Huckepack durchs Schulhaus

Im Programm Läuft bei Dir! lernen Jugendliche spielerisch die werteorientierte Demokratie kennen. Ein Besuch bei einem Trainingsprogramm für Azubis in Schwäbisch Hall. //

Es ist kurz nach 9 Uhr morgens. An der Gewerblichen Schule in Schwäbisch Hall herrscht konzentrierte Stille. In einem Unterrichtsraum im Erdgeschoss sitzen 17 Jungs und bilden einen Kreis. Die Jugendlichen gehören zu einer Klasse für die Vorbereitung auf die duale Ausbildung. Es ist ein bunter Mix von Schülern, die eines miteinander verbindet: Sie stehen kurz vor Beginn einer Lehre, die für sie die Weichen stellt.

Anna-Maria-Langer studiert Politikwissenschaft in Tübingen. Nebenher engagiert sie sich für die politische Bildung.

Vor der Gruppe stehen zwei junge Frauen. Anna-Maria Langer und Lisa Großmann von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) vermitteln Jugendlichen und jungen Erwachsenen Kenntnisse, Erfahrungen und Maßstäbe, die wichtig für ihren weiteren Lebensweg sind. Das Trainingsseminar, das Anna-Maria und Lisa leiten, ist eine Säule des Programms Läuft bei Dir! Werte, Wissen, Weiterkommen. der Baden-Württemberg Stiftung mit dem Ziel, jungen Menschen am Übergang Schule – Beruf die Bedeutung von Demokratie nahezubringen. Orte dafür sind Ausbildungsbetriebe, Kommunen oder Berufsschulen – wie die in Schwäbisch Hall.

Augen schließen und auf Reisen gehen

Dort geht es los mit einem gemeinsamen Spiel. Lisa erklärt der Klasse, wie es geht. „Schließt einfach mal die Augen“, rät sie den Schülern. „Und dann gehen wir in unserer Fantasie auf eine Reise.“ Lisa studiert Soziologie in Freiburg, arbeitet auf ihren Masterabschluss hin. Dass sie sich an Läuft bei Dir! beteiligt, betrachtet sie als Dienst an der Gesellschaft.

Die jungen Männer um Lisa herum sind in ihren Gedanken unterwegs auf einer Kajaktour, als plötzlich ein Sturm losbricht. „Das Kajak wird von Wind und Wellen weggetrieben“, schildert die Studentin das Geschehen. „Und wir stranden auf einer einsamen Insel.“ Doch es gibt Hoffnung, denn in der Ferne ist ein Hubschrauberlandeplatz zu sehen, wo Hilfe eintreffen könnte.

Lisa Großmann ist Masterstudentin der Soziologie an der Uni Freiburg. Gemeinsam mit Anna-Maria Langer betreut sie die Trainingsgruppe.

Allerdings: Jeder der Gestrandeten hat ein körperliches Handicap und ist deshalb, will er an den rettenden Ort gelangen, auf die Unterstützung der anderen angewiesen. Hier beginnt das Spiel.

Lisa und Anna-Maria führen dazu einen der Jungs nach dem anderen hinaus in den Flur oder ins Treppenhaus des Schulgebäudes. Dabei halten die verunglückten Paddler die Augen geschlossen. Auch Anna ist Masterstudentin. Ihr Fach an der Uni Tübingen: Politikwissenschaft, Schwerpunkt Friedensforschung. Jedem Teilnehmer des Trainingsprogramms gibt sie ein Kärtchen in die Hand. Darauf steht, welches Gebrechen er in dem Spiel haben soll. Manche Gestrandete sind blind, andere können nicht gehen oder sprechen. Das Ziel der Übung ist es, sich gegenseitig sobeizustehen, dass am Ende alle wohlbehalten am Hubschrauberlandeplatz ankommen – das heißt hier: zurück im Klassenraum.

Gemeinsam mit den beiden Coaches erarbeiten die Jugendlichen ein Verständnis dafür, was Gesellschaft bedeutet.

Schwierige Fragen an die Jungs Das gelingt den Jungs auch und geht schnell: Die havarierten Kajakfahrer fassen sich gegenseitig an der Hand und führen sich, sie erklären einander den Weg ans Ziel oder tragen sich gleich huckepack durch den Flur. Deutlich länger braucht es allerdings, bis sie beim anschließenden Gespräch in der Runde auftauen. „Welchen Eindruck hattet ihr als Gruppe, wie habt ihr euch gefühlt?“, fragt Anna-Maria. „Erkennt ihr den Zusammenhang zwischen dem Spiel und der Gesellschaft?“ Die Antwort darauf fällt den meisten Teilnehmern sichtlich schwer. Doch mit Unterstützung der beiden Coaches gelangen die Jungs schließlich doch zu der Erkenntnis: Im Leben ist man auf andere angewiesen – darauf, Probleme Hand in Hand anzupacken und zu lösen. Und: Jeder Mensch hat seinen Platz in der Gesellschaft. Was der Einzelne tut, wirkt sich auf alle anderen aus.

Defizite an den Berufsschulen

An Berufsschulen werden Angebote zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen seltener als an anderen Schulen angenommen. Das zeigt die Statistik: 2017 gab es an Gymnasien im Land 326 politische Bildungsveranstaltungen – an Berufs-schulen dagegen nur 77. Kein Wunder also, dass Schülerinnen und Schüler im Berufsgrundschul- und Berufsorientierungsjahr die größten Defizite auf diesem Gebiet aufweisen. Dabei bietet die politische Bildung gerade an berufsbildenden Schulen besondere Chancen: Die Azubis sind gerade volljährig geworden oder werden es bald, sie dürfen zum ersten Mal wählen gehen, beziehen vielleicht ihre erste eigene Wohnung und gewinnen rasch an Selbstständigkeit.


