dem Gewissen. Nach ihr bin ich benannt, außerdem stammt meine Familie ja aus dem frankophonen Lothringen. Außerhalb der Familie gab es aber auch andere Stimmen. Als wir in den 1970er Jahren in der Bretagne Urlaub machten, kam es zum Beispiel vor, dass unsere Kinder von Gleichaltrigen als „boche“ bezeichnet wurden, ein herablassendes Wort für „Deutsche“. 

Über Unterschiede.

Jeanne: Wenn ich französische Freundinnen besuche, kann ich das spontan machen, ohne mich anmelden zu müssen. Das ist in Deutschland anders. Hier muss man sich verabreden. Ordnung spielt hierzulande eine große Rolle. Letztens saß ich beim Friseur unter der Haube. Die Friseurin fragte mich, ob alles in Ordnung sei? Wir Franzosen würden „tout va bien?“ fragen, also „Ist alles gut?“.

Friedemann: Das Thema Unterschiede beziehe ich auf uns beide: Jeanne liest unsere Tageszeitung in 20 Minuten, ich brauche mindestens eine Stunde. Ich schneide Artikel aus und archiviere sie nach Themen in Briefumschläge. Ich schätze an Jeanne, dass sie Vieles im Alltag anders macht. Sie ist eine exzellente flinke Köchin, schreibt gern und schnell private Briefe. Da kann ich nicht mithalten. Ich versuche mal eine Formulierung: Ich denke und handle assoziativ, Jeanne intuitiv.

Über Sehnsucht.

Jeanne: Mindestens einmal im Monat fahre ich nach Straßburg zu Freundinnen, in die Buchhandlungen oder ins Kino. Ich brauche und genieße dieses muttersprachliche Bad. Seit drei Jahren leite ich einen französischen Gesprächskreis an der Volkshochschule. Es ist ein kostenloses Angebot der hiesigen deutsch-französischen Gesellschaft für Deutsche, die ihre Französischkenntnisse aktivieren möchten.

Protokoll: Anette Frisch Fotos: Wilma Leskowitsch und Fabian Fiechter