Neue Wege im Knast

In der größten Strafanstalt für junge Männer in Baden-Württemberg probiert die Leiterin vieles aus. Ein Blick hinter die Mauern. //

Du Verräter!

Ein Wort, bei dem man sich unwillkürlich ducken möchte. Niemand will das sein: einer, der denunziert. Im Knast ist der Verräter das Letzte. Einer, auf den jeder herabschaut.

Denis hat ebenso wie alle anderen im Hafthaus E1 ein eigenes Zimmer

Denis, so wollen wir ihn für diesen Bericht nennen, hat eine klare Position zum Verräter. „Mit dem Wort grenzen Starke diejenigen aus, die schwächer sind. Es ist richtig, bei einem Streit Hilfe zu holen, wenn du einen Konflikt gut lösen möchtest.“

Denis, 20 Jahre, blond, wache Augen, ruhige Stimme, sitzt entspannt am Tisch in dem knallig blau und rot gestrichenen Aufenthaltsraum. Das Fenster hinter ihm ist doppelt vergittert. Die Sonne zeichnet das Muster auf Boden, Tisch, Wände – eine stille Erinnerung daran, dass das hier ein Gefängnis ist. Justizvollzugsanstalt Adelsheim: der einzige Jugendknast in Baden-Württemberg.

Adelsheim muss man nicht kennen. Es ist eine Kleinstadt mit knapp 5.000 Einwohnern im Neckar-Odenwald-Kreis. In den 1970er-Jahren ließ das Land auf einem rund zehn Hektar großen Gelände bauen: Hafthäuser, Werkstätten, Schule, Sportplatz, Verwaltung, Mauern und was es für ein Gefängnis sonst noch braucht.

Der Eindruck: zweckmäßige Enge

Wer 45 Jahre später durch ausgedehnte Landschaften fährt und schließlich vor dem Gefängnis ankommt, sieht rechts neben dem Tor ein eingerüstetes Verwaltungsgebäude. Seit vier Jahren wird hier renoviert, weshalb der Einlass in die abgeschlossene Welt der Anstalt durch mehrere Container führt, die unmittelbar den Eindruck von zweckmäßiger Enge entstehen lassen.

Auf 14 Quadratmetern Standardfläche empfängt auch Katja Fritsche ihre Gäste. Die Juristin leitet Adelsheim seit viereinhalb Jahren. In dieser Zeit hat sich hier einiges verändert, denn Katja Fritsche hat Power und das, was man ein Ideal nennen könnte. „Wie können wir den Jugendstrafvollzug so ausrichten, dass die jungen Männer Verantwortung für sich und ihr Verhalten übernehmen und ihr Leben hinterher möglichst positiv gestalten?“ Das Gesicht der 48-Jährigen strahlt Überzeugung und Begeisterung aus bei diesem Satz.

Katja Fritsche leitet die JVA Adelsheim, Dr. Nikolas Blanke (Mitte) ist ihr Stellvertreter, Maximilian Roser das dritte Mitglied der Anstaltsleitung

Als Katja Fritsche nach Adelsheim kam, gab es ein Projekt, das schnell ihre Aufmerksamkeit weckte: „Positive Peer Culture“ (PPC), übersetzt mit „Fördernde Gruppenkultur“. Dabei handelt es sich um ein drei Jahre dauerndes Modellprojekt in der Trägerschaft des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland (CJD), das von der Baden-Württemberg Stiftung finanziert und im Hafthaus E1 durchgeführt wird.

Das E1 unterscheidet sich von außen durch nichts vom E2 oder E3, den danebenliegenden Hafthäusern: drei gestreckte Gebäuderiegel mit jeweils drei Geschossen. Hinter zwei verschlossenen Eingangstüren liegen im Erdgeschoss Gruppenräume, Toiletten, Technikraum – auch hier sind die Türen allesamt zugesperrt.

Eine Metalltreppe führt ins erste, von dort ins zweite Geschoss. Am Ende jedes Stockwerks liegt das verglaste Büro der uniformierten Bediensteten, links und rechts an den etwa 30 Meter langen Wänden die Zellentüren, rund 40 Zellen in jedem Gebäude. Der Unterschied: Im E1 leben nicht durchschnittlich 48 Inhaftierte wie im E2 oder E3, sondern maximal 30; 15 auf jedem Stockwerk. „Wohngruppenvollzug“ heißt im juristischen Jargon, was im Hafthaus E1 praktiziert wird. Praktisch bedeutet das: intensivere Betreuung durch mehr Personal, soziales Lernen in der Gruppe, Beteiligung der jungen Männer an Entscheidungen.

Die Grundnormen: Ohne sie geht nichts

Denis ist Stockwerksprecher im E1. Er stammt aus einem kleinen Ort im Allgäu; Einbrüche und Diebstahl haben ihn für drei Jahre nach Adelsheim gebracht. Was unterscheidet das E1 für ihn von den anderen Hafthäusern? „Wir haben mehr Gruppenangebote und sitzen weniger allein in der Zelle. Das schweißt uns als Team zusammen und wir verstehen uns besser.“

Die Wand mit den sechs Grundnormen hängt direkt im Eingangsbereich vom E1 – jeder geht hier täglich mehrmals vorbei

Als Sprecher seines Stockwerks hat Denis unter anderem die Aufgabe, neue Insassen mit dem Inhalt eines Lernordners vertraut zu machen. Darin stehen beispielsweise die sechs Grundnormen, die Jugendliche und Mitarbeiter zu Beginn des Projekts im März 2015 gemeinsam entwickelt haben und die das Zusammenleben im E1 regeln.

Wir gehen respektvoll miteinander um.

Wir nehmen Rücksicht aufeinander.

Wir helfen Anderen, wenn sie Probleme haben.

Wir üben keine körperliche oder psychische Gewalt aus.

Wir behandeln unser Eigentum und das der Anderen sorgfältig.

Wir sprechen Probleme offen an.

„Wer neu zu uns kommt, muss unsere Grundnormen ernst nehmen und ebenfalls alle anderen Regeln“, sagt Denis. Auch die, dass der Begriff „Verräter“ nicht zum Wortschatz gehört. „Aufgenommen im E1 ist einer erst dann, wenn er eine mündliche Prüfung besteht, in der wir ihn zu unseren Regeln und Zielen befragen.“

Das Ziel: ein Klima von Vertrauen

Kristina Holderbach, 29, arbeitet seit sechs Jahren in Adelsheim. Die Sozialarbeiterin kennt das E1 noch, als hier ganz normaler Regelvollzug herrschte. Sie hat Positive Peer Culture von Beginn an miterlebt: die Diskussionen im Kreis aller Angestellten, die Schulungen, das Teambuilding, die holpernde Startphase. „Wir haben damals Neuland betreten und wussten nicht immer genau, wohin es geht.“ Bis die Abläufe und Strukturen etabliert waren, dauerte es ein anstrengendes halbes Jahr.

Seither, sagt Kristina Holderbach, empfinde sie die Arbeit als viel angenehmer und zufriedenstellender. „Wir sind näher dran an den

Sozialarbeiterin Kristina Holderbach schätzt die freundliche Atmosphäre im E1

Jungs und haben ganz andere Spielräume.“ So ist sie außerhalb der Anstalt viel unterwegs mit denen, die sogenannte Lockerungen haben: beispielsweise bei Kontakten zur Familie oder bei regelmäßigen Besuchen des Tierheims im Nachbarort, für das die Insassen eine Patenschaft übernommen haben.

Das Zusammenleben im E1 ist nicht frei von Konflikten. Die im Gefängnis üblichen Freizeitsperren werden hier jedoch eher selten angewandt. „Wir lösen die meisten Probleme, indem wir uns zusammensetzen und miteinander reden“, sagt Kristina Holderbach. „So lernen die Jugendlichen, wie sie selbst zu einem vertrauensvollen Gruppenklima beitragen.“ Intensive Beziehungsarbeit, für die sie viel zurückbekomme: Dankbarkeit, Freundlichkeit, Lächeln. „Das macht es viel leichter, das Büro morgens aufzuschließen und loszulegen.“

Das Theater: hinter Gittern

Mittlerweile ist die Finanzierung des Projektes PPC von der Baden-Württemberg Stiftung bis 2021 verlängert worden. Ein Schwerpunkt liegt in diesen drei Jahren auf dem sogenannten Übergangsmanagement, also der Betreuung der jungen Männer nach der Haft. „Das ist eine besonders kritische Zeit“, sagt Anstaltsleiterin Katja Fritsche. „Wenn da etwas schiefläuft, jemand beispielsweise keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz findet oder zurück in die alten Cliquen driftet, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er wieder vor Gericht landet.“

Bevor sie sich selbst auf die Bühne stellen, über die jungen Männer im Projekt „Theater hinter Gittern“ erst einmal mit Handpuppen

Für Katja Fritsche hat die erste Projektphase gezeigt: Durch eine fördernde Gruppenkultur können die im Gefängnis üblichen problematischen Einflüsse von Subkulturen deutlich gemindert werden. „Wir sehen, dass es sich auszahlt, den jungen Menschen mehr Wertschätzung entgegenzubringen und sich auf das zu fokussieren, was sie an Stärken und Talenten haben.“ Ermutigung statt Sanktionen: Das eröffne Räume für positive Erfahrungen und die Entwicklung von Kompetenzen, die für das Leben nach dem Knast wertvoll seien.

PPC ist nicht das einzige Projekt in Adelsheim, mit dem Katja Fritsche neue Wege im Jugendstrafvollzug einschlägt. Seit 2017 läuft das ebenfalls für drei Jahre von der Baden-Württemberg Stiftung finanzierte Projekt „Recreation“, das aus zwei Bausteinen besteht: „Reset“ und „Start-up“. „Reset“ ist ein Programm für junge Männer, die besonders negativ aufgefallen sind: die Mithäftlinge unter Druck gesetzt, Schule oder Arbeit verweigert, sich besonders aggressiv verhalten haben. Das Programm „Start-up“ läuft im sogenannten Q-Bau von Adelsheim: Hier werden neue Wege ausprobiert, um mit psychisch auffälligen Jugendlichen zu arbeiten, beispielsweise durch tiergestützte Pädagogik.

Ein drittes Projekt in Adelsheim finanziert die Baden-Württemberg Stiftung über einen Zeitraum von zwei Jahren: „Theater hinter Gittern“, initiiert vom Theater Konstanz. In diesem Rahmen kommen regelmäßig Theaterpädagogen ins Gefängnis und studieren mit 15 jungen Männern Shakespeares Macbeth ein. Macht, Gewalt, Manipulation, menschliches Scheitern: Das mehr als 400 Jahre alte Drama reflektiert viele Themen, mit denen die Inhaftierten vertraut sind – auch den Verrat.

Text : Iris Hobler. Fotos: Markus J. Feger