Zahershah Soltani (17) lebt mit seinem Zwillingsbruder in einem Teilort von Vellberg.

Wie verbringst du deine Freizeit?

Zahershah: Mein größtes Hobby ist das Fußballspielen. Diesen Sport betreibe ich schon seit meinem vierten Lebensjahr.

Spielst du in einem Verein?

Ja, ich bin Stürmer beim TSV Vellberg. Mein Zwillingsbruder spielt übrigens im selben Club: Er ist dort Torwart.

Hat der Sport auch Bedeutung für deine beruflichen Zukunftspläne?

Ja, sicher. Profifußballer zu werden, wäre mein allergrößter Wunsch. Aber das ist sicher kaum zu erreichen.

Gibt es einen Plan B?

Ich möchte Zahnarzt werden. Dazu muss ich natürlich Abitur machen und studieren. Das ist mein festes Ziel. Ich habe auch bereits ein vierwöchiges Praktikum in einer Zahnarztpraxis in Schwäbisch Hall gemacht. Das lief sehr gut.

Wo würdest du gern in Zukunft leben?

Am liebsten in einer Großstadt, zum Beispiel in München – schon wegen der Nähe zur Allianz Arena.


Nemat Rezai (19) kam aus Afghanistan nach Deutschland. Seit zwei Jahren lebt er bei einer Familie in Schwäbisch Hall.

Wie findest du dieses Training?

Nemat: Es macht Spaß, zusammen mit den anderen Jungs zu lernen – und auch mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Das ist wichtig für mich, um meine Deutschkenntnisse zu verbessern – auch als Vorbereitung auf eine Ausbildung.

Welche Ausbildung strebst du an?

Das weiß ich noch nicht genau. Ich habe mehrere Praktika gemacht, unter anderem als Dachdecker und Autolackierer. Letzteres kann ich mir gut als Beruf vorstellen. Auf jeden Fall sollte es etwas Handwerkliches sein.

Was ist dir für die Zukunft am wichtigsten?

Auf Platz eins steht, einen Beruf zu erlernen und einen guten Job zu finden. Danach will ich den Führerschein machen. Später wünsche ich mir auch ein eigenes Haus.


Coaches wie Anna-Maria und Lisa kommen da also genau zur rechten Zeit, um politische Inhalte auf den Plan zu heben. Die beiden Studentinnen greifen dafür zu Tafel, Merkzetteln, Stift und Pins. Und sie stellen den angehenden Azubis noch etliche schwierige Fragen: Was ist die Gesellschaft? Was tun die Menschen dafür, damit sie funktioniert? Welche Bedeutung haben für alle geltende Regeln – und welche davon sind die wichtigsten? Welche Unterschiede kennzeichnen etwa Mann und Frau? Und: Was hält eine Gesellschaft letztlich zusammen?

Die Jungs in der Gruppe – Mädchen gibt es in dieser Klasse nicht – tauen allmählich auf, ihr Interesse am Thema wächst. Zusammen erarbeiten sie eine Liste der sozialen Grundpfeiler: Bildung, Wirtschaft, Organisationen und Vereine, die Kommunikation über Medien wie Bücher, Zeitungen, Fernsehen und Internet. Der Wert von Kunst und Kultur wird ebenso diskutiert wie die Aufgaben des Bundespräsidenten. Wie wichtig das persönliche Engagement für die Gesellschaft ist – etwa der Dienst bei der freiwilligen Feuerwehr oder eine ehrenamtliche Tätigkeit als Sprachlehrer für Geflüchtete – zeigt sich den Jugendlichen in einem weiteren Spiel.

Drei Module für eine runde Sache

Das Programm Läuft bei Dir! Wissen. Werte. Weiterkommen. besteht aus drei Modulen: einem Lerntagebuch, einem medienpädagogischen Escape Room und dem Trainingsmodul zum Demokratieverständnis. Das wiederum ist in drei Blöcke untergliedert, von denen jeder zwei Tage lang dauert. Die Trainingsblöcke drehen sich um die Themen Arbeit und Beruf, Stadt und Wohnen – und eben um die Gesellschaft. Noch lange zehren werden die Teilnehmer des Trainingsseminars auch von der Abschlussaktion in der Innenstadt von Schwäbisch Hall. Auf genau einem Quadratmeter präsentierte jeder von ihnen den Menschen, die vorbeikamen, sein ganz persönliches Anliegen. So wird man vom Wissenskonsumenten zum verantwortungsvollen Gestalter von Gesellschaft und Demokratie.

Reportage: Rolf Metzger. Fotos: Annette Cardinale.


Heikle Mission im Escape Room

Ein besonders begehrter Bestandteil des Programms Läuft bei Dir! Werte. Wissen. Weiterkommen. ist ein sogenannter Escape Room. Er ergänzt das Demokratietraining und schafft ein spielerisches Gruppenerlebnis für die Teilnehmer. Innerhalb einer vorgegebenen Zeit muss ein kniffliges Rätsel rund um die Themen Fake News und Medien gelöst werden. Der Escape Room ist mobil und kann von Berufsschulen in Baden-Württemberg angefragt und gebucht werden unter www.läuft-bei-dir.